Vom werten Grünzeug.

Es folgt ein nicht ganz kurzer Abriss zum Thema »Ehec«, gestern Abend hastig verfasst und Statement genug, um das Thema nicht auch nur ein weiteres Mal aufzugreifen. Der geneigte Leser möge die Augen in Stellung bringen, für alle anderen gilt wie immer: Weitersurfen, es gibt nichts zu sehen!

Keimzeit

Ich habe Ehec! Ach nun tun Sie nicht so überrascht, es ist »Keimzeit« und haben wir da nicht schließlich alle ein bisschen Ehec? Infiziert muss man sich gar nicht haben, ist die Darmseuche doch unlängst zu einem bunten Medienspektakel avanciert, von dem jeder was hat. Ja, wenn wir Deutschen so ganz plötzlich alle gemeinsam Papst sein können, dann können wir jetzt auch alle zusammen Ehec haben, basta!

Und stimmt es nicht auch? Fühlen Sie sich nicht wenigstens ein ganz kleines Bisschen in Ihrem Alltag beeinflusst? Man muss es ja nicht gleich übertreiben und den heimischen Gemüsegarten keulen, es reicht ja schon, den unscheinbaren Tomatenstrauch von nebenan argwöhnisch zu beäugen, den der alte Schmidt so verdächtig oft hegt und pflegt. Bis nach Spanien muss man da gar nicht schauen, wo tüchtige deutsche Behörden in all ihrer Gründlichkeit anfangs die Herkunft der fiesen Verdauungstraktsabouteure noch vermuteten.

Und man muss schon zugeben, es war doch so offensichtlich, nicht wahr? Las nicht jeder von uns die Schlagzeile und dachte: Klar, Spanien! Wo auch sonst? So ein Pleiteland, wo sie entweder die Stiere zum Spaß quälen oder sich von ihnen durch die schmuddeligen Gassen jagen lassen, statt die Wirtschaft anzukurbeln. Geschieht denen ganz recht, nicht wahr? Haben die uns doch 2008 mit ihren roten Trikots die schöne EM versaut! Spanien, was soll aus dem Land bankrotter Conquistadoren auch anderes kommen, als Killertomaten mit bakterienverseuchter Kuhscheiße als Kreditrückzahlung? Die waren uns doch gleich ein rotes Tuch! Olé!

Aber gut, bleiben wir auf dem Teppich, Pardon, der Auslegware, und essen halt fürs Erste keinen Tomatensalat mehr. Als hätte ich das überhaupt jemals getan. Braucht doch kein Mensch, die roten Dinger. Enthalten eh nur Blausäure. Ess ich halt Gurken, so richtig saftige, stramme, deutsche Gur ... doch haaalt, stopp! Kaum hatten wir uns allesamt daran gewöhnt, nur noch grünem Gemüse zu frönen, da stellte man mit derselben deutschen Gründlichkeit auch schon fest, dass nicht etwa die spanische Tomate, sondern vielleicht sogar die urdeutsche Gurke schuld am norddeutschen Dünnpfiff ist. Haben wir den Spaniern die Argarwirtschaft halt umsonst ruiniert. Was soll’s, war doch eh nichts mehr zu retten, bei den heißblütigen Toreros.

Und die Gurke an sich, sind wir mal ehrlich, die macht doch als Objekt unsichtbarer Gefahren für Leib und Darm gleich viel mehr her, oder? Allein die Form erlaubt Kopfbilder von Gurken in Präservativen oder Bin-Laden-Nachkommen im hochgefährlichen Gurkengürtel. Und dann diese Nachrichten dazu: Auf dem Hamburger Großmarkt sei eine Palette mit Gurken umgefallen, hieß es. So seien die grünen Dinger von dem Darmbakterium befallen worden, tönte man. So so, waten die Hamburger auf ihren Märkten durch ein Meer von Kuhscheiße, oder wie sollte man sich das vorstellen? Da kann ich ja von Glück reden, dass ich in Berlin lebe, watet man hier doch immerhin nur durch Hundescheiße. Doch was soll’s, ist ja kein Problem, die blöden Gurken auch noch zu meiden. Gibt’s mittags halt keinen Salat mehr, sondern nur noch feinstes chinesisches Essen von Tante Wang um die Ecke.

So trug es sich zu, dass die Gurke aus den Supermärkten verschwand, spanische Proteste verhallten ungehört, das Leben ging weiter. Bis kürzlich ein freundlicher Herr von der Untersuchungskommission vor die Presse trat und in sicherem Tonfall verkündete, dass nicht etwa die Gurke, sondern die Sprosse schuld sei an dahinsiechenden Norddeutschen und gebeutelten Krankenhausetats. Na klar doch, die Sprosse, dachte ich im ersten Moment. Moment mal, die WAS? Das dachte ich im nächsten Moment. Mal ehrlich, bin ich der einzige Mensch, der beim ersten Erwähnen der bitterbösen Sprosse als allererstes an den Turnunterricht in der Grundschule dachte? Donnerwetter, wenn weiterhin jede Woche eine neue Sau durchs vegetarische Dorf gejagt wird, kann am Ende der Misere niemand mehr behaupten, er wüsste nicht über gesundes Essen bescheid. Nun, da ich mich mit Bambus- und Sojasprossen bestens auskenne, ist der eklige Fraß von Tante Wang um die Ecke selbstverständlich gestorben!

Neuste Erkenntnis, man ahnt es, man weiß es: Die Sprosse wäscht ihre Keimlinge in Unschuld, derweil wir im Dunkeln tappen, an Durchfall leiden, Niere um Niere den Geist aufgibt, derweil man in Spanien bitterlich weint, in deutschen Krankenhäusern ebenso, Frau Merkel sich drüben bei Obama für irgendwas einen Orden abholt und unser Außenminister durch die Urlaubsorte dieser Welt jettet und gut betuchten Diplomatenfreunden die sonnengebräunten Hände schüttelt. So geht das Bibbern hierzulande weiter, niemand weiß wer der nächste ist.

Vor allem der rechtschaffene Vegetarier muss jederzeit mit dem Schlimmsten rechnen, während der Fleischfresser und vermeintliche Tiermörder für seine unmoralische Ernährungsweise mit einer vergleichsweise gesunden Darmflora belohnt wird. Aber Hitler war schließlich auch Vegetarier und wegen dem starben in den Vierzigern unzählige Rinder in der Normandie durch Bombenhagel. Vielleicht ist das ja die Retourkutsche. Wie dem auch sei, der Wochenmarkt wird nie mehr sein, was er mal war und ich persönlich schließe mich den Fleischosauriern an, nehme zu meinem Steak nur noch etwas Schnitzel als Beilage und bleibe inmitten all der innerdeutschen Hysterie dabei: Es ist »Keimzeit«, ich habe Ehec und das ist zwar nicht gut so, spannend ist es aber allemal.

6 Gedanken zu “Vom werten Grünzeug.

  1. PhanThomas

    Ja, aber ich meinte es so, dass es auch lang genug für 'nen regulären Text ist. 😉 Eigentlich ist's auch zu lang, aber vielleicht mag sich's ja wer antun.

    Antwort

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