Digitales aus der Mottenkiste.

Da mir eigentlich schon gestern danach war, in seliger digitaler Vergangenheit zu schwelgen, ich aber partout nicht dazu kam, sei das hiermit in kurzem Abriss nachgeholt. Es muss so 1996 gewesen sein, als meine Eltern den ersten PC anschafften. Für eine Fantastillion D-Mark oder wahlweise den Verkauf der eigenen Kinder an erbarmungslose Sklavenhändler, bekam man einen flotten Intel-PC mit Windows 95, der hübsch bunte Bildchen fabrizierte, mitunter sehr, sehr blaue natürlich, auf dem aber so gut wie kein gescheites Spiel lief. Die verlangten seinerzeit noch nämlich das oberflächenfreie MS-DOS.

 So vertat meinereiner seine kostbare Spätkindheit eben mit Paint, Solitär, Pinball oder dem Durchsehen der CD-ROMs aus skurrilen PC-Zeitschriften. Wie der Fun Online. Kennt die noch einer? Da testeten vermenschlichte Krokodile alle möglichen Spiele, gaben Daumen rauf oder runter und fabulierten nebenher über dieses ominöse Wörld Weid Wepp. Würde man heute vermutlich anders aufziehen, so 'ne Zeitschrift, aber egal. Seltsam auch, was ich mir seinerzeit unter diesem Internet so alles vorstellte: quasi ein Sammelsurium von Spielen, Filmen, Musik und allerlei Zeitvertreib, in dem man sich hoffnungslos verlieren konnte. So suggerierten einem die Krokodile das zumindest.

Na ja, fünfzehn Jahre später, in einer inzwischen Fun-Online-freien Welt ist das wohl tatsächlich so, aber damals war das Internet vor allem eines: ein für den Sörfer sündhaft teures Sammelsurium von hässlichen Textwüsten. Bis ich das reichlich ernüchtert feststellen sollte, zogen aber auch noch mal ein paar Jährchen ins Land.

Anno 2000 war's so weit: Ich entwendete das völlig eingestaubte Uraltfaxmodem meiner Eltern, fummelte ein wenig an der Konfiguration irgendeiner Einwahlsoftware herum und, zack, war ich tatsächlich drin. Meine Mutter rief hoch, was da so piepse (Für die jüngeren: Alte Modems tun so was.) und ich rief: »Ich bin gerade im Internet.« Keine zehn Sekunden später war sie die Treppe hochgesprintet und ihr erster Kommentar war: »Das müssen wir jetzt bezahlen, oder?« Klar mussten wir das, respektive mussten meine Eltern das, schließlich war ich noch ein ärmlicher Schüler. Zweikommafünf Pfennig kostete der Spaß seinerzeit pro Minute. Ich fand das ganz schön günstig am Monatsanfang und ziemlich teuer am Monatsende, wenn die Telefonrechnung da war. War jedes Mal ein Kunststück, das der heimischen Buchhaltung zu erklären.

Zurecht also war meinen Eltern dieses piepsende und surrende Internet ein rotes Tuch. Als ich etwa meine erste Amazon-Bestellung absetzte, war es für meine Mutter völlig klar, dass die jetzt sofort das ganze Konto leeren würden. Logisch. Und mein Vater, nun ja, der schwieg in dieser Hinsicht weise, wie er es immer tat und noch heute tut. Dennoch ließen sie mich mal machen, schließlich sollte aus dem Sohnemann ja nicht später ein schlecht bezahlter Hundekotaufsammler werden, nur weil ihm die moderne Technik verweigert wurde.

Heute, noch mal ein paar Jahre später, sieht die ganze Sache deutlich anders aus: Das Modem schweigt auf irgendeiner verseuchten Technikmüllhalde auf dem schwarzen Kontinent, die DSL-Leitung will keine zwokommafünf Pfennig haben und Mama, nun ja, die kauft inzwischen sogar ihre Töpfe bei Amazon. Dass die Kommunikation mit Behörden, Versandhäusern und Konsorten im elterlichen Heim nur noch über Mail stattfindet, ist eine Selbstverständlichkeit und ich blicke mit einem Schmunzeln zurück auf das, was war. Schon seltsam, wie sich das alles entwickelt, also diese Technikwelt und so.

16 Gedanken zu “Digitales aus der Mottenkiste.

  1. Moena

    Pass nur auf. Als nächstes lernen deine Eltern, wie man ICQ benutzt. War bei uns auch so. Also eigentlich war's andersrum: erst ICQ und dann Neckermann und Co.

