Wenn ich mir was wünschen düfte …

© PeterA / pixelio.de; www.pixelio.de

Uh, fast eine ganze Woche ohne Blog. Dafür dann heute etwas mehr Text. Folgende Kurzgeschichte ist kitschig! Derart, dass man den Kitsch aus ihr herauswringen könnte wie aus einem Schwamm. Sie bedient Klischees alter Filme und das ist auch Absicht. Beginn der Erzählung ist übrigens exakt die abgebildete Szene in Edward Hoppers Gemälde »Nachtschwärmer«, allerdings wollte ich keinesfalls das ursprüngliche Thema des Bildes treffen, daher eben der Versuch, was anderes zu verfassen. Aber ach, genug geschwafelt, schließlich kommt jetzt Geschwafel genug ...


Wenn ich mir was wünschen dürfte

Der dünne Schleier aus Rauch und Asche, der wie eine Unwetter verheißende Wolkendecke über den Nachthimmel zog, tauchte den Mond in diffus rotes Licht. Rot wie das Blut ganzer Generationen, die heute Nacht ihr plötzliches Ende finden würden. Ein Ende, das mit einem Knall kommen würde, wie es hieß, mit durchdrehenden Menschen, die sich panisch augenrollend ihr eigenes Gedärm aus dem Leib reißen würden, mit brennenden Straßenzügen, Schreien und jaulenden Sirenen, soweit die angstgeschwängerte Luft den Schall tragen würde. Stattdessen war alles ruhig. Ausgestorbene Straßen wie tote Adern in einer sterbenden Welt. Im Phillies an der Ecke Zehnte Straße, Moonlight Boulevard brannte das kalte Licht einer versiegenden Moderne.
    Joanne Parker saß stumm an der Bar. Sie trug ihr rotes Kleid. Eigentlich hätte sie gern mit ihrem Mann Peter einen Ausflug unternommen, einen letzten nächtlichen Streifzug dem Ende entgegen. Joanne hatte den Gedanken gemocht, ihn romantisch gefunden, doch Peter hatte das Haus nicht verlassen wollen. Lieber hatte er Vorbereitungen getroffen. Vorbereitungen! Wie lächerlich, dachte Joanne und nahm einen tiefen Zug ihrer Zigarette. Ihrer vorletzten, sagte sie sich. Eine würde sie noch rauchen, dann sollte Schluss sein.
    Näher an ihr, als er es sich selbst offen eingestanden hätte, saß Guy Tanon auf seinem Hocker. Die Zigarette, die zwischen seinen Fingern klemmte, war bereits zu einem Stummel heruntergebrannt, der Kaffee - schwarz -, längst kalt. Guy hatte seinen Hut aufgesetzt und flugs das Haus verlassen, als er Joanne vorbeischlendern sehen hatte. Er war ihr schlicht nachgelaufen wie ein höriger Hund seiner Herrin. Doch so auffällig war das nicht, verbrachte Guy doch seine Abende häufiger im Phillies als Joanne. Genau genommen hatte er sie nie zuvor hier gesehen. Ihr Mann Peter, den Guy im Gegensatz zu Joanne nur flüchtig kannte, war nicht die Art Kerl, die sich die Abende außer Haus um die Ohren schlug. Joanne hatte das irgendwann einmal erzählt.
    Etwas abseits saß ein Mann still und regungslos wie ein steinerner Götze, den Guy nicht kannte. Zuerst hatte er gedacht, der Kerl würde Joanne und ihn beobachten, unauffällig den Hut lupfen, dessen Krempe er sich tief ins Gesicht gezogen hatte, doch dem war nicht so. Tatsächlich starrte der Fremde nur. Er trank nichts, keinen Kaffee, kein Wasser. Starrte einfach vor sich.
    Guy hätte diesen Typ seltsam gefunden - in anderen Nächten, nicht in dieser. Heute waren sie alle gleich, sie alle waren Nachtschwärmer. Niemand würde in dieser Nacht schlafen, niemand würde es sich nehmen lassen, ein allerletztes Mal seinen Gedanken nachzuhängen, sie bis zum Ende zu denken und zu bringen, was zum Ende gedacht und gebracht werden konnte. Und musste.
