Haarige Angelegenheiten.

Beim Barte des Propheten: Mit Rasierklingen ist es wie mit Druckerpatronen: Je moderner die Dinger werden, desto weniger sind sie zu gebrauchen. Ich erinnere mich noch dran, dass ich als Dreikäsehoch heimlich den Uraltrasierer meines Vaters vom Badezimmerschrank klaubte und so tun wollte, als sei ich jetzt ein Mann, der sich jetzt unbedingt rasieren müsse. Das ging genau so lange gut, bis ich den Rasierer auf meinem Babypopogesicht ansetzte und die mörderisch scharfe Rasierklinge über die Wange zog. Vermutlich quer ... Was folgte, war ein Schrei meinerseits, dann das Gezetere meiner herbeigestürmten Mutter, schließlich nur noch leises Gewimmere des Sohnemanns, der soeben seine erste Erfahrung mit dem Mannsein gemacht hatte und nun ein dickes, buntes Pflaster auf seiner gespaltenen Wange zur Schau trug. Statt einen Bart zu entfernen, hatte ich mir einen Blutbart zugelegt und wurde zudem dazu verdonnert, künftig einen Sicherheitsabstand von fünfzig Metern zur Tatwaffe einzuhalten.

Die Jahre gingen, die Barthaare kamen. Als das definitiv kein schöner Anblick mehr war, vererbte mein Vater mir feierlich seinen ihm vom eigenen Onkel vermachten Elektrorasierer der Marke Braun. Das Ding war so alt, dass sich vermutlich bereits Methusalem persönlich damit zeitlebens das Gesichtshaar gestutzt hatte, aber es funktionierte, ohne dass ich je Angst haben musste, das traumatische Erlebnis meiner Kindheit könnte sich wiederholen und das hübsch geflieste Bad in ein hübsch gefliestes Schlachthaus verwandeln. So schön das Gerät aber auch vor sich hin surrte, irgendwie fühlte sich mein Gesicht anschließend doch eher wie fleischgewordenes Schleifpapier an, so dass der Elektrobrummer auch nicht der Weisheit letzter Schluss sein konnte.

Irgendwann bekam ich einen Mach3 von Gilette in die Hand. Das Ding gab's seinerzeit mit einer Handvoll Gratisklingen auf irgendeiner Internetseite. Nachdem ich die augenscheinlich wieder gefährliche Klinge, auch noch aus drei Einzelklingen bestehend, lange genug mit Argwohn beobachtet hatte, wagte ich es dann doch, das Teil auszuprobieren. Kaum hatte mein Vater mir erklärt, dass man nicht drei Kilo Rasierschaum braucht, funktionierte das auch ganz gut und ohne größere Schnittwunden. Die kleineren welchen tut Mann von Welt bekanntermaßen ja ohnehin als »harten Bartwuchs« ab.

Mit dem Mach3 war und bin ich seit jeher recht glücklich. Eine Packung Klingen entspricht zwar dem Gegenwert eines Mittelklassewagens deutschen Fabrikats, aber ein gepflegtes Gesicht beim Manne ist schließlich das Äquivalent zum sauberen Schuhwerk der Frau. Oder so. Never change a running system, jedenfalls!

Im Hause Gilette scheint man diese Weisheit nicht zu kennen. Denn dort schickt man sich an, das Rasierersortiment ständig zu verbessern. Mit zweifelhaftem Erfolg: Weil den Knallchargen in der Produktentwicklung nämlich scheinbar nichts Besseres einfällt, wird alle Jubeljahre einfach eine weitere Klinge ans Rasierutensil geklebt. Toll. Inzwischen sind's fünf an der Zahl vorn, sowie eine weitere auf der Rückseite. Letztere angeblich für den Feinschliff. Die seltsame Konstruktion erkläre ich mir damit, dass sechs Klingen auf der Vorderseite das für einen handelsüblichen Männerbart ohnehin schon viel zu dick geratene Gerät auf das Format eines Waschbretts aufgebläht hätten. Kein Mann von Verstand vertraut so einem Monstrum sein kostbares Gesicht an! Die fünf Klingen auf der Vorderseite passen ja schon auf keine menschliche Oberlippe. Das hat man nun von den Tierversuchen.

Überhaupt hilft viel nicht unbedingt viel, was die Anzahl der Einzelklingen an einer der High-Tech-Rasierklingen angeht. Hat irgendwer mal versucht, mit einem dieser Fünfklinger, auch Fusion genannt, eine adäquate Rasur hinzubekommen? Das geht einmal gut, vielleicht auch ein zweites und drittes Mal. Doch spätestens dann wird die Rasur zur Tortur: ein Gefühl, als wären aus den Klingen plötzlich muskelbepackte Arme geworden, die einem das Barthaar mit bloßen Händen ausreißen. Da wird jede Gesichtspflege zur Grimassenschau, die sogar eine Renate Künast in Ehrfurcht erstarren ließe.

Ein Mann, der sein Gesicht regelmäßig von zotteligem Unrat befreit, hat so innerhalb kürzester Zeit einen Sack voll stumpfer Klingen zusammen, die er sich allenfalls schmückend in den geschundenen Bart hängen kann. Das mag von Nutzen sein, wenn man dem Christbaum Konkurrenz machen will, ist ansonsten aber eine absolut überteuerte Mogelpackung. Da hilft es auch nichts, dass der Fünfklinger inzwischen auch noch Batterien benötigt und beim Rasieren beruhigend vor sich hin brummt, als wollte er sich als Elektrorasierer tarnen.

Gestandene Seeräuber hätte so viel Weicheitum vermutlich ohnehin zum Säbelrasseln getrieben. Früher tat es schließlich ein scharfes Messer, wenn es darum ging, den Gesichtsrauputz auf Vordermann zu bringen. Das hatte nur eine Klinge, mit der man sich zudem nicht nur rasieren, sondern alternativ auch jemandem fachgerecht die Kehle durchschneiden konnte. Auch mit dem Steinzeitrasierer meines Vaters wäre das noch locker möglich gewesen. Zumindest hat's für meine zarte Wange gelangt. Ein Feature, auf das ich gern verzichten kann, so dass mir mein geliebter Mach3 wohl erhalten bleiben wird. Wozu aber das unnütze Ding von einem brummenden Elefantenrasierer mit seinen insgesamt sechs Klingen gut sein soll, wird mir auch kein Prophet sagen können. Die rasieren sich ja ohnehin nie.

4 Gedanken zu “Haarige Angelegenheiten.

  1. prophet

    ............was ist mit meinem Bart?

    Aber im Ernst: Ich persönlich benutze was elektrisches von BRAUN und natürlich den Mach 3 von Gilette. Soweit keine Beschwerden, außer wie du sagst der Klingenpreis bei letzterem.

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  2. Piano

    Aua. Mein Mann hat das neulich auch mal versucht mit so einer Klinge. Keine gute Idee...das muss scheinbar echt gelernt sein. Und wie scharf die Dinger sind. Ich habe mich übrigens gestern beim raiseren der Beine geschnitten 🙁

    Antwort

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