Wahrhaft fiktiv.

Es ist ja nichts los. Okay, zugegeben, in Anbetracht dessen, was in diesem Jahr schon alles auf der Welt vorgefallen ist, gäbe es vermutlich so Einiges, über das sich bloggen ließe. Aber das tun ja schon die Nachrichten und, hm, andere eben. Nun denn, da bereits seit einiger Zeit kein längerer Text mehr meine Seite in die Länge zog, wird's wohl Zeit, das nachzuholen. In diesem Sinne hier also Fiktives zum Freitagabend. Laut dem, was einem wie mir so zugetragen wird, gab's besagten Fall so in der Art tatsächlich. Traurige, traurige Welt.

Eine Lektion fürs Leben

»Das darf doch wohl nicht wahr sein!« Sabine Thielemann stand am Briefkasten und hielt das geöffnete Schreiben in ihren zitternden Fingern. Ihre blonde Mähne stand ungebürstet nach allen Seiten ab, als wäre ihr der Schock bis in die Haarspitzen gefahren. Ein kräftiger Wind griff unter ihren Morgenmantel und ließ Sabine ein bisschen wie die wehende Flagge auf dem Dach eines kleinen Schrebergartenhäuschens aussehen. Ungläubig drehte sie den Brief von einer Seite auf die andere und wieder zurück, als würde sich der Inhalt ändern, wenn sie ihn nur lange genug nicht vor sich hatte.

Das einseitig beschriebene Blatt Papier trug die Unterschrift des Personalchefs. Gekündigt! In der Probezeit! Der Supergau für jede Universitätsabsolventin. Eine solche, wie Sabine Thielemann sie war: Erst Bachelor, dann den Master hinten dran, alles in Regelstudienzeit. Anschließend Einstieg bei »Fengelmann & Söhne«, der Rating Agentur überhaupt, mit der Zusage auf einen gehobenen Posten nach zwei Jahren Firmenzugehörigkeit und natürlich bei entsprechender Leistung. Ein glänzender Laufbahnbeginn für eine werdende Frau von Format und jetzt das! Gekündigt! In der Probezeit! Das war kein Lackschaden im Lebenslauf, es war ein Frontalcrash!

»Gibt‘s nicht! Gibt‘s einfach nicht!« Sabine schüttelte ungläubig den Kopf. Ihr war danach, das Stück Papier zusammenzuknüllen und schnurstracks in den feuchten Rinnstein zu befördern, wo es gut und gern vermodern konnte. So etwas wollte man schließlich nicht am Samstagmorgen in seinem Briefkasten haben. So etwas sollte man nicht in seinem Briefkasten haben!

Wie konnte das überhaupt sein? War der Brief echt? Handelte es sich um einen Aprilscherz? Aber im Mai? Selbstverständlich nicht. Im Kopf ging sie die Kollegen durch, die sie in den vergangenen zwei Monaten kennen gelernt hatte. Wie Karteikarten holte sie einen nach dem anderen vor ihr geistiges Auge. Konnte jemand sie nicht leiden? Hatte jemand sie vielleicht angeschwärzt? Ihr fiel beim besten Willen niemand ein, von dem sie kein Bild mit freundlichem Lächeln im Kopf gehabt hätte. Alles äußerst höfliche und zuvorkommende Kollegen. War alles vielleicht nur ein Missverständnis? Gab es noch eine Sabine Thielemann bei »Fengelmann & Söhne«? Jemanden mit ähnlichem Namen? Nach gerade einmal zwei Monaten Betriebszugehörigkeit konnte dem Personalchef so ein Verwechslungsmalheur schon mal passieren, oder etwa nicht? Nein, das war absurd! Aber es musste eine Erklärung für diesen Brief geben. Es musste einfach!

Sabine Thielemann hob den Kopf. Mit hektischen Blicken suchte sie die Straße ab. Hatte jemand sie beobachtet? Irgendwer, der vielleicht ihren unsicheren Gesichtsausdruck erkannt und nun einen großen Tratsch über sie vom Zaun brechen würde? Niemand war zu sehen. Die Straße war wie leergefegt und abgesehen vom Gesang der Vögel herrschte Stille. Grabesstille. Sabine fuhr mit einer Hand über ihre Stirn. Sie schwitzte. Jetzt bloß nicht in Panik geraten, dachte sie. Ruhe bewahren und planen. Im Planen war sie schließlich immer schon hervorragend gewesen. Das hatte sie so auch schon im Personalgespräch angegeben: Planung und geordnete Umsetzung seien ihre Stärken, hatte sie versichert und Herr Dr. Moser, der Personalchef mit dem dicken schwarzen Schnauzbart, hatte zuversichtlich genickt.

