Von Enten und Großmüttern.

Texte, Texte, und kein Ende? Nun, ich gebe zu, derzeit bin ich etwas blogfaul, wenn man das so sagen kann. Besserung gelobe ich selbstverständlich nicht, dennoch sei an dieser Stelle eine gute Tat vollbracht: In diesem Sinne also hier meine kulinarische Weihnachtsgeschichte, die du, liebe Nele, die ich dich ausnahmsweise namentlich erwähne, hiermit offiziell kommentieren darfst und sollst. Nun denn, ran an die Tasten, an den Speck, an den Salat, oder woran auch immer!

Das Weihnachtsessen

Wir saßen bei Tisch. Mama, Papa und ich. Wir schwiegen. Es war der 26. Dezember, und im Haus roch es herrlich nach Braten, nach Keksen, nach Kerzen. Es duftete weihnachtlich, der Tisch war mit einem schneeweißen Tuch aus Stoff gedeckt, Mama hatte das gute Porzellan aus dem Schrank geholt und auch das teure Besteck. Doch in diesem Jahr war die Stimmung getrübt. Großmutter war zwei Tage vor Heiligabend für tot erklärt worden. Anfang Dezember war sie zu einer Weltreise aufgebrochen, weil sie wenigstens noch einmal etwas von ihrer Rente haben wollte, wie Mama gemeint hatte. Nur wenige Tage später verschwand sie jedoch spurlos. Mama und Papa telefonierten viel, doch schließlich hieß es, die Strapazen wären wohl zu viel für sie gewesen, so dass sie in irgendeinem seltsamen Land umgekommen sein musste. Anders sei ihr Verschwinden nicht zu erklären, war Mama sich sicher. Papa hatte dazu nur genickt. Und Mama sagte nun auch, wir müssten natürlich traurig sein, sollten aber dennoch Weihnachten feiern wie jedes Jahr. Oma hätte es doch auch so gewollt.

Und wie wir feierten! Wie die Könige! Die Geschenke fielen größer aus als in den vorherigen Jahren. Weitaus größer sogar: Ich bekam einen gigantischen Flachbildfernseher für meine X-Box. Und dazu ein ziemlich teures Surround-Sound-System, das ich mir von meinem Taschengeld in zehn Jahren noch nicht hätte leisten können. Was staunte ich Bauklötze, als ich den riesigen Stapel aus eingepackten Geschenken sah, der den Blick auf unseren geschmückten Weihnachtsbaum fast völlig versperrte! Doch als Mama und Papa ihre Geschenke auspackten, bekam ich es schon ein wenig mit der Angst zu tun. Mama schenkte Papa eine Urlaubsreise nach Ägypten für uns drei. Während sie ihm die Tickets überreichte, gab sie ihm einen Kuss auf die Wange und strahlte über beide Ohren. Und Papa hatte Ohrringe für Mama gekauft. Er sagte, die seien aus Platin. Aus Platin! Weil sie eine tolle Frau sei, die nichts anderes als das Beste vom Besten verdiene. Danach konnte ich nicht anders, ich fragte nach, wie wir uns das alles plötzlich leisten konnten.

»Die Oma hat eben immer viel gespart«, sagte Mama. »Sehr viel sogar. Und das werden wir jetzt erben. Weil wir ja ihre einzigen näheren Verwandten sind.«

Mama erklärte mir das, als sei ich noch ein kleiner Junge, der die Welt einfach nicht begreift. Doch ich bin kein kleiner Junge. Ich bin elf und weiß genau, was es bedeutet, wenn man das Geld mit vollen Händen zum Fenster rauswirft, und das sagte ich auch.

»Sei nicht albern, Tim«, sagte meine Mama dazu nur und streichelte mir über den Kopf. »Oma hätte das so gewollt.« Noch immer hatte sie diesen belehrenden Tonfall.

Als wir nun am gedeckten Tisch saßen, sah ich Papa an. Er schwieg, wie er es meistens tat, bis Mama ihm sagte, dass er gefälligst auch mal den Mund aufmachen sollte. Dann kam Mama mit der Weihnachtsente aus der Küche. Sie schnaufte und keuchte, als sie das riesige Tablett mit dem Braten auf den Tisch stellte.

»Donnerwetter!«, entfuhr es meinem Papa. Nun hatte er doch geredet, ohne gefragt worden zu sein.

»Das kannst du laut sagen!«, schloss ich an. »Das ist die größte Ente, die ich je gesehen habe.«

»Und sie ist ganz hervorragend gelungen«, sagte Mama und grinste stolz. »Und wir werden sie uns jetzt schmecken lassen! Was möchtest du, Tim? Keule oder Flügel?«

»Mama?«

»Ja?«

»Sollten wir nicht erst das Tischgebet sprechen?«

»Nein, Tim. Wir werden nicht beten«, sagte Mama kurz angebunden und begann, mit dem Messer die Ente zu zerteilen. Ich fand das nicht in Ordnung und protestierte weiter: »Aber wir beten doch sonst auch immer. Und es ist ja auch Weihnachten. Du hast immer gesagt, da gehört sich das erst recht.«

»Tim, es wird nicht gebetet, verdammt noch mal! Hör auf deine Mutter!«, fuhr mein Papa dazwischen. Er sagte es in diesem bedrohlichen Ton, der keine Widerrede zuließ.

»Oma hätte das so gewollt«, murmelte ich.

»Tim, es reicht!«, raunten meine Eltern im Chor, als hätten sie sich abgesprochen. Dabei straften sie mich mit tadelnden Blicken, bis ich nicht anders konnte, als den Kopf zu senken und auf meinen Teller zu starren. Prompt hatte ich ein großes Stück Fleisch darauf zu liegen.

»Nimm dir bitte selbst Kartoffeln und Rotkohl, so viel du magst«, sagte Mama. »Guten Appetit und nochmals frohe Weihnachten!«

»Frohe Weihnachten«, brummte Papa. Ich schwieg.
Die Ente war zäh und schmeckte überhaupt nicht. Doch ich wollte mir nichts anmerken lassen, weil ich nicht undankbar sein wollte. So aß ich meine Kartoffeln und stopfe mir genügend Rotkohl in den Mund. Ich würde einfach sagen, dass ich die Ente nicht mehr schaffe. Während ich aß, schaute ich zu meinen Eltern. Ihnen schien die zähe Ente gar nichts auszumachen. Mama schob sich die Fleischstücken in den Mund, als hätte sie seit Wochen gehungert. Nie zuvor hatte ich sie so gierig schlingen gesehen. Und auch Papa stopfte sich das trockene Ding in den Mund, als wäre es das Köstlichste, das ihm je untergekommen war. Bratfett hing an seiner Unterlippe, lief sein Kinn herab und blieb in seinen Bartstoppeln hängen. Wie hypnotisiert starrte ich auf den Tropfen aus Fett, der sich dort bildete, um dann auf den Teller zurückzufallen.

»Das ist die beste Ente, die wir je hatten!«, nuschelte er mit vollem Mund und schmatzte genüsslich wie ein Schwein.

»Vielen Dank, Schatz!«, antwortete meine Mutter und stopfte sich selbst einen weiteren großen Bissen in den Mund. Ich konnte gar nicht hinschauen. Meine Eltern aßen nicht, sie fraßen! Wie konnten die beiden dieses eklige Ding so herunterschlingen? Ich war kaum in der Lage, das Fleisch überhaupt zu beißen. Es fühlte sich im Mund an wie ein Stück alte Schuhsohle und schmeckte wahrscheinlich auch genauso. Meine Mama sah, dass ich geschickt um mein Stück Ente herumaß.

»Iss jetzt die Ente, Tim!«, sagte Mama mit strenger Stimme.

»Mama?«

»Was denn jetzt?«

»Ich schaff die Ente nicht. Ich hab zu viele Kartoffeln gegessen.«

»Du isst deine Ente, sonst setzt es was!«, schimpfte Papa. Damit war die Sache für ihn erledigt. Für mich natürlich auch. Ich würde das zähe Ding essen müssen, und wenn mir davon der Kiefer ausleierte. Mit der Gabel zerteilte ich mühsam den widerspenstigen Fleischbrocken, als ich etwas Seltsames darin entdeckte. Mit Daumen und Zeigefinger griff ich danach und zog es vorsichtig aus dem Fleisch heraus. Eine graue Haarsträhne, leicht gelockt, von der nun etwas Bratensoße tropfte. Wie kam die in die Ente? Mama hatte kein graues Haar, Papa auch nicht. Locken hatten sie beide nicht. Oma, schoss es mir wie ein Blitz in den Kopf! Aber, nein, was ich nun dachte, konnte nicht sein. Ich war sicher, dass das Blödsinn war, und doch musste ich einfach nachfragen.

»Mama?«, begann ich vorsichtig. Genervt von meinen ständigen Fragen, ließ sie die Gabel auf das Porzellan fallen. Das laute Pling-Geräusch, das dabei entstand, zerschnitt die Stille wie ein Messer.

»Was ist denn jetzt schon wieder?«

»Ich- ich frag mich, woran Oma gestorben ist«, sagte ich leise und schaute so betreten drein, wie ich konnte.

»Tim, nicht beim Essen!«, murmelte Papa.

»Aber-«, begann ich und wurde von Mama unterbrochen: »Oma war schon alt. Und wenn man alt ist, dann stirbt man eben irgendwann. Sie hatte ein gutes und langes Leben. Jetzt sei ruhig und iss gefälligst!«

»Essen wir gerade Oma?«, entfuhr es mir schneller, als ich darüber nachdenken konnte, ob es gut war, diese Frage zu stellen. Und es war nicht gut, denn als nächstes sah ich nur noch Sterne, weil Papa mir dermaßen eine scheuerte, dass ich fast vom Stuhl gefallen wäre.

»Verschwinde auf dein Zimmer und wage es nicht, heute noch mal raus zu kommen!«, schrie meine Mutter mich an.

Ich wollte protestieren, als mein Papa mich am Kragen packte. »Hör auf deine Mutter!«, brüllte er mich an.

Bis zum Abend lag ich auf meinem Bett und starrte an die Decke. Meine Wange fühlte sich heiß an. Sie brannte wie Feuer, und mein Kiefer schmerzte. Tolles Weihnachten, dachte ich. Da verging mir auch die Lust, an der X-Box zu spielen. War das wirklich Oma, die meine Eltern gegessen hatten? Das war doch völliger Unsinn. Meine Eltern waren keine Menschenfresser, und meine Frage war einfach unverschämt gewesen. Kein Wunder, dass sie böse geworden waren. Doch wie kamen dann die grauen Haare in die Ente? Und Enten waren doch nie und nimmer so groß, oder? Ich musste mir das alles einbilden, so viel war klar.

Während ich weiter darüber nachdachte, wurde es dunkel. Irgendwann glitt ich, ohne es zu merken, in den Schlaf hinüber. Einmal nur wachte ich vor Schreck auf, weil ich geträumt hatte, Mama würde sich ein Bein absägen, um mich damit zu jagen und zu verhauen. Ich spürte, dass mein Herz heftig hinter meiner Brust schlug. Nur ein Traum, dachte ich. Während ich mich beruhigte, hörte ich meinen Papa im Bad würgen. Hatte er etwa zu viel von der ekligen Ente gegessen? Vermutlich. Noch während ich mich fragte, wie sie es geschafft haben mochten, das zähe Ding zu tatsächlich herunterzuwürgen, döste ich wieder ein.

Weihnachten ging dahin, wie es gekommen war. Silvester stand ins Haus, und am Abend ließen meine Eltern das schönste Feuerwerk in die Luft gehen, das man in der Nachbarschaft je gesehen hatte.

»Da werden die Koschinskys vor Neid grün, wenn die das sehen«, hatte meine Mama gesagt und wie ein kleines Mädchen gekichert.

Ein paar Tage nach Neujahr waren wir bei der Testamentseröffnung. Omas Leiche war noch immer nicht gefunden worden, doch da man sie für tot erklärt hatte, war es wohl in Ordnung, ihr Testament zu verlesen.

