Aktionswoche »Assoziatives Schreiben«: Dritter Teil.

Es ist immer gut, schnell weg zu kommen, wenn's brenzlig wird. Oder schnell hinzukommen, wenn's was umsonst gibt. Wie ich drauf komme? Nun, es soll immer noch herumassoziiert werden, und da ich glücklicherweise jener Gattung angehender Endzwanziger angehöre, die beim Blick abwärts nicht einen unter schlabbrigem Shirt verborgenen Butterberg von einem Bauch sieht, sondern wie zu besten Zeiten die eigenen Füße, sollen auch diese das heutige Thema sein.

Drum nun: Füße

Die Geschichte des Fußes ist mitnichten eine Geschichte voller Missverständnisse, doch wenn ich die löchrigen Socken von den mir angewachsenen Bodenbelägen friemle und schaue, welch Bild sich mir darbietet, dann scheint es sich doch zumindest um eine Geschichte langen Leidens zu handeln. Nehmen wir Gollum aus dem »Herrn der Ringe«: Einst einem Hobbit nicht unähnlich, wie Rauschebartträger Gandalf es formuliert, ließ der dauerjammernde Grottenolm sich von einem hübsch glitzernden und dauermurmelnden Ring dahinknechten, schinden und aussaugen wie in erster Ehe, bis, nun ja, etwas übrig blieb, das höchstens noch einem von Lepra befallenen Penis nicht unähnlich ist. Nun haben Gollum, unansehnliche Geschlechtsteile und Füße eigentlich nicht allzu viel gemeinsam, doch worauf ich hinaus will: Letzteren sieht man das Leid einer lang währenden Evolution einfach an.

Führen wir der Veranschaulichung halber einen kleinen Schwenk in Richtung der Hände durch. Wer von Mutter Natur initial nicht allzu sehr abgestraft wurde oder mit polnischem Knallwerk zu sehr geböllert hat, muss schon zugeben, dass Hände nicht eben die hässlichsten Körperteile sind. Natürlich sind sie kein in Fleisch gegossener Rembrandt, doch eine gewisse Ästhetik kann man den menschlichen Greifern nicht absprechen. Ganz anders dagegen Füße, die vor Äonen, eben vor der Erfindung des aufrechten Ganges und dem damit einhergehenden Trend zur Kniescheibenfehlstellung, einmal so etwas wie die großen Brüder der Hände gewesen sein müssen. Zehen standen den Fingern in nichts nach und wenn es darum ging, dem Überbiss des verhassten Höhlennachbarn in Sachen Evolution nachzuhelfen, dann hatte man vermutlich die Qual der Wahl aus vier geeigneten Fäusten.

Doch dann - irgendein einschneidendes Erlebnis in der Geschichte unserer Art, vielleicht ein Haufen Säbelzahntigerkacke zu viel, in dem die Vorderpatsche hängen blieb, vielleicht das Erkennen des Entspannungsmehrwertes von Fußbädern oder einfach nur das zunehmende Bedürfnis, Hinterkopf und Hinterteil gleichzeitig kratzen zu können, irgendetwas jedenfalls muss unsere werten Vorfahren dazu gebracht haben, künftig nur noch auf zwei Beinen gehen zu wollen. Und zwei dauerhaft freie Hände machten zwei kaum mehr freie Hände langfristig recht überflüssig - degradierten sie sozusagen zu Fußvolk.

Und diese Füße begannen sich zu verändern: Filigrane Finger wurden zu verkümmerten, ungelenken Zehen, die seither aus einem langgezogenen Trittwerkzeug herauslugen und sich winden wie aufgedunsene Maden im Speck. Statt schwieliger Handflächen gibt's zwei wildgewachsene Furunkel namens Ballen und Ferse. Let's face it: Füße sind nicht schön! Das sagt sogar ein Großteil der Frauen, denen ich bisher begegnet bin, um tiefsinnige Gespräche über die Ästhetik von Füßen mit ihnen zu führen. Deswegen verpacken wir sie gleich doppelt - die Füße, nicht die Frauen -, wenn wir außer Haus gehen: zuerst in zumeist unscheinbare Socken, die kein Grauen unter dem Stoff vermuten lassen und dann in allerlei buntes Schuhwerk, das elegant davon ablenken soll, dass unterhalb von Leder, Gummi und Schnürsenkel zwei missratene Körperteile ein zweisames Schattendasein fristen.

Schlimmer noch ist ja, auf welch perfide Art die biologischen Treter versuchen, dennoch Aufmerksamkeit zu erregen: Mitunter imitieren sie den Duft von ranzigen Milchprodukten und hilft auch das nichts, spielen sie Mutterboden für juckende Parasiten, deren namensgleiche Vettern zum Herbst in Wäldern wuchern und auf eifrige Sammler warten. Ja, vernachlässigte Füße halten uns auf Trab: Sie schmerzen nach langen Märschen oder schlicht nach dem Aufstehen, ganz wie es ihnen beliebt, sie lassen Zehnägel genüsslich ins Fleisch wachsen, die dann mit Zangen aus eitrigen Wunden gezogen werden wollen, sie ärgern uns mit gerissenen Bändern, gebrochenen Zehen, mit wässrigen Blasen und sie schlafen genau dann ein, wenn man gerade aufstehen und zum Kühlschrank gehen möchte.

Und doch ... es gibt sie, die Fußliebhaber, die Fetischisten, denen Fellatio mit dem großen Onkel lieber ist als alles andere, die genüsslich an Zehen lutschen wie an einer Waffel mit Vanilleeis bei Sonnenschein. Es will mir nicht in den Kopf, wie Füße Liebe sein können, wo Liebe doch durch den Magen gehen soll. Doch vielleicht ist gerade jenes von den meisten als Abart empfundene Verhalten Mutter Naturs Versuch, uns auf unsere angeborenen Laufutensilien aufmerksam zu machen. Ein gewolltes Bekenntnis zum Fuß sozusagen, schließlich steckt hinter dieser vermutlich Jahrtausende währenden unendlich komplizierten Transformation durchaus der Zweck, uns ein Mittel zur Verfügung zu stellen, mit dem jederzeit komfortabel weite Strecken überbrückt werden können. Ein Wunder der Natur eben, auf das der werdende Mensch fortan angewiesen sein sollte.

Bis er das Automobil erfand.

Ein Gedanke zu “Aktionswoche »Assoziatives Schreiben«: Dritter Teil.

  1. Moena

    Erinner mich doch noch mal dran, dass mir diese Nacht niemand die kalten Füße wärmt ...

    Und wo wir grade bei Füßen sind: Mach mal dem blöden Zug hier Beine. :/

    Antwort

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