    Nur Barney machte seinen Job und schenkte Getränke aus. »Heute, nur heute geht alles aufs Haus«, hatte Barney feierlich gesagt und breit gegrinst. Guy beneidete ihn um seine Standfestigkeit. Ein Mann, der nicht zögerte, nicht wankte oder nachgab, selbst im Angesicht des Untergangs, war ein wahrer Mann. Wie viele von solchen es wohl noch geben mochte in einer Zeit, die sie an den Punkt gebracht hatte, an dem sie alle jetzt standen? Guy wusste keine Antwort und trank einen Schluck seines kalten Kaffees.
    »Barney, das Zeug hier ist kalt wie schwarzes Eis. Kannst du mir einen neuen machen?«, rief Guy über die Theke. Das plötzliche Erklingen einer Stimme inmitten der apokalyptischen Stille, die nur vom Summen der kühl leuchtenden Neonröhren durchzogen war, ließ Joanne vor Schreck hochfahren.
    »Ich ... ich wollte Sie nicht erschrecken, Joanne«, sagte Guy und berührte für eine Sekunde ungewollt ihre Hand. Hatte sie tatsächlich so weiche Haut, oder hatte er sich das nur eingebildet?
    Joanne sah ihn an, schüttelte den Kopf, als würde sie versuchen, schwere Gedanken wie einen großen Haufen altes Laub von sich zu werfen, dann lächelte sie. »Oh, das ... das ist nicht Ihre Schuld. Ich habe ... nur nachgedacht.«
    »Nachgedacht? Worüber denkt eine so wunderbare Frau wie Sie in der Nacht der Nächte nach? Und warum tut sie es allein? Wo ist Peter?«, fragte Guy. »Danke Barney«, sagte er dann, als dieser ihm eine neue Tasse mit frisch gebrühtem Kaffee reichte.
    »Gern doch. Und stell der hübschen Lady nicht so viele Fragen, Guy. Mit den Antworten kannst du sowieso nicht mehr viel anfangen.« Barney zwinkerte ihm zu und begann dann, die Theke zu putzen. War das zu fassen? Er putzte die Theke.
    »Peter ist ... er ist zu Hause geblieben. Mein Mann verbarrikadiert sich lieber und schützt das Haus vor marodierenden Banden und durchgeknallten Nachbarn«, sagte Joanne. »Ich ... ich wäre lieber ausgegangen. Mit ihm, meine ich. Bis dass der Tod uns scheidet, heißt es doch. Verstehen sie? Ich habe es da nicht mehr ausgehalten. Was bringen denn Gewehre und Bretter vor den Fenstern jetzt noch?«
    »Stattdessen sitzen Sie in einer Bar, rauchen und schauen dem guten Barney beim Putzen zu, was?«, murmelte Guy und lächelte frech.
    Joanne funkelte ihn böse an. »Ihren Zynismus können Sie sich sparen. Was verstehen Sie denn davon?« Aufmüpfig warf sie den Kopf zurück, so dass ihr rot schimmerndes Haar in Wallung geriet. Feuer, war Guys erster Gedanke. Ihr Ärger war gespielt. Welch atemberaubende Frau!
    »Wovon meinen Sie denn, verstehe ich nichts?«
    »Davon wie es ist, jemanden zu lieben und geliebt zu werden. Sie leben doch allein, oder nicht? Ganz für sich, Tag für Tag. Glauben Sie, ich habe meinen Mann freiwillig zu Hause gelassen? Ich wollte weg, weg mit ihm. Ich wollte nicht in einer dunklen Höhle sterben.« Sie schnaubte übertrieben und wandte sich elegant ab.
    Guy kicherte leise. »Wissen Sie, was ich glaube, Joanne? Wollen Sie wissen, was ich wirklich glaube?«
    »Was glauben Sie denn?«, frage Joanne, ohne ihn anzusehen.
    »Ich glaube, Sie wollten es noch einmal wissen. Sie behaupten, Sie wären gern mit Peter ausgegangen, ein letztes Mal. Wahrscheinlich glauben Sie selbst daran, aber Joanne, ich weiß es besser. Ihr Kleid, Ihr zurechtgemachtes Haar, verdammt noch mal, Sie sehen bezaubernd aus! Sie sind eine blühende Blume in einem verwitterten Feld! Der einzige Farbtupfer, den es in dieser verblassten Fotografie der Welt noch gibt.«
    »Sie ... Sie Unhold, Sie! Sie halten mich für ein Flittchen!«, keifte Joanne. »Barney, werfen Sie diesen ungehobelten Klotz raus!« Mit der Hand holte sie aus, um Guy eine Ohrfeige zu verpassen, doch dieser fing sie elegant ab und schloss ihre Finger sanft in seine eigenen. Nur für einen kurzen Moment, dann entwand sie sich seinem Griff.
