Aktionswoche »Assoziatives Schreiben«: Letzter Teil.

Der Autor dieses allzu häufig nicht erreichbaren Weblogs gibt zu, mit seinem selbst gefassten Plan »Sieben Tage, sieben Texte« im Kontext »Assoziatives Schreiben« kläglich gescheitert zu sein. Nach Nummer 5 hat doch tatsächlich irgendwer die Puste aus der literarischen Luftmatratze herausgelassen. Andererseits sind fünf Texte in fünf Tagen ja auch schon eine hübsche Hausnummer und quasi als Wort zum Sonntag gibt's dann doch noch einen kleinen Nachschlag. Heute, passend zur entwichenen Schreibluft, was über die Kurzatmigen unter uns.

Daher nun: Raucher

Wenn es einen Gott geben sollte - und möge er von mir aus auch gern aus in die Länge gezogener Teigmasse, angereichert mit Bolognaisesauce und appetitlichen Fleischklopsen bestehen -, der sich unserer Erschaffung angenommen hat, dann ging er vermutlich so vor, dass er Mann und Frau aus dem prähistorischen Schlamm knetete, anschließend mit dem Marlboro-Mann für ein Päuschen auf den Balkon ging, bevor er sich zurück an die Arbeit machte und plötzlich das Gefühl bekam, dass noch etwas Wichtiges zur Vollkommenheit zu fehlen schien. Noch ein wenig Schlamm hier, ein ein bisschen Spachtelmasse da, eine löchrige Teerlunge, dazu ein Päckchen Kippen, lässig in die Arschtasche geschoben, und weil man dafür ja überhaupt erst mal eine Tasche braucht, gab's eine adrette Blue Jeans dazu - fertig war der Raucher.

Nun unterscheiden sich Raucher und Menschen in vielerlei Hinsicht. Das fängt schon damit an, dass Menschen immer nur olle Menschen sind, während Raucher so was wie das nikotinabhängige Äquivalent zu blutschlürfenden Vampiren sind. Ständig sind sie auf der Pirsch nach dem nächsten Glimmstängel, egal ob erschnorrt oder bei Nacht und Nebel aus 'nem Automaten gefriemelt, um der Lebenserwartung ein weiteres Mal 'nen Scheitel zu ziehen. Niemand warnt den Nichtraucher so sehr vor den Gefahren, den Nachteilen, der Lästigkeit des Tabakkonsums, wie der Raucher selbst. »Ganz schlimme Angewohnheit«, sagen sie dann, als hätten sie's auswendig gelernt, ziehen genüsslich am verteerten Filter und fahren fort: »Fang du bloß nicht auch noch damit an!« Die Botschaft ist klar: Raucher wollen unter sich bleiben, sie sind eine verfluchte Elite, die Geschöpfe der frischen Luft, Sklaven einer tausendfach inhalierten Milligrammdosis Nikotin, von denen der Nichtraucher tunlichst Abstand halten sollte. Und das tut er gemeinhin auch freiwillig, ist doch so ein vorbeigehender Teerkübel an Gestank nur von sich selbst zu übertreffen, nämlich sobald er den Mund öffnet und beim Reden ein undefinierbares Aroma in die Welt hinausjagt, dass wenigstens mich noch am ehesten an den Duft von Salami nach einem ausgiebigen Sonnenbad erinnert.

Dabei sind die Kinder des Teer streng genommen ein wirklich lässiger und damit beneidenswerter Haufen: Lässig genug, um dem Lungenkrebs bis zum bitteren Ende hustend ins Gesicht zu lachen, schließlich ist Leben ohnehin tödlich, lässig genug, um den röchelnden Nichtraucher geflissentlich gar nicht zu bemerken oder ihn schlicht zu ignorieren. Nach der Zigarette ist eben vor der Zigarette, allem Protest zum Trotz! Und jeder nichtrauchende Lokalbesucher weiß, wenn alles ein Ende und nur die Wurst derer zwei haben sollte, dann hat die Zigarette des nervigen Schornsteins am Nebentisch überhaupt kein Ende. Raucher sind in jeder Hinsicht die ruhigeren Probanden, finden Raucherpausen doch fernab des stressigen Alltagskosmos statt, in der nebulösen Welt der Raucherzimmer, deren Sauerstoffarmut ein Nichtraucher keine fünf Minuten standhalten kann, ohne dass ihm die Augen aus den Höhlen quillen. Raucher sind die besseren Kollegen, zumindest unter ihresgleichen, denn alle anderen müssen die im Dunst erstickte Arbeitszeit wieder ausgleichen und büßen so soziale Pausenkompetenzen ein. Aber Raucher sind eben auch die besseren Regierungschefs, denn abseits jeglicher Meinungsverschiendenheit in Sachen Aufrüstung oder Menschenrechten schmeckt die Zigarette zwischendurch doch allen Beteiligten gleichermaßen.

Außer den Nichtrauchern! Und weil es derer trotz krebserregenden Passivrauchens scheinbar immer noch viel zu viele aber eben nicht genug gibt, haben sie sich inzwischen selbst in die Opferrolle hineindefiniert und die stinkenden Tabakeimer aus öffentlichen Gebäuden verbannt. In Restaurants duftet es nun endlich nach Essen statt nach Teergrube, Kneipen riechen nach Schnaps und Erbrochenem und Diskotheken nach Schweiß. Es ist Ruhe eingekehrt im Abendland, selbst die Raucher scheinen sich an den Regelungen nicht zu stören, die sie nun sommers wie winters zum Qualmen nach draußen beordern. Da kann es noch so kalt sein, stört niemanden, die Finger des Dauerquarzers zittern ja sowieso. Außerdem ist da noch der Aufschwung der Heizpilzindustrie, so dass Freund Raucher auch im Winter eigentlich kaum mehr frieren muss, während er sich ordentlich Lochfraß in die Lunge hineinpfeift. Natürlich ist das schlecht fürs Klima, selbstverständlich werden die horrenden Energiekosten für die Dinger auf Getränke und Speisen und nicht auf die Glimmstängel umgelegt, aber irgendwie muss man den pseudogesunden Nichtraucher mit dem ewigen Stock im Arsch ja ärgern, wenn man ihm schon nicht mehr die Luft verpesten kann. Mich als einen von ihnen bringen diese nur auf sich bedachten Nikotinsüchtigen ja schon wieder auf die Palme. Da hilft zur Beruhigung wirklich nur noch 'n Tässchen Kaffee.

2 Gedanken zu “Aktionswoche »Assoziatives Schreiben«: Letzter Teil.

  1. LuckyLuke

    Naja, man kann nix sagen, der Tabakindustrie ist es halt gelungen, über hundert Jahre ihre Produkte als cool zu etablieren. Das geht nicht durch ein paar Jahre Kampagnen und Nichtrauchergesetze weg. Trotz Alternativen.

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  2. Thomas Meyer

    Nee, über Kampagnen geht das vermutlich nicht. Aber wenn die Raucher weiter so diskriminiert werden (wenn ich mal so frei sein darf, das so zu bezeichnen), dann hat das über kurz oder lang sicher eine messbare abschreckende Wirkung. Eine Person fällt mir sofort ein, die deswegen aufgehört hat.

    Antwort

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