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  2. Ich von und zu

    Hihi also meine Eltern haben mir auch irgendwann einen gebrauchten PC ins Kinderzimmer gestellt^^ Ich wusste nur nich recht was ich mit diesem gutgemeintem GEschenk anfangen sollte... AUßER mit Paint hässliche Bildchen zu fabrizieren UND die Lemminge zu spielen, denn die hatte dort irgendein Mensch installiert oder gabs die auf Diskette?! Oder keine Ahnung^^

    Na wie auch immer... AUf jeden Fall finde ich den Rückblick schön und die meisten von uns konnten sich wohl nicht vorstellen wie groß dieses Internet wohl mal werden wird. Na schauen wir mal auf was wir in weiteren 15 Jahren zurückblicken. Vielleicht... Naja das werden wir ja dann sehen 😉

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  3. Moena

    @Schatz: Pass nur auf, Eltern mutieren hin und wieder zu Autodidakten. Meiner Mutter hat das Bestellen im Internet auch keiner gezeigt und jetzt verschickt sie sogar Blumen online. Haste ja gesehen. 😉

    @Ich: Uh, die Lemminge, hihi. Da hab ich immer meinem Bruder beim Spielen zugeschaut. Mir selber sind sie leider immer irgendwo runtergefallen oder sonstwie verendet ... 😀

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  4. PhanThomas

    @Ich von und zu: Das ging vielen meiner Freunde damals so. Da das aber alles Jungs waren, wussten die sehr wohl, was sie damit anfangen sollten: zocken! 😉 Herrgott, was war ich neidisch auf die alle! Und mit dem ersten Win95-PC kam ich mir dann damals auch verarscht vor, weil da ja kaum ein Spiel drauf lief. Das änderte sich aber recht flugs.

    @Schatz: Die Lemmings müssten doch aber was für dich sein. Du bist doch so 'ne Geschicklichkeitsspielexpertin. 😉 Und nee, meine Eltern entwickeln sich da nicht weiter. Hmm, wobei ... das mit den Onlinebestellungen habe ich denen auch nie gezeigt.

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  5. Moena

    Siehste, so fängt's an. Pfeile können sie ja auch schon verschwinden lassen. ;D
    Und nee, die Lemminge waren mir damals zu hektisch. Die liefen immer schneller irgendwo über die Klippe als ich klicken konnte. Allerdings war ich damals auch noch nicht so geübt mit der Maus. 😛

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  6. Piano

    Hach, vielen Dank für das Wachrütteln dieser Erinnerungen 🙂 Traumhaft! Ich weiss noch, wie ich bei AOL 20 Pfenning (ich glaube es war Pro Minute oder so) bezahlt habe fürs Surfen mit einem 28k Modem. Das war wahnsinn und die Rechnungen gingen in die hunderte. Aber das Internet hatte mich sofort in seinen Bann gezogen 🙂

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  7. Ich von und zu

    Wo ich jetzt so an die Lemmings denke, würde ich die gern mal wieder spielen^^

    Hab schon nach einer passenden App gesucht aber irgendwie denken die niiiiiie an mich =( *schmoll*

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  8. Luise

    Herrlich zu lesen...ein großes Stück Thomas Geschichte, wirklich toll, danke.

    Zu deinem Vater, du solltest mehr wie er sein und schweigen, wenn Frau es will, bzw gar nicht erst reden so wie du es immer tust 🙂 Immer das letzte Wort!

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  9. PhanThomas

    @Schatz: Die Lemminge laufen so was von langsam! Wie konnten dir die zu hektisch sein? 😀 Herrje, unverbesserlich!

    @Pia: Ja, mein erstes Modem hatte auch sagenhafte 28k. Und das Ding war höllisch laut. Damit meine Eltern nicht merkten, dass ich dauernd online ging, drückte ich immer ein Kissen drauf, so dass man das Piepsen nicht so sehr hören konnte. 😀

    @Nele: Ui, also 'ne Lemmings-App wird's wohl nicht geben, denk ich. Aber vielleicht findest du 'ne Flash-Variante im Netz für den PC? So was müsste doch umsetzbar sein.

    @Luise: Besten Dank! 🙂 Und nix da, schweigen. Ich komm doch nach meiner Mutter und hab die große Klappe von ihr. Von meinem Vater hab ich leider das Duckmäusertum. *seufz*

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  10. PhanThomas

    @Schatz: Siehste, bei mir war's da schon in vollem Gange. 😉

    @Luise: Ein Duckmäuser ist jemand, der still ist und Konfrontationen gern aus dem Weg geht.

    @prophet: Was hab ich von so 'ner Diode an der Birne? Da bleib ich körperlich doch lieber offline.

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  11. Jürgen

    Das ist eine schöne Geschichte. Genau die gleichen Erfahrungen habe ich auch gemacht. Es kommt mir vor, als wäre das alles noch gar nicht lange her. Ich kann mich noch daran erinnern, wie ich das Geräusch des Modems zum ersten Mal gehört habe.

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