    »Joanne, ich halte Sie nicht für ein Flittchen. Ich halte Sie für eine Frau, die selbständig denkt, die Feuer hat. Eine Frau, die weiß, was sie will. Sie wollen es allen zeigen, Joanne, vor allem sich selbst. Sie wollen der Welt den Kopf verdrehen. Vielleicht, ja, vielleicht wollen Sie sich selbst etwas beweisen. Doch viel mehr glaube ich, dass Sie der ganzen Welt beweisen wollen, wie viel Feuer tatsächlich in Ihnen steckt. Sie sind nicht das Heimchen Ihres Mannes, Joanne. Ich weiß es, ich sehe es. Jeder Zentimeter Ihres Körpers schreit danach, heute Nacht begehrt zu werden!«
    Joanne zog ein letztes Mal an ihrer Zigarette, dann drückte sie den Stummel in den Aschenbecher. Ein winziges Lächeln umspielte ihre Lippen und verschwand sofort wieder. »Sie wissen viel, Guy«, sagte sie ganz ruhig. »Sie glauben, viel zu wissen. Und Sie haben ein loses Mundwerk. Haben Sie etwa getrunken, hm? Ja, Guy, haben Sie etwa Alkohol getrunken? Alkohol ist verboten.« Barney lachte laut auf und schüttelte wortlos den Kopf.
    »Verboten? Was zählen Verbote in einer Welt, in der keine Zeit mehr für Strafen bleibt?«, warf Guy ein. Joanne konnte nicht anders, als ihm anerkennend zuzunicken. Wo er recht hatte, da hatte er nunmal recht, auch wenn er ein Grobian war.
    »Wenn Sie wissen, was ich heute Nacht will, Guy, und das auch noch so laut herausposaunen, dass alle Welt es hören kann, dann denke ich, wäre es doch nur fair, wenn Sie uns erzählen, was genau Sie möchten. Wonach sehnt der so kaltschnäuzige wie wortgewandte Guy Tanon sich in der Nacht des Weltuntergangs?« Unauffällig war ihre Hand auf seinem Arm gelandet. Entweder hatte sie es selbst nicht gemerkt, oder sie wusste ziemlich genau, was sie tat und wollte nur, dass Guy dachte, es sei ein Versehen. Er glaubte an Letzteres. Diese Frau war ein feuriges Schwert.
    »Nicht viel, Joanne, nicht viel. Ich möchte nur eine einzige Sache und ich bin mir sicher, dass ich sie noch vor dem Ende bekommen werde.«
    »Eine Sache also? Und die wäre?«
    »Sie, Joanne! Ich möchte Sie! Seit dem ersten Tag begehre ich Sie und ich weiß, dass ich Sie noch heute Nacht küssen werde. Das ist alles, was ich will, wovon ich träume, während ich neben Ihnen sitze. Glauben Sie mir, Joanne, ich mag äußerlich kühl wirken, doch innerlich bin ich gerade aufgeregt wie ein Schuljunge.«
    Joanne legte die Hand auf den Mund kicherte leise. Ihre andere lag noch immer auf Guys Arm. »Sie sind ziemlich vorlaut. Und unverschämt ehrlich.«
    »Und das gefällt Ihnen«, fuhr Guy für sie fort.
    »Vielleicht ja, vielleicht nein.«
    »Ich tendiere zu ja, Joanne. Und wissen Sie was? All das ist mir nicht mal annähernd peinlich. Und wollen Sie wissen, warum?«
    Joanne tat so, als würde sie überlegen. »Lassen Sie mich raten«, sagte sie dann, »Sie werden morgen ohnehin nicht mehr die Gelegenheit haben, sich für das, was Sie gesagt haben zu schämen und mir dann für den Rest Ihres Lebens aus dem Weg zu gehen.«
    »Ganz genau!«
    »Barney«, rief Joanne und drehte sich weg, als hätte sie nie mit Guy geredet, »was wünschen Sie sich heute Nacht?«
    »Was, ich, Ma’am? Ich bin wunschlos glücklich. Der alte Barney ist völlig im Reinen mit sich.«
    »Ach kommen Sie schon!«
    Barney legte das Geschirrtuch zur Seite und seufzte. »Wenn Sie schon so unnachgiebig fragen, Ma’am, also ... es ist mir etwas peinlich.«
    »Heute muss Ihnen nichts mehr peinlich sein. Keine Zeitung der Welt wird morgen drucken, was Sie gesagt haben«, hakte Joanne weiter nach.
