Für den Moment.

Merkwürdig zu realisieren, wie dünn doch all die Stränge in Wahrheit sind, die uns sowohl ans Diesseits als auch aneinander binden. Meistens scheinen sie uns wie dicke Taue, vielleicht sogar schwere Ketten aus großen, armdicken Gliedern zusammengesetzt, doch irgendwann kommt jeder an den Punkt, am dem er unweigerlich einen Blick darauf erhaschen darf und muss, wie zerbrechlich dieses ganze Konstrukt ist, das unsere kleine Welt zusammenhält. Glücklicherweise neigt der menschliche Verstand dazu, solche Dinge zu verdrängen und zu vergessen und so werde ich wohl schon in Kürze wieder die Möglichkeit haben, mich inmitten der dicken Taue und Ketten dieser Welt wohl zu fühlen.

In Kürze, wie gesagt. Noch stinkt dieser ganze Selbstbetrug zum Himmel, all das Falsche, mit dem wir uns selbst beschwichtigen. Und das Schlimme ist, dass allein der Selbstbetrug am Leben die einzige Wahrheit zu sein scheint. Ich gehe durch die nassen Straßen, habe das Gefühl, der Regen wäre ein einziger Beschiss, all die Häuser nichts als platte Kulissen, die ich umstoßen könnte, wenn ich nur wollte. Pflanzen, Menschen, Tiere, nichts als billige Dreingabe aus schlechtem Material und unbezahlte Statisten. Für den Moment scheint es, als könnte ich hinter den Betrug blicken, doch tue ich es nicht, wohl weil ich Angst habe, noch mehr von dem zu entdecken, was mich so erschreckt hat. Noch viel mehr. Ich sage es doch, Selbstbetrug. Das ganze Leben ist nichts als ein Kartenhaus aus Beschwichtigungen und wehe, es zieht jemand eine Karte heraus.

Wie gut, dass wir ach so hervorragende Baumeister sind, wenn es um all die gezinkten Karten geht. Ja, wie gut!

Und doch ... für den Moment ... Nein, so etwas will ich nicht in meiner Welt! Ich will die Substanz wiederhaben, mag sie auch noch so künstlich sein.

7 Gedanken zu “Für den Moment.

  1. Moena

    Und die wird wiederkommen, die Substanz. Die künstliche wie die "echte", wirst du sehen.
    Die Karte im Kartenhaus ist ja noch da, sie wackelt im Moment nur ein bisschen.

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  2. PhanThomas

    Hm, ja, klar. Kommt sie ja schon. Man darf halt nicht zu viel nachdenken, dann fluppt das alles wieder wie immer. War ja auch eher 'ne Momentaufnahme. 🙂

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  3. pferdigkuchenhon

    Das hast du sehr schön formuliert. Ich würde das alles mit Schimpfwörtern zuspicken, bis mich keiner mehr ernstnimmt. Aber das Leben kann ja eigentlich nichts dafür, dass es einem manchmal den Boden unter den Füßen wegzieht.
    Zum Glück gibt es diese wunderbaren Menschen, die einem in solchen Momenten ein bisschen Klebstoff borgen, damit der Schein gewahrt werden kann.

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  4. PhanThomas

    Ja, und wenn doch mal keiner mit Klebstoff daher kommt, dann rotzt man halt solange herum, bis die Füße von selbst am Boden festkleben. Aber irgendwie gerät alles wieder zurück in seine Fugen. Wir Menschen können schon irgendwie 'ne ganze Menge mehr ab, als wir zugeben wollen.

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  5. Luise

    In dir stecken zwei Herzen, kann ich das so schreiben? Denn genau das habe ich gerade gedacht, als ich diesen Text gelesen habe.
    Du hast mich sehr mit deinen Worten berührt.
    Sie kleben noch immer an mir und das wird sich so schnell nicht wieder ändern.

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  6. PhanThomas

    Also ich habe maximal ein Herz. Allerhöchstens trage ich normalerweise 'ne Ritterrüstung. 🙂 Und denk nicht zu viel über das Geschreibsel nach.

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