Aktionswoche »Assoziatives Schreiben«: Vierter Teil.

Der Alltag hat den kürzlich zu altem Fleiß zurückgefundenen Autor dieses charmanten Blogs eingeholt und ihm wie ein Zombie mit dem Strohhalm des Stresses plus zwei die Kreativität durch den präfrontalen Kortex gesaugt. Deswegen mag folgende Fortsetzung der kleinen, gemütlichen Assoziationsrunde etwas wirrer als beabsichtigt wirken. Der Leser möge dies bitte entschuldigen. Um dennoch den Schein von Niveau aufrechtzuerhalten, gibt's heute etwas Hochtrabenderes als Haxen, Fisch oder Feiertage.

Nämlich: Theorie und Praxis

In der Theorie ist die Praxis der Theorie näher als in der Praxis, sagt man. Aber ach, fangen wir ganz vorn an. In einer verständlicheren und wirklich ausufernden Theorie ist alles Leben dem Urknall entsprungen, einem vielleicht göttlichen Furz in der Dunkelheit, welcher dermaßen vor Physik und Naturgesetz strotzt, dass Meister Mensch dem Urheber des frechen Windes unlängst jegliche Existenzberechtigung aberkannt hat. In der Praxis nennt sich das dann schlicht Wissenschaft. Theoretisch ist die Wissenschaft unter anderem da, unser schönes Leben mit allerlei Kenntnis zu erleuchten und es dank moderner Medizin auf unverschämte Länge auszudehnen. In der Praxis jedoch sollen wohl vor allem Frömmler mit unwiderlegbaren Formeln geärgert und alle anderen mit Details zu wenig angenehmen Dingen gemartert werden, die eigentlich gar niemand wissen möchte: schmelzende Polkappen, gekappte Schuldenberge, Waldsterben, Walsterben und andere Dinge, die den Kaffee morgens beim Zeitunglesen ein gutes Stück bitterer schmecken lassen.

Theoretisch sagt uns der ganze gedruckte Blödsinn, den die Kittelträger dieser Welt so ermitteln, dass wir für alles, was wir versauen, allein verantwortlich sind, dass niemand nach uns schaut, dass es eben kein Schicksal gibt. Wie eine tote Seekuh treiben wir ungelenk und hilflos, vom Wellengang des Alltags geschüttelt, durch das unergründliche Meer namens Leben und fragen uns, in welchem metaphorischen Netz, Raubfischmagen oder Ölteppich unser Kadaver wohl enden mag. So weit, so unpraktisch. Praktischerweise gibt es aber eindeutige Gegenbeweise: Da wäre etwa dieser Kerl, der doch tatsächlich sechs mal von einem Meteoriten getroffen wurde. Sechs! Mal! Wenn es neben dem Guinness-Buch der Rekorde auch so was wie ein Kilkenny-Buch des Schicksals gäbe, dann würde ich den Hintern eines toten Stinktieres essen, wenn für diesen armen Knilch - nennen wir ihn mal Günther - nicht so etwas drin stünde wie: »Meteorit trifft Günther! Tot!« So weit also die simple Theorie des Schicksals. Praktisch jedoch hat Günther natürlich guten Stuhl, ist deswegen auf Zack und geht zur Seite, wenn der Himmel einen seiner dicken Brocken zur Erde hustet. Das Schicksal muss inzwischen mächtig sauer auf Günther sein.

Doch im Ernst, wie hoch ist die Chance, tatsächlich sechs mal von einem großen Weltallpopel getroffen zu werden? Theoretisch vermutlich deutlich geringer, als im Lotto zu gewinnen. Günther allerdings, der wird praktisch nie im Lotto gewonnen haben. Doch was Wahrscheinlichkeiten anbelangt, da geht sowieso alles kreuz und quer: Theoretisch etwa nähert sich die Chance, einem Bekannten am anderen Ende der Welt in einer fremden Stadt in einem fremden Park zufällig zwischen Baum und Parkbank zu begegnen, der Null. Von unten! Auch hier ist der ersehnte Lottogewinn zumindest theoretisch wahrscheinlicher. In der Praxis kennt aber so ziemlich jeder jemanden, dem eine solche Begegnung widerfahren ist. Doch wer kennt schon jemanden mit sechs Richtigen im Lotto?!

Theoretisch lässt das nur zwei Schlüsse zu: Entweder gewinnt niemals jemand im Lotto und all das ist nur ein geschickter Kniff des Gevatter Staat, um dem dauerneidischen Pöbel wenigstens das Gefühl zu geben, es mit ein paar Kreuzen auf einem Zettel zu was bringen zu können, oder aber es gibt in Wahrheit deutlich weniger Menschen auf der Erde, als die praktische Wissenschaft uns weismachen will. Sagen wir, hmm, circa fünfhundert. Letzteres würde auch erklären, weshalb man dauernd dieselben Leute an unterschiedlichen Orten trifft. Eine passable Verschwörungstheorie will mir dazu aber nicht einfallen.

Wohl auch, weil ich eher praktisch veranlagt bin. Und würde ich im Lotto gewinnen, ich würde niemandem von meinem Geldsegen erzählen und stattdessen den Innendruck meiner durchgelegenen Matratze mit den druckfrischen Scheinen etwas nachbessern. Äußerst praktisch. Oder eine Eckbank aus Goldbarren, die wäre sogar noch praktischer. Wenn nämlich die Finanzjongleure mit den bunten Krawatten des Zirkus »Marktwirtschaft« eine neue Riesenblase fabrizieren, um dann milliardenfach theoretisches Geld im Nichts verschwinden zu lassen, dann wären tausende weniger amüsierter Anleger mit einem Schlag praktisch ruiniert, während ich auf meiner in jeglicher Praxis praktischen Goldbarreneckbank Platz nehmen könnte, um bei einer Tasse Tee über den Eingangssatz dieser knappen Abhandlung nachzusