Was zum Lesen und Scrollen.

Damit ich nicht bis auf Weiteres jeden Tag über [ein und dasselbe Thema] schreibe, bis mich letztlich niemand mehr lesen mag und mein Ego zu weinen beginnt, hier ein Stück Text zum Lesen und Scrollen. Fiktiv natürlich. In vielerlei Hinsicht nie passiert, zumindest nicht mir. Wer nicht scrollen mag oder kein Scrollrad hat, der möge die allmächtige URL-Zeile befragen und per HTTP-Teleporter woanders hingesurft werden...

Die Anzeige

Es ist dunkel, es ist arktisch kalt, es ist nass, es regnet sozusagen Eiszapfen. Die Hände habe ich in meine Manteltaschen gestopft, wo ich meine Finger über Kekskrümel streichen lasse - wie auch immer die da reingelangt sein mögen -, den Kopf habe ich im Kragen versteckt wie eine scheue, alte Galápagos-Schildkröte, aber helfen tut das alles nichts. So‘n Mantel, das ist ja kein Heizofen, nicht wahr? Was stehe ich auch so früh und mutterseelenallein an der verlassensten Bushaltestelle der Welt herum, als hätte ich kein Zuhause? Allein. Wartend. Auf den ersten Bus des Tages. Jeder Leuchtturmwärter hat um die Zeit mehr Gesellschaft als ich. Vermutlich sitzt selbst der Busfahrer noch gemütlich im Bett, freut sich über seine warmen Zehen und löffelt nebenher summend eine Schüssel Müsli. Im Schneckentempo natürlich, damit ich länger warten muss. Kielholen sollte man den Kerl!

Obwohl die blinkende Digitalanzeige über mir ja eigentlich steif und fest behauptet, der Bus komme in zehn Minuten. Nur zehn Minuten warten. Ausharren in der Kälte. Geduld haben. Puh. Alles kein Problem. Schließlich habe ich nachher volle sechs Minuten Zeit zum Umsteigen. Den Anschluss schaffe ich locker. Ha, so locker, dass ich mir in aller Ruhe einen Kaffee und ein belegtes Brötchen kaufen werde, bevor ich umsteige. Ganz souverän werde ich das tun, als wäre ich geboren worden, um heute Kaffee und Brötchen zu kaufen. Denn ich hab ja Zeit. Fast schon wie Methusalem, so viel, jawohl!

Neun Minuten. Die blinkende Digitaltafel zeigt noch stramme neun Minuten an. Könnte das Ding sprechen, müsste ich nicht dauernd draufschauen. Aber war das jetzt wirklich nur eine einzige Minute, die da eben in den Äther gehuscht ist? Kann ich mir gar nicht so recht vorstellen. Da müssten doch mindestens fünf Minuten dazwischen gepasst haben. Eher sechs. Vielleicht sogar sieben. Acht? Das verdammte Ding blinkt nicht nur stumm, es flunkert vermutlich auch noch. Aber nicht mit mir, Freundchen! Herrje, nein, ich rede mir das alles sicher nur ein. Neun Minuten werden stimmen. Müssen stimmen! So eine Tafel ist schließlich ein Computer. Der kennt nur Nullen und Einsen, der macht nichts falsch, der Computer. Platinen und Mikrochips, das sind doch heute sie Säulen der Welt, oder nicht? So ein Computer, der weiß eben, was er tut.

Aber das verflixte Wetter offenbar nicht. Nicht, dass ich ungeduldig wäre, nein, aber frieren tue ich nun wirklich nicht gern. Wenigstens könnte der eklige Regen in den Wolken bleiben. Der Unterstand hier ist nämlich auch nicht mehr das, was er mal war: durchlässiger als mein Duschkopf, das verdammte Ding. Oh, acht Minuten. Na, wollen wir‘s der Flunkertafel mal glauben. So langsam müsste der Busfahrer ja auch unterwegs sein, auf seinem beschwerlichen Weg hierher. Der macht das schon, der Mann, auch wenn er mit dem Müsli trödelt. Ja, der schafft das ganz gewiss, das Ungetüm von Bus pünktlich hierher zu bekommen. Ein gestandener Busfahrer, der macht das ja Tag ein, Tag aus. Die Veteranen unter den Autofahrern sind das. Und auf meiner Linie fährt heute vermutlich Rambo persönlich. Da muss ich mir nun auch wirklich keine Sorgen machen. Nicht, dass ich das je getan hätte.

Wäre ja auch nicht auszudenken, wenn ich ausgerechnet heute meinen Anschluss verpassen würde. Im schlimmsten Fall stünde ich irgendwann heute wieder hier, abgehetzt und zerzaust wie ein gejagtes Eichhörnchen, hätte nichts erreicht, wäre genau da, wo ich jetzt bin. Oh Gott, was für Assoziationsketten sich da ergeben! Meine ganze liebevoll glattgebügelte Laufbahn, ruiniert durch einen einzigen zu spät kommenden Bus! Vielleicht wäre ich einmal Abteilungsleiter, Firmenchef, später dann sogar Politiker geworden. Ein einflussreicher Minister. Ja, Finanzminister. Oder ach, warum nicht gleich Kanzler!? Ein ganz hervorragender Kanzler, keiner wie der, der an meiner statt drankäme, nur weil ich heute meinen Bus nicht gekriegt haben würde. Stattdessen käme einer, der dann die Steuern erhöht wie Einsätze im Casino, der Atomkriege anzettelt und die ganze Welt ins Elend stürzt. Nur wegen eines blöden verspäteten Busses, Stein des Anstoßes, Todbringer ganzer Generationen, Vernichter der Menschheit! Darüber nachdenken darf ich ja ganz und gar nicht, da wird mir gleich ganz anders. Sieben Minuten.

Hm, ist ja noch nicht gerade viel Verkehr unterwegs. Da kann man sich eigentlich gar nicht verspäten. Es sei denn, der Trottel von einem Busfahrer isst sein Müsli mit Schnaps, statt mit Milch. So ein Bus ist ja wie ein motorisierter Dinosaurier. Groß, schwer und träge. Der kann schon mal an einem Eisenbahnbrückenpfeiler enden, wenn der Fahrer nicht richtig aufpasst, weil er geladen ist wie eine Haubitze und das Lenkrad nicht zu greifen kriegt, obwohl das so groß ist wie der Hintern eines Brauereipferdes. Dann gibt‘s nicht nur katastrophale Zugunglücke mit hunderten von Toten, nein, es gibt auch noch einen verspäteten Bus! Meinen verspäteten Bus! Verdammt, was stellen die auch alkoholisierte Busfahrer an? Ich sollte mich irgendwo beschweren! Bei einer Zeitung, beim Fernsehen. Aber in fünf Minuten soll es ja losgehen. Nur die Ruhe...

Fünf Minuten, das ist wie vier Minuten, nur eben ein klitzekleines Bisschen oben drauf. Wäre die Warterei was Gutes, würde ich sagen, sie wäre das Sahnehäubchen. Und eigentlich läuft ja auch alles wie am Schnürchen: Die Digitalanzeige tut, was sie soll, der Bus wird also gleich kommen, ich werde pünktlich sein. Das Leben sollte glatt eine Aneinanderreihung von Digitalanzeigen sein. Ein einziges großes Funktionieren, Nullen und Einsen, leuchtend und sauber zählend vom Anfang bis zum Ende. Na bitte, nur noch vier Minuten.

Da bleibt noch Zeit für den »Rundum-Check«. Zwar wäre es eh zu spät, sollte ich doch irgendwas daheim liegen gelassen haben, aber lieber fahre ich in dem Bewusstsein, was ganz Bestimmtes vergessen zu haben als mit der Annahme, einfach irgendwas nicht dabei zu haben. Hm, ja, hm, doch, auch, hm, hm, alles da. Oder? Nee! Ja, doch. Und siehe da, nur noch drei-

Fünf? Da standen doch eben noch vier Minuten drauf! Hey du Ding, fünf ist nicht kleiner als vier! Seit wann kommt die Fünf nach der Vier, wenn man rückwärts zählt, hä? Du liebe Güte, ich vertraue hier auf eine falsch rechnende Digitalanzeige. Ich habe doch gleich gesagt, das Ding flunkert! Wie gedruckt lügt das! Nicht ich sollte Politiker werden, sondern die blöde Anzeige. Leuchtet lügend vor sich hin, als wäre nichts dabei. Pah, wahrscheinlich haben sie das Teil damals schon in Tschernobyl benutzt, nur dass da noch »Alles in Butter« drauf stand, bevor dann eben die Kerne schmolzen wie Butter. Alles in Butter, hä? Fünf verdammte Minuten sind nicht in Butter, wenn eben noch vier drauf stand! Vom Pfahl sollte man das Mistding treten. Einen Schneeschieber sollte man aus dir machen!

Jetzt steht da auch noch drei! Wo ist denn jetzt die Vier hin? Nichts und niemandem kann man heute mehr vertrauen. Besoffene Busfahrer fahren gegen Brückenpfeiler, Digitalanzeigen kündigen im Angesicht des Weltuntergangs leuchtend tolle Zeiten an... Wo soll das noch hinführen? Kann man denn nicht mal mehr so einfache Dinge tun wie Bus fahren? Warum nennt man diese unzuverlässigen Brückenbomber überhaupt Bus und nicht gleich Unglück? Dann wüsste man wenigstens, dass man sich ins Unglück stürzt, wenn man einsteigt und könnte, wenn doch mal was klappt, immerhin sagen, dass man Glück im Unglück gehabt hat. Dann wüsste jeder, woran er ist, aber wozu auf mich hören, wo ja eh niemand auf mich zu hören scheint!?

Schließlich krieg ich noch nicht mal einen einzigen pünktlichen Bus! Das ist doch dermaßen zum Heulen, dass sogar der Himmel eiskalte Tränen mitweint. Oder sind das eher Lachtränen? Mich wundert ja heute nichts mehr! Na vielen Dank auch! Verdammter Mist, jetzt komm ich zu spät, ach was, ich komm gar nicht an! Blöde Anzeige, du brauchst gar nicht erst was von zwei Minuten anzeigen, verlogenes Ding! Hätt ich was Verlogenes haben wollen, das mich anstrahlt, hätt ich geheiratet!

Da kann ich jetzt auch gleich meine Tasche schnappen und zurück nach Hause trotten. Über welche Telefonnummer kann ich mich beschweren? Jetzt könnte ich ausnahmsweise eines dieser Internettelefone gebrauchen. Pah, ich werde jetzt zurückgehen, zurückstampfen! Und dann werde ich telefonieren. Oh ja, wie ein Gott werde ich telefonieren und ein Schimpfgewitter auf die saudumme Verkehrsgesellschaft niedergehen lassen, dass in dem ganzen verdammten Laden sämtliche Ohren zu bluten anfangen! Noch in hundert Jahren wird man davon berichten! Euch knöpf ich mir vor! Nicht mit mir, Leute, nicht mit mir! Mir hier an einem so widerlich kalten Morgen das Leben zu versauen! Euch mach ich fertig, euch werde ich... Ah, der Bus.

7 Gedanken zu “Was zum Lesen und Scrollen.

  1. pauli1910

    Genauso hab ich mich den ganzen Winter über gefühlt...
    Klasse Text.
    Daher konnte ich mir ein herzhaftes, ironisches Lachen auch nicht verkneifen.

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  2. Anonymous

    @Rudi: kann ich Dir sagen - wenn man nämlich kurz vor knapp, oder pünktlich an der Busstation auftaucht - sieht man mit Sicherheit nur die Rücklichter des Busses. Werner

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  3. PhanThomas

    @Frank: Danke schön! Ich hab noch so einige davon. 🙂
    @Pauli: So ging's vermutlich echt vielen Leuten. Mir, wie du dir wohl denken kannst, ja auch.
    @Rudi: Na ja, mir passiert so was schon mal, weil ich nicht zu spät kommen will. Dann beeile ich mich, renne los und mach und tu und steh viel zu früh an der Haltestelle. So wie an jenem Morgen... 😉
    @Walter: Oh ja, das ist auch immer wieder schön, wenn man dem Bus noch nachwinken kann. Am besten bei Eisregen.

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  4. Anonymous

    Auch als Autofahrer findet man diesen Text einfach klasse geschrieben! Wie wäre eine Schriftsteller-Karriere? Ich würde gern mal ein ganzes Buch in dem locker-flockigen-geistreichen Stil lesen wollen!
    Weiter so!
    CaKuDi

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