Telefon! Natürlich, sie würde als erstes versuchen, jemanden in der Firma per Telefon zu erreichen. Zwar war Samstag, jedoch gab es immer Workaholics, die ihre Wochenenden im Büro verbrachten. Um sich möglichst schnell eine Beförderung zu erkämpfen oder auch nur, um dem familiären Wahnsinn daheim zu entkommen. So was eben. Sicher würde sich alles schnell klären lassen, wenn sie nur jemanden an die Strippe bekam.

Mit möglichst leisen Schritten hastete Sabine zurück ins Haus und geradewegs zum Telefon. Sie wollte ihren Mann nicht wecken. Noch nicht.
Das Telefon klingelte einmal, zweimal, dreimal, viermal. Dann sprang das Band an und verkündete mit ungewollt lächerlicher Fanfarenmusik im Hintergrund, dass man bei »Fengelmann & Söhne« natürlich auf jeden Kundenwunsch individuell einginge, dass jedoch der gewünschte Ansprechpartner gerade nicht zugegen sei, man jedoch selbstverständlich eine Nachricht hinterlassen könne, um gegebenenfalls zurückgerufen zu werden.

»Guten Tag, Herr Doktor Moser. Hier spricht Sabine Thielemann aus Referat PS-4.« Sabine versuchte, das leichte Bibbern in ihrer Stimme abzustellen, doch es gelang ihr beim besten Willen nicht. »Ich habe eben meine Post geöffnet und Ihre Kün... Ihren Brief vorgefunden und würde Sie diesbezüglich gern sprechen. Falls Sie im Büro sein sollten, rufen Sie mich doch bitte so bald wie möglich zurück. Vielen Dank!« Sie knallte das Telefon zurück auf die Ladestation.

Was nun? Wie ein Karussell drehte Sabine sich zweimal um die eigene Achse. Was wollte sie jetzt gleich tun? Kaffee! Ein großer Becher, tiefschwarz, der würde ihr helfen, klare Gedanken zu fassen. Während die Kaffeemaschine blubberte, sprotzte und dampfte, hämmerte Sabine mit den Fingernägeln auf der Arbeitsplatte ihrer opulenten Einbauküche herum, die ein Geschenk von Jens‘ Vater zur Hochzeit vor anderthalb Jahren gewesen war.

Der Kaffee tröpfelte noch gemütlich in die Kanne, als Sabine nicht mehr an sich halten konnte. Sie stieß einen spitzen Schrei aus, worauf die Schlafzimmertür laut aufgerissen wurde. Das Geräusch von nackten Füßen, die auf blankes Parkett klatschten, näherte sich rasant, dann stand Jens Thielemann in der Küche.

»Sabine? Warst du das eben?«

»Was?« Sabine drehte sich zu ihrem Mann herum. Noch immer stand ihr Haar nach allen Seiten ab. In ihren Augen standen Tränen.

»Sabine, was ist denn? Alles in Ordnung?«

»Blöde Frage! Nichts ist in Ordnung. Gar nichts ist in Ordnung, verdammt noch mal!«

»Aber was ...«, setzte Jens Thielemann an, als ihm seine Frau auch schon die Kündigung auf die nackte Brust presste. Er nahm das Blatt Papier an sich und las. Seine müden Augen weiteten sich schlagartig. Wie große runde Scheinwerfer fuhren sie Zeile für Zeile ab.

»Gekündigt? Die haben dich entlassen?«

»In der Probezeit, ja.« Sabine nahm die Kaffeekanne aus der Maschine und versuchte, ihre Tasse zu füllen.

»Lass mich das machen«, sagte Jens Thielemann, der das Zittern in den Händen seiner Frau bemerkte und sich um einen ruhigen Tonfall bemühte. Er füllte ihre Tasse bis zum Rand mit Kaffee und fragte gar nicht erst nach Milch. Dann nahm er eine weitere große Tasse aus dem Schrank und schenkte sich selbst Kaffee ein.

»Was soll ich denn jetzt machen?«, jammerte Sabine. Dicke Kullertränen rannen inzwischen über ihre Wangen.

»Hast du mal angerufen? Vielleicht ist jemand im Büro. Da kann doch was nicht stimmen.«

»Hab ich. Das Band ging ran. Ach Jens, das kann doch nicht sein. Was mach ich denn jetzt? Was soll ich nur tun?«

»Immer mit der Ruhe, Schatz.« Jens Thielemann legte einen Arm um die Schulter seiner Frau, der jedoch sofort wieder abgeschüttelt wurde.

»Jens, da steht, die seien nicht zufrieden mit meiner Leistung und ich würde nicht ins Unternehmen passen.«

»Ich hab‘s gelesen«, sagte Jens Thielemann und nickte. Er trank einen großen Schluck Kaffee und stellte die Tasse auf der Arbeitsplatte ab. »Möchtest du ein Frühstücksei?«

»Spiegeleier. Mit Speck. Und mit Würstchen. Und Ketchup dazu.«

»Spiegeleier mit Speck, Würstchen und Ketchup. Kommt sofort!« Jens Thielemann machte sich an die Arbeit, holte Pfannen aus dem Schrank, suchte Eier, Speck und Wurst herbei und machte sich ans Frühstück. Sabine nahm am Tisch Platz. Ihre Beine fühlten sich längst an wie Gummi.

»Die waren nicht zufrieden mit mir, Jens. Ich war doch aber von allen die beste.«

»Ich weiß, mein Schatz.«

»Jens, ich war mindestens doppelt so schnell wie die Kollegen. Die alte Goldschmidt hat nicht mal ein Drittel meines Pensums geschafft. Und dieser fette Dewald mit den speckigen Haaren, von dem ich dir erzählt hab, der macht seit zwei Wochen so gut wie gar nichts und sitzt nur seine Zeit ab, bis es vier ist.«

»Es wird ein Missverständnis sein, ganz sicher. Das wird sich aufklären.«
Stille machte sich breit. Sabine starrte in ihre Kaffeetasse und wusste selbst nicht, ob sie nachdachte oder ob sie doch einfach nur starrte, während ihr Mann wortlos das Frühstück zubereitete. Irgendwann brieten Eier und Speck in der Pfanne und durchschnitten mit lautem Zischen die unangenehme Ruhe in der großen Küche.

»Ich bin in der Probezeit, Jens. Ich meine, war ich.« Noch immer bahnten sich einzelne Tränen einen Weg über Sabines gerötete Wangen. »Jens, wie können die unzufrieden mit meiner Leistung sein? Ich hab, seit ich da bin, die Produktivität spürbar gesteigert. Ich hab doch sogar Vorschläge eingereicht, wie sich was verbessern ließe.«

»Das Rotationsprinzip. Ich weiß, mein Schatz.«

»Das Rotationsprinzip, ja.« Sabine nickte hastig. »Ich hab dem Dirk Diederichs, meinem Abteilungsleiter, gesagt, wie jeder Mitarbeiter so seine Kenntnisse erweitern könnte, um Einarbeitungsphasen bei Personalwechseln drastisch zu verkürzen und die Reaktionszeiten bei Kundenanfragen zu erhöhen. Und nicht nur das. Ganze acht Vorschläge hab ich eingereicht. Der Diederichs war begeistert. Hat er mir doch selbst gesagt.«

»Ja, Schatz. Das weiß ich doch alles.«

»Sag nicht immer, dass du das eh schon weißt!«, keifte Sabine ihren Mann an und sprang auf. »Sag mir lieber, was ich jetzt tun soll, verdammt!«

Nur in Unterhosen gekleidet und mit dem Bratpfannenwender in der Hand stand Jens Thielemann am Herd. Eier und Speck brutzelten noch immer friedlich in der Pfanne, als wollten stattdessen sie mit ihrem gleichmäßigen Zischen Sabine beruhigen.

»Sabine, ich ...«, begann ihr Mann und verstummte wieder. Betreten schaute er zu Boden.

»Tut mir leid, Hase.« Sabine schlurfte auf ihren Mann zu und legte ihm ihre Hände um den Hals. »Ich bin nur so durcheinander. Und verunsichert.«

»Das wird sich alles aufklären. Falls keiner anruft, gehst du gleich am Montag ins Büro und besprichst das mit diesem Herrn Mauser.«

»Moser.«

»Ja, Moser.«

»Jens?«

»Ja?«

»Was mach ich denn jetzt nur?«

»Erst mal frühstücken. Die Eier sind fertig.«

»Ich hab keinen Hunger«.

Am Montagmorgen gegen zehn klingelte bei »Fengelmann & Söhne« das Telefon im Büro von Herrn Dr. Moser, dem Personalchef der Firma. Frau Giese, seine Sekretärin, sagte, dass Frau Thielemann ihn sprechen wolle und dass es wirklich, wirklich dringend sei, wie Frau Thielemann ihr versichert habe.

»Schicken Sie sie herein, Frau Giese! Vielen Dank«, murmelte Herr Dr. Moser in den Hörer und legte auf. Er grummelte in seinen dichten Schnauzbart und flätzte sich tief in seinen Ledersessel, als es auch schon an die Tür klopfte.

»Herein.«

Sabine Thielemann betrat das Büro. Sie trug ein modern geschnittenes Businesskostüm in elegantem Blaugrau und hatte sich ein himmelblaues Tuch um den Hals geschlungen. In die Mappe, die sie unter ihrem Arm trug, hatte sie am frühen Morgen noch hastig das Kündigungsschreiben gestopft, bevor sie mit energischen Schritten zur Arbeit gestapft war. Gekündigt! In der Probezeit! Dass sie nicht lachte! Sie hatte die Angelegenheit mit ihrem Mann das ganze Wochenende über besprochen, sich selbst und ihm dabei sicher das eine oder andere graue Haar beschert, dabei letztlich aber immerhin einigermaßen beruhigt festgestellt, dass man sie gar nicht so einfach rausschmeißen konnte. Sie, die fleißigste Mitarbeiterin, die dieser Laden zumindest im Referat PS-4 überhaupt hatte, die einzige, die auch wirklich aktiv zur Produktivität ihres Großraumbüros beitrug. Eine Vorzeigemitarbeiterin, von der sich nicht nur die Kollegen Goldschmidt und Dewald eine dicke Scheibe abschneiden konnten, die nichts weiter taten, als Tag für Tag ihre Stühle warm zu halten. Hier lag eindeutig ein Missverständnis vor.

»Guten Morgen, Herr Doktor Moser«, sagte Sabine in trockenem Tonfall.

»Guten Morgen, Frau Thielemann«, antwortete der Personalchef betont freundlich.

»Wir müssen reden.« In selbstbewusst gerader Haltung stand Sabine Thielemann vor dem Schreibtisch des Personalchefs von »Fengelmann & Söhne«. Das Haar hatte sie streng nach hinten gebunden, um ihre Seriosität zu unterstreichen, um ihren Ehrgeiz zu betonen, um zu verdeutlichen, dass man sich Sabine Thielemann, die fleißigste Mitarbeiterin in diesem verschlafenen Referat, nicht einfach durch die Lappen gehen ließ.

»Reden müssen wir, sagen Sie? Über die Kündigung, nehme ich an?«

»Über die Kündigung, ja.«

Und so redeten sie.

Eine knappe Stunde später stand Sabine Thielemann auf dem Bürgersteig vor dem gläsernen Bürogebäude von »Fengelmann & Söhne«. Wie eine hungrige Straßentaube stakste sie von einer Seite des Gehwegs auf die andere und zurück. Aus dem zuvor streng zusammengebundenen Haar ragten einzelne Strähnen wie wirre Tentakel. Verloren in Gedanken, ungläubig dreinblickend und hoffend, dass sie sich nur verhört hatte, strauchelte Sabine voran. Ihr letztes Fünkchen Hoffnung war der krude Gedanke, dass all das gerade nur ein schlechter Traum sei, der sie sogleich schweißgebadet aus dem eigenen Bett und auf den Fußboden sausen lassen würde. Ein Albtraum, ein besonders langer und ebenso grausamer zwar, immerhin aber nur ein Traum. Nicht zur Firma passend, hatte Personalchef Moser den Inhalt des Kündigungsschreibens nachgeplappert. Die Kollegen aus PS-4 hätten sich über sie, Frau Thielemann, beschwert, wieder und wieder. Mit ihrer hektischen Art störe sie das Arbeitsklima, hatte es von mehreren Seiten geheißen. Wer das gesagt habe, könne er nicht verraten, hatte Moser beteuert, doch so sei es nun einmal. Wenn man neu in eine Firma komme, dann müsse man sich eben manchmal an die Gegebenheiten anpassen.

Die zweiwöchige Kündigungsfrist war nun also angelaufen. Sabine Thielemann war tatsächlich arbeitslos geworden. Gekündigt! In der Probezeit! Hektisch, das Arbeitsklima störend und nicht zur Firma passend? Anpassung an die Gegebenheiten? Wahrlich, eine Lektion fürs Leben.

2 Gedanken zu “Wahrhaft fiktiv.

  1. Mary Malloy

    Uuuuh. Aber dann war die Firma einfach nicht das Richtige für sie. Besser so.

    Tolle Geschichte, spannend und authentisch. Sehr gut! 😉

    Antwort

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