Aktionswoche »Assoziatives Schreiben«: Fünfter Teil.

Ich muss eingestehen, so allmählich ist die Luft raus. Sieben Tage, sieben Texte, nun, das war vielleicht doch etwas hoch angesetzt. Es wäre jedenfalls wohl sinnig gewesen, sich die assoziationsgeeigneten Begriffe bereits im Voraus zu überlegen und dann so zu tun, als wäre man spontan unendlich kreativ. Hinterher ist man ja immer schlauer. Doch es hilft alles nichts, es muss weitergehen, also werfen wir die Hirnmaschinerie an und schreiten tüchtig voran. Und weil vorwärts eine so schöne Richtung ist, bleiben wir doch gleich dabei.

Heute also: Vorwärts!

Genosse Honecker sagte es bereits zu Lebzeiten im aufschwungbefreiten Ostteil Berlins: »Vorwärts immer, rückwärts nimmer!«, die kleinen kapitalkritischen Maulwurfsaugen hinter der dickglasigen Brille siegessicher (oder wegen regelmäßiger Asbestinhalation geistesabwesend) funkelnd. Vielleicht war das Nasenfahrrad des Genossen auch nicht dick genug, sonst hätte er doch sicher gemerkt, dass es zwar vorwärts ging, aber nur für all jene, die ihre Augen nach hinten gerichtet hatten. Nun gut, die Geschichte hat uns gelehrt, dass nicht lange danach die Scorpions kamen, um zuerst die Mauer und dann den ganzen Staat mit gespitzten Lippen und Akustikgitarren wegzusäuseln. Und seitdem geht's ja auch wirklich vorwärts hier in Berlin. Da guckt man einmal nicht hin, schon ist aus einem hübschen Park ein leerstehendes Bürogebäude geworden und schon Tags darauf ein besetztes Haus.

Wo Berlin ist, da ist Leben, da hat sich geballte Unfreundlichkeit zu Unmengen an Menschmasse personifiziert, die sich zusammengequetscht wie ein immenser Wackelpudding aus Fleisch und Schimpftiraden durch die Straßen wühlt, als wäre das ganze Jahr lang Schlussverkauf. Und wer was abbekommen will, im Schmelztigel aller Formen und Farben von Selbstgefälligkeit und Egoismus, der muss eben sehen, dass er vorwärts kommt. Das fängt damit an, dass die Oma schon morgens um zehn im Discounter um die Ecke an der Kasse steht, um das letzte Bier abzustauben, und endet mit den zu jeder Tageszeit von Pennern besetzten Parkbänken, die eigentlich längst eigene Hausnummern haben müssten.

Man muss eben auf Zack sein, aber dafür gibt es hier schließlich, sofern man nicht mit dem eigenen motorisierten Gefährt in das ewig währende Hupkonzert der urbanen Stauapokalypse einstimmen möchte, den öffentlichen Nahverkehr, der sich aber den Slogan »Vorwärts!« glücklicherweise nicht auf die rapsgelben Fahnen geschrieben hat, denn ... ach, man kennt es ja: Nur zehn Meter sind es bis zum Bus und man ist bereits zum eleganten Sprint übergegangen, um gerade noch rechtzeitig zum Hechtsprung durch die sich schließende Tür anzusetzen. Doch hat man die Rechnung ohne den Busfahrer gemacht, jene Spezies, die auch ohne den für das Lachen benötigen Muskelapparat auskommt und so maulfaul wie perfide ist. Der nämlich, hat den herbeihastenden Fahrgast längst ausgemacht und schließt die Tür rechtzeitig direkt vor dessen Nase. Der geübte Brummifahrer geht einen Schritt weiter und klemmt den Zinken des unglückseligen Zuspätkommers fachgerecht in der Tür ein. Und immer dann, wenn man nur noch den Rücklichtern des gemütlich davonbrausenden Busses nachsehen kann, scheint dessen Heck sich vor den eigenen Augen in einen Hintern mit heruntergelassenen Hosen zu verwandeln. Macht nichts, der nächste Bus kommt bestimmt. Nicht!

