Red Hot Chili Trauma.

Es war in der elften Klasse, 2001 oder 02, da hatte meine damalige Deutschlehrerin die grandiose Idee, wir könnten ja Gedichte vertonen und mit passender Musik unterlegen, natürlich unter Zwang, denn der Spaß wollte schließlich benotet werden.

Welches Gedicht ich genau auswählte, weiß ich nicht mehr, die Auswahl beschränkte sich jedoch auf melancholische Themen wie Einsamkeit, Vergänglichkeit, das übliche lyrische Blabla halt. Und damit hatte ich auch schon ein Problem. In meiner exquisiten Kollektion aus Punkrock-Platten ließ sich natürlich nichts Akkurates finden und zudem war der Anfang der 2000er noch absolute Web-1.0-Ära. Nix YouTube, Grooveshark und wie sie alle heißen. It was me, my records and a cassette recorder ... Yeah!

Nach Durchforsten meiner seinerzeit gar nicht so üppigen Musiksammlung entschied ich mich für »Road Trippin'« von den Red Hot Chili Peppers und, was soll ich sagen, es passte einfach! Hier noch mal zum spontanen Reinhören für alle mit musikalisch beschränktem Horizont bzw. Erinnerungsvermögen:

Es war geradezu grandios! Das von mir selbstverständlich perfekt betont vorgetragene Gedicht, gepaart mit der Fernwehstimmung des Liedes, die Refrainstelle »... just a mirror for the suuun« genau im Ausklang meiner Lesung, ach es war eine einzigartige Symbiose aus Lyrik und Musik, so als hätte es nie etwas Perfekteres gegeben. Unendliche Harmonie quasi. Es war ... es war ... ich muss es so sagen, ich war ein Genie! Fand ich wenigstens. Zumindest für den Moment erlebte ich Andy Warhols fünfzehn Minuten Ruhm in meinem eigenen stillen Kämmerlein und war unheimlich stolz auf mich selbst.

Und dann ... ja, dann kam der Tag der Wahrheit. Abspielen im Unterricht, Gänsehaut bei mir ob meiner wunderbaren Leistung, dann Stille im Raum. Kurze Pause zum Überlegen, anschließend die allgemeine Diskussion ... Und ich will's kurz machen, es wurde eine Zwei. Eine ZWEI!!! Wie das? Der musikalisch zumindest in diesem Fall völlig inkompetente Lehrkörper inklusive anwesender Schülermeute fand, das Lied wäre zu fröhlich, daher zu unpassend gewesen! Textliche Melancholie und Moll auf Akustikgitarre und Streichinstrumenten waren zu fröhlich. Aha. Ich hätte, ach, ich hätte platzen können. Könnte es noch heute irgendwie. Dies war ein schwarzer Tag für mich und ein Lehrstück fürs spätere Leben, was Eigen- und Fremdwahrnehmung angeht.

Und ich weiß auch heute noch, ich hatte recht und alle anderen nicht! Basta.

Ergänzend dazu, wie ich drauf komme: Die Red Hot Chili Peppers schmeißen demnächst eine neue Platte unters Volk und der vom Titel her vielversprechende Titel der ersten Singleauskopplung »The Adventures Of Rain Dance Maggie« entpuppt sich als mäßige Nummer ohne Tiefgang. Kein Funk, keine überwältigenden Gitarrensoli, halbgarar Refrain und ... Kuhglocken. Der Fortgang des Mastermind John Frusciante ist deutlich hörbar und ich bitte selbigen doch sehr, seinen dürren Arsch zurück in die Band zu bewegen. Ach.

5 Gedanken zu “Red Hot Chili Trauma.

  1. Piano

    Zu fröhlich?Vielleicht war deine Lehrerin in echt taub und wollte es nur nicht zugeben.Ach ja und die Klassenkameraden natürlich auch...unglaublich.Ich hätte dir sicher eine Eins gegeben 🙂

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  2. prophet

    Haben mal Rage against the Machine im Englisch-Unterricht abgespielt. Beim "MUTHAFUCCKKKKAAAAAAAAAAARRRRRGH" war das Entsetzen bei der alten Dame groß.

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  3. PhanThomas

    @prophet: Oh ja, so was sollte man lassen. Ein Englischkurs bei uns hat seinerzeit versucht, eine Folge »Southpark« in den Unterricht einzubringen. Selbst das war schon nix.

    @Pia: So wird ein Schuh draus. 🙂

    Antwort

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