    »Also gut, Ma’am. Ich würde gern fliegen, wissen Sie? Nicht mit Maschinen oder einem Hexenbesen oder so, sondern mit meinen eigenen Armen, die dann Flügel wären. Ich würde mich über die Dächer dieser Stadt erheben wie ein Vogel. Der alte Barney würde über die Häuser kreisen und von oben in aller Ruhe der Welt beim Untergehen zuschauen.Und wissen Sie, was ich dann tun würde, Ma’am?«
    »Nein, was, Barney? Was?«
    »Ich würde meinem alten Herrn aufs Dach scheißen. Der Kerl verdient das. Und ich finde auch, das wäre ein gelungenes Ende, Ma’am.«
    »Wahrlich gelungen«, sagte Guy, worauf Joanne und er wie abgesprochen in lautes Lachen ausbrachen.
    »Da kannst du einen drauf lassen«, sagte Barney. Nun lachten sie alle, bis auf den stummen Kerl, der noch immer vor sich auf die Theke starrte, ohne auch nur ein einziges Mal den Kopf zu heben. »Leider«, fuhr Barney fort, »habe ich keine Flügel und kann nicht fliegen. Also wische ich die Theke und stelle mir vor, ich könnte es. Das reicht mir, das macht mich glücklich genug.«
    »Beneidenswert!«, sagte Joanne und stieß ein verträumtes Seufzen aus. Schweigend starrte sie in die verrauchte Luft des Phillies hinein, als ihr der stille Fremde auffiel. »Hey, Sie«, rief sie zu ihm hinüber. »Sie da mit dem Hut!« Der Fremde hob den Kopf und schaute sie mit verwundertem Blick an. »Ja, Sie meine ich. Was möchten Sie heute Nacht tun? Was ist Ihr Wunsch?«
    Der Mann räusperte sich, dann schob er seinen Hut aus der Stirn. »Was, ich? Ich habe schon getan, was getan werden musste. Ich bin fertig.«
    Joanne sah ihn verwundert an. »Fertig? Was meinen Sie mit fertig?«
    Mit einer Hand wischte er sich über die Augen. Eine Träne rollte einsam über seine Wange. »Ma’am, Sie haben vorhin gesagt, ihr Mann hätte ein Gewehr zu Hause. Passen Sie auf, dass er Sie nicht bei dem Techtelmechtel mit dem Kerl da erwischt.«
    »Was ... also was soll das denn heißen?«, fragte Joanne empört.
    »Was das heißt?«, begann der Fremde und stieß ein hysterisches Kichern aus. »Dass ich meine Lady gerade abgeknallt habe, das heißt es. Hab sie vor zwei Monaten mit meinem Bruder im Bett erwischt. Haben beide nicht gemerkt, dass ich sie gesehen habe und bin dann wieder aus dem Haus geschlichen. Aber so etwas beginnt zu kochen, wissen Sie? Das brodelt richtig in einem. Und heute, tja, heute bin ich ... bin ich explodiert. Ich bin rein, hab angelegt und als sie mich angeschaut hat, da ... da hat sie noch nicht einmal überrascht ausgesehen. Jetzt liegt sie auf dem Bett und guckt immer noch so. Nur dass überall ihr Hirn herumliegt.«
    »Oh Gott, das ist ja schrecklich«, sagte Joanne hinter vorgehaltener Hand.
    »Ist es, Ma’am. Und ich frage Sie, glauben Sie an Gott?«
    Joanne dachte nach. »Ich ... ich weiß nicht. Wenn es einen Gott gäbe, ließe er doch die Welt nicht untergehen, oder?«
    »Ich glaube an Gott, Ma’am. Ich glaube an den Himmel und ans Fegefeuer. Ma’am, für Sie alle mag das hier so etwas wie die größte Silvesternacht aller Zeiten sein, aber nicht für mich.« Langsam stand er auf. Seine Augen schwammen in Tränen. Sein Blick schrie vor Verzweiflung. »Für mich ist diese Nacht nicht weniger als das Wartezimmer zur Hölle. Ich werde schmoren, weil ich es verdient habe. Mit Liebe und Wut zu gleichen Teilen geh ich ins ewige Feuer und es zerreißt mich jetzt schon. Nein Ma’am, ich bin fertig mit allem. Fertig.« Er zog seinen Hut zurück ins Gesicht und verließ das Phillies ohne ein weiteres Wort.
    »Warten Sie doch!«, rief Joanne und stand auf. Guy hielt sie sanft zurück.
    »Lassen Sie ihn«, sagte er mit ruhiger Stimme. »Das ist jetzt seine ganz eigene Geschichte.«
    Joanne setzte sich wieder. »Da haben Sie vielleicht recht, aber ... Oh Guy, jetzt bin ich traurig. Tun Sie doch etwas!«
    Guy dachte nach, schaute sich um, dann sah er zu Barney. Seine Augen funkelten. »Barney, mach uns Musik, ja?« Der Barmann blickte ihn verwundert an, dann glaubte er zu verstehen und nickte. Er ging ins Hinterzimmer und kam mit einem Stapel Platten zurück. Eine zog er aus ihrer Hülle und legte sie auf das Grammophon, das auf einer kleinen Anrichte an der Wand stand. Es knisterte leise, dann sang Marlene Dietrich »Wenn ich mir was wünschen dürfte«.
    Guy packte Joanne bei den Händen.
    »Was ... was haben Sie vor?«, fragte sie mit großen Augen, in denen Guy nichts als Erwartungsfreude zu erkennen glaubte.
    »Joanne, wenn ich mir was wünschen dürfte, und das darf ich heute, dann wollte ich, sie tanzten mit mir. Also tanzen Sie doch bitte mit mir. Machen Sie mich heute Nacht zum glücklichsten Menschen der Welt!«
    »Aber das ...«, begann Joanne, als Guy sie auch schon sanft durch die Tür des Phillies auf die Straße zog. Die Musik folgte ihnen und verwandelte die zuvor stumme Straße in einen großen Tanzsaal. Bevor Joanne Parker auch nur mit einem weiteren Einwand beginnen konnte, hatte sie die ersten Schritte gewagt.
    »Joanne«, hauchte Guy ihr zu, »jetzt gibt es nur noch Sie und mich!«
    Sie legte ihren Kopf an seine Schulter und seufzte. »Ich bin so aufgeregt wie ...«
    »... ein Schulmädchen?«, ergänzte Guy. »Lassen Sie uns Junge und Mädchen sein, Joanne. Lassen Sie dies unseren Abschlussball sein!«
    »Ach Guy, wissen Sie eigentlich, dass ich absichtlich vor Ihrem Haus vorbeigegangen bin? Wieder und wieder? Ich wollte, dass Sie raus zu mir kommen. Ich wollte Sie sehen. Immer. Und bis eben wusste ich noch nicht einmal, dass ich so dachte.«
    »Und ich wusste immer schon, dass ich Sie wollte. Immer.«
    »Guy, ich bin gerade glücklich, wirklich glücklich. Aber ... ich ... ich sollte es nicht sein. Der Mann von vorhin ... Sein Leben endet in einer einzigen Tragödie.«
    »Nicht nur seines, Liebes. Dabei sollte heute Nacht doch jeder tanzen wie wir.«
    Irgendwo in entfernten Häuserschluchten brach ein lauter Knall hervor, dann folgte ein spitzer Schrei, bevor wieder Ruhe einkehrte. Joanne schaute Guy besorgt an. »Wie spät ist es?«
    »Was?«, fragte er, als hätte sie ihn aus einem Tagtraum gerissen.
    »Die Uhrzeit, Guy.«
    Er warf einen kurzen Blick auf seine Armbanduhr. »Wir haben noch drei bis vier Stunden, denke ich. Dann wird es losgehen und alles wird vorbei sein.«
    »Tanzen Sie mit mir, Guy! Lassen Sie uns tanzen und alles andere vergessen!« Ihre Augen füllten sich mit Tränen. In der nächsten Sekunde presste Guy seine Lippen fest auf ihre. So verharrten sie. Küssend und tanzend in dieser letzten Nacht, die sie auf Erden verbrachten, unter dem roten Auge des letzten Mondes.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Du möchtest einen Kommentar hinterlassen, weißt aber nicht, was du schreiben sollst? Dann nutze doch den KOMMENTAROMAT! Ein Klick auf einen der Buttons unten trägt automatisch die gewählte Reaktion in das Kommentarfeld ein. Du musst nur noch die Pflichtfelder ausfüllen und den Kommentar abschicken. :)