Doch man kann alternativ ja auch mit der U-Bahn vorwärts kommen, wenn es denn so nötig ist, dass man sich den durchaus als experimentell zu bezeichnenden angestauten Duft menschlicher Ausdünstungen antun möchte, der irgendwo zwischen den üppigen Ausscheidungen einer Kuh und einer polnischen Schnapsbrennerei anzusiedeln sein dürfte. In den gelben Riesensärgen, die tagein, tagaus durch den lauschigen Berliner Untergrund holpern, stellen untalentierte Akkordeonspieler sowie die Zeitungsfritzen von »Motz« und »Straßenfeger« eine durchaus respektable Wirtschaftsmacht dar und bieten dem Fahrgast immerhin ein wenig Unterhaltung, während er seine Nase im Winter in der eigenen Jacke und im Sommer in fremden Achseln vergräbt. Ach und dann dieses Gedränge beim Ein- und Aussteigen, denn - wir wissen es - hier will jeder vorwärts kommen. Ruhig bleibt da nur der Bahnfahrer, der die Tatsache, dass ein gigantischer wutschnaubender Menschenpudding versucht, sich durch eine einzige U-Bahn-Tür zu quetschen, über Lautsprecher mit dem Satz »Dit is hier keen Weihnachtskalender. Hier jehn alle Türn uff!« kommentiert.

Unwesentlich bequemer sind da die S-Bahnen, die zumindest schneller vorankommen, als ihre quietschgelben Untergrundgenossen, dafür aber im Gegenzug jedes Jahr wieder kollektiv ihren Winterschlaf halten und so dafür sorgen, dass der ohnehin wenig entspannte Berliner alles andere als vorwärts kommt. Da das Problem allgemein bekannt ist, wartet jedoch ohnehin kaum jemand auf die ausbleibenden S-Bahnen und wer keine Ahnung hat und doch zu lange am Gleis herumsteht, wird für diese Dummheit eben auch mal von eifrigen Nachwuchsstädtern ins Krankenhaus geprügelt.

Ohnehin sollte sich die erfahrene Bulette wohl am ehesten auf die eigenen Quanten verlassen, kommt man mit selbigen doch irgendwie immer noch am unproblematischsten vorwärts. Zwar ist innerhalb des urbanen Molochs längst nicht alles fußläufig erreichbar, sofern man Zelt, Thermoskanne und Stullenbüchse zu Hause gelassen hat, doch in Berlin verlässt eh niemand den eigenen Bezirk, wenn nicht Leib und Leben bedroht sind oder irgendwo eine zünftige Demonstration nach Steineschmeißern ruft. Ja, wenigstens das Laufen klappt hier problemlos, so man sich erst einmal daran gewöhnt hat, alle zwanzig Meter einen beherzten Ausfallschritt zur Seite zu tun, um der gewaltigen Tretmine, bestehend aus Waldis Morgengeschäft, auszuweichen. Und so schaut man im Vorbeigehen dem gerade entkommenen, diesmal besonders hässlichen Stück Köterkot fasziniert nach und steht prompt in der Scheiße. Kurzer Exkurs in Sachen Kacke: Berliner Hunde sind besonders fleißig und fabrizieren jeden Tag fulminante 30 Tonnen an Hinterlassenschaften für den besohlten Fuß. Das entspricht vergleichsweise einer Menge von über 650.000 Big Mac-Frikadellen. Exkurs Ende.

Gut, ich sehe schon: Was die Mobilität angeht, waren die Begriffe »Berlin« und »vorwärts« vielleicht doch kein gut gewähltes Geschwisterpärchen. Was der kleine Ausflug aber immerhin zeigt: Wenn der tattrige Honecker mit seinem Ausspruch schon nicht die Wirtschaft gemeint haben kann, die Fortbewegung kann es eigentlich auch nicht gewesen sein.

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