Ich beim Halbmarathon II.

© Gerd Altmann/ladyoak.com / pixelio.de

Wir schreiben den 3. April 2011. Ich stehe auf der Karl-Marx-Allee, Nähe Alexanderplatz, in der wunderbaren Berliner Ostalgie-Skyline. Von den Balkons der maroden Plattenbauten starren marode Bierbauchberliner herab in die Massen. Der Himmel ist strahlend blau, die Laune allgemein hervorragend. Ich mittendrin, wartend auf den Startschuss. Mein iPod ist besser betankt als eine Schnapsdrossel am Lohnzahltag im Whiskeyladen: Schnelles Zeug soll es sein, musikalischer Ansporn in hastigen drei Akkorden, denn heute ist Halbmarathon! Ich spüre, heute geht was und ich werde natürlich alles geben! »But that's the way I like it baby, I don't wanna live forever!« wird es mir schon wenig später aus den Kopfhörern über die Ohren direkt ins Hirn donnern und so soll's auch sein: Nach mir und meinen Tretern die Sintflut!

Als der Startschuss endlich fällt und sich unzählige wohl geformte Waden in Bewegung setzen, um dem Asphalt mit sündhaft teuren Hi-Tech-Sohlen kräftig einzuheizen, lasse auch ich mich nicht lange bitten und bringe meine zu kurz geratenen Hammelbeinchen in Gang. In der Gruppe B ist man vorne mit dabei, da ist man schließlich fast schon Veteran, da ist man auf Zack, da schleicht keiner. Vor allem die anderen nicht, wie ich recht schnell feststelle, als sie an mir vorbeiziehen, als wäre ich ein Streckenposten. Aber wie würde Jörg Kachelmann sagen: Das macht mir doch nichts! Schließlich lief es vor anderthalb Jahren in Köln ähnlich ab und letztlich musste selbst der Wind meinen Staub schlucken und eingestehen, dass ich einfach verdammt schnell bin. Meine Bestzeit von knapp einer Stunde, vierzig Minuten gilt es heute, an diesem denkwürdigen Tag zu schlagen. Ein Kinderspiel, bin ich doch so auf Zack, dass selbst der fitteste Turnschuh gegen mich wirkt wie eine versandete Adilette vom letzten Ibizaurlaub.

Bereits nach einem gefühlten Kilometer ist ein Herr mit wallender Mähne zum gemütlichen Spaziergang übergegangen. Liebevoll in seine Locken eingewickelt steckt ein Stäbchen, an dessen Ende ein Atomkraft-nein-danke-Fähnchen fröhlich im seichten Wind flattert. Der hätte einen kleinen Atomreaktor durchaus nötig gehabt, denke ich mit einem leichten Schmunzeln und ziehe akkurat wie das Matterhorn an ihm vorbei. Überhaupt sieht man heute viele dieser Statements, läuft man doch scheinbar nicht mehr für den Frieden, sondern gegen die Atomkraft, obwohl das zumindest gefühlt derzeit aufs Gleiche hinausläuft. Und als würde das Wetter die allgemeine Stimmung nur unterstreichen wollen, knallt die Sonne mit einer Kraft von ihrem Logenplatz aus, dass sich mein Schädel bereits jetzt anfühlt wie eine Schnellkochplatte auf der höchsten Stufe. Muss am schütteren Haar liegen. Schnell stelle ich fest, dass dieses gleißende Mistding hoch oben mir doch glatt die Kondition raubt! Wie war das mit der Bestzeit? Nun gut, ich denke, fünf Minuten mehr in der Ergebniszeit sind keine Schande, schließlich werde auch ich nicht jünger.

Meine Füße scheinbar auch nicht und so stellt sich nur wenige Augenblicke später ein leichtes Brennen da ein, wo definitiv nichts brennen sollte: am Fuß! Hat sich's also eine Blase an selbigem gemütlich gemacht, die sich während des weiteren Verlaufs dieses dank Höllentemperaturen zum Todesmarsch verkommenen Halbmarathons genüsslich mit Wundwasser füllen wird - mhhhhh, ein Genuss à la carte! Und da selbst aller schlechten Dinge gern mal drei sind, verliere ich auch noch eine Sicherheitsnadel, so dass meine zuvor sorgsam befestigte Startnummer jetzt an meinem Bauch herumzappelt wie, öh, wie ein Zappeltier eben.

Wie gut, dass auch solche Läufe nicht ewig währen, denke ich, während ich mich inzwischen nur noch in Zeitlupe voranbewege. Als ich vorhin pinkeln war, muss mir irgendein Neider Ambosse an die Füße gebunden haben. So zieht die Läuferriege weiterhin an mir vorbei, vermutlich, um mich zu ärgern, doch meine inzwischen vor Erschöpfung zu Schlitzen verengten Augen können kaum mehr den Asphalt vom Berliner Smog unterscheiden. Doch da, ein Lichtblick: ein Kilometerschild, aber was zum!? Eine Vier? Da muss ein Scherzbold die vorangestellte Eins weggekratzt haben, rede ich mir ein, fürchte jedoch, dass dem nicht so ist und dass sich auch niemand gehörig vermessen haben wird. Im Kopf längst resigniert, schiebe ich mich nur noch mechanisch getrieben Meter für Meter Richtung Ziel oder Verderben. Ich werde wohl laufend sterben und man wird es erst bemerken, wenn ich mich wie ein Tetrisblock sauber in die nächste Hauswand eingefügt haben werde, weil mir in meiner geistigen Umnachtung die Kurve entgangen sein wird!