»Soll ich die Ohrringe mit den Steinen tragen, oder doch lieber die neuen, die du mir geschenkt hast?«, hatte Mama vorher meinen Papa gefragt. Die beiden hatten sich rausgeputzt, als würden sie tanzen gehen. Und nun saßen wir hier und warteten darauf, dass der nette Herr mit dem weißen Haar, der uns vorher sein Beileid ausgesprochen hatte, endlich vorlas, was Oma uns vermacht haben würde. Als er das Testamentsschreiben öffnete, nahm Mama Papas Hand in ihre und drückte sie ganz fest.

Der Mann verlas den Inhalt, und meine Eltern wirkten sichtlich gelangweilt, bis er nach einer gefühlten Ewigkeit dazu kam, was denn nun vererbt wurde.

»Dir, Jochen, geliebter Sohn, vermache ich mein kleines Wochenendhaus in der Lüneburger Heide. Mögen Sabine und du dort einige entspannte Wochenenden verbringen.«

Mama warf Papa ein strahlendes Lächeln zu. Ihre Augen glänzten wie Edelsteine, und auf ihren Wangen zeichnete sich eine leichte Röte ab, so wie immer, wenn sie sich sehr freute.

»Doch mein beträchtliches Vermögen, das sich immerhin auf knapp 800.000 Euro beläuft«, fuhr der Mann fort, »vermache ich einzig und allein meinem lieben Enkel Tim. Jochen, du und Sabine, ihr würdet mein Geld doch nur mit vollen Händen ausgeben. Ich werde veranlassen, dass mein Vermögen von einem Treuhänder verwaltet und geschützt wird, bis Tim selbst alt genug ist, um darüber zu verfügen. Sofern sich dies erwirken lässt, sollt ihr beide noch nicht einmal den Pflichtteil bekommen.«

Während der freundliche Herr weitersprach und dabei zunehmend rot wurde, konnte ich sehen, wie Mamas Gesicht sich zunehmend weiß färbte. Sie drehte sich zu mir und funkelte mich böse an. Papa schwieg einfach und starrte in die Leere. Ich sah jetzt lieber weg, denn Mamas Blick machte mir Angst. Große Angst sogar!

Inzwischen sind wir wieder auf der Heimfahrt. Ich sitze im Auto und schaue zum Seitenfenster raus. Draußen zieht die Landschaft still an meinen Augen vorbei. Mama und Papa haben seit dem Ende der Testamentseröffnung kein einziges Wort gesprochen. Hin und wieder schaue ich nach vorn. Papa sieht mich ab und zu durch den Rückspiegel an. Mama schaut derweil selbst zum Seitenfenster raus.

Und dann redet Mama plötzlich doch: »Jochen, ich glaube, wir sparen etwas Geld. Tim wird nicht mit nach Ägypten kommen.« Papa nickt nur und schweigt. Mama dreht sich zu mir herum und lächelt.

»Nicht wahr, Tim?«

Ihre Augen leuchten. Dann leckt sie sich über die Lippen.

11 Gedanken zu “Von Enten und Großmüttern.

  1. Nele

    ja ja ja xD

    Endlich ist sie hier! Und endlich kann ich auch mal meinen Senf dazugeben!

    Alsoooo...^^

    Ich muss ja gestehen als ich die Länge gesehen habe war ich fast schon wieder zu faul mir das alles durchzulesen.
    Dann jedoch habe ich den ersten Absatz gelesen und ich musste weiter lesen.
    Tja Thomili, da hast du es tatsächlich geschafft mich zu fesseln und mich somit quasi gezwungen deine geschichte zu lesen.

    Finde ich ja toll =)
    Ist sozusagen voll nach meinem Geschmack.
    Und vor allem vervollständigt sie mein Bild was ich von dir habe 😀

    Böse Menschen, böse gedanken 😉

    Antwort
  2. PhanThomas

    Die Firma dankt. Aber was heißt hier, böse Menschen, böse Gedanken??? Es kam nicht mal 'ne Axt drin vor, ja? 😉 Die gibt's dann in der nächsten Weihnachtsgeschichte...

    Antwort

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Du möchtest einen Kommentar hinterlassen, weißt aber nicht, was du schreiben sollst? Dann nutze doch den KOMMENTAROMAT! Ein Klick auf einen der Buttons unten trägt automatisch die gewählte Reaktion in das Kommentarfeld ein. Du musst nur noch die Pflichtfelder ausfüllen und den Kommentar abschicken. :)