Inzwischen müssen Jahre ins staubige Land gezogen sein. Straßen ziehen sich in die Länge, führen vermutlich in die Wüste und von irgendwoher dringt schnelle Rockmusik an mein Ohr. Dann fällt mir wieder ein, wer ich bin und was zum Teufel ich hier mache. Mit letzter Kraft sehe ich mich um und nehme vage wahr, dass die Kilometermarken inzwischen tatsächlich zweistellig geworden sind. Es grenzt an ein Wunder, dass ich mich immer noch voranbewege, denn noch immer hat die Sonne kein Erbarmen mit meinem völlig überhitzten Schädel, der sich anfühlt wie ein pfeifender Dampfkessel und inzwischen die Farbe eines SPD-Werbeluftballons angenommen haben muss. Doch auch andere Läufer scheinen Probleme mit dem stickigen Hochsommerwetter im April zu haben und so hat jeder seine eigene Strategie ausgearbeitet: Einige liegen reglos auf dem zum Nickerchen einladenden Asphalt und lassen sich von weiß gekleideten Bediensteten die kalkweißen Schenkel massieren, während andere sich die Laufstrecke mit ihren eineiigen Geschwistern teilen; zumindest kann ich mir anders nicht erklären, weshalb ich dreimal in Folge an demselben gehenden (!) Mann vorbei- äh ... -schreite.

Natürlich hat mein Mannesstolz mir jegliches Aufgeben verboten und so hangle ich mich von Verpflegungsstand zu Verpflegungsstand, schütte Wasser in meinen fast völlig mumifizierten Körper und purzle letzten Endes agil wie ein verklebter Zementmischer - oh Wunder - über die Ziellinie. Die Digitalanzeige über mir will mir weismachen, dass ich sogar noch unter zwei Stunden geblieben bin. Entweder tickt das Ding nicht richtig oder ich bin zwar zum 31. Halbmarathon aufgebrochen, jedoch erst zum 32. im Ziel eingetrudelt, oder aber Einsteins Relativitätstheorie ist verdammt mächtig! Während ich schließlich hölzern wie Pinocchio in Richtung U-Bahn stelze, um so bald wie möglich in der heimischen Badewanne Tauchsieder spielen zu können, treffe ich auf erste »Finisher«, die bereits wieder Gefallen an der Fluppe danach gefunden zu haben scheinen. Auch in den einschlägigen Fast-Food-Tempeln erblicke ich verdächtig viele Kunden in Sportlerkluft. Da kann's so schlimm ja nicht gewesen sein, trotz Hitze, denke ich und merke, dass ich's eigentlich ganz genauso sehe: Zwar keine Bestzeit, aber an und für sich doch ein Klacks. Auch Verdrängung ist verdammt mächtig. Und so ist es beschlossene Sache: Nächstes Jahr werde ich alles geben und natürlich alles bisher Dagewesene in den Schatten stellen! »But that's the way I like it baby, I don't wanna live forever!«

9 Gedanken zu “Ich beim Halbmarathon II.

  1. OJ

    Ich denke mir wird es nächstes Wochenende ähnlich ergehen. Dann ist nämlich mal wieder Halbmarathon in Bonn angesagt. Ich glaube mit der Bestzeit wird es bei mir auch nichts, aber unter 2h ist natürlich Pflicht. Wenn ich die Ergebnsliste richtig interpretiere liegt meine Zielzeit jetzt bei 01:53:39 😉

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  2. PhanThomas

    Dann drück ich dir mal die Daumen! Läuft Jens auch mit? Ich hoffe jedenfalls mal, ihr habt besseres Wetter. Hier war's einfach nur drückend, viel zu sonnig und baaah! Deine Zielzeit hab ich daher auch nicht erreicht. 1:55-und-irgendwas. Da war mir das Climatronic-Wetter in Köln damals lieber. 😉

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  3. OJ

    1:55 irgendwas? Ne ne. Was meinst du wie ich auf diese Zeit komme?

    5051 796 12103 » Meyer, Thomas (GER) MH Berlin 01:53:40

    Das ist meine Chance mal schneller zu sein als du 😉 Jens und die anderen Kollegen drücken sich. Es laufen eben nur die richtig guten.

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  4. PhanThomas

    Uh, ach ja, stimmt. Wie hab ich denn da jetzt noch mal die zwei Minuten draufgerechnet? Na ja, ich sag ja, ich werd halt auch nicht jünger. 😉

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  5. PhanThomas

    Und pffff, schneller als ich ... Keine Kunst, bei der Zeit. 😀 Aber man konnte gestern auch die Luft mit dem Messer schneiden. Nächstes Jahr wird dann alles besser. 😉

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  6. JB

    Manche schieben auch eine Verletzung vor und laufen deshalb nicht 🙂

    Na da haben die richtig Guten auch mal die Chance als Erste anzukommen!

    Nächstes Jahr wird dann alles besser. 😉

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  7. PhanThomas

    Wie, Verletzung? Bist du unter die Profisportler gegangen und hangelst dich von einer Verletzung zur nächsten vor? Aber stimmt, nächstes Jahr wird alles besser! 🙂

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  8. PhanThomas

    @Pia: Na ja, letztlich ist durchkommen doch eh alles. Die Ziele stecke ich mir auch nur, damit ich motivierter an die ganze Sache herangehe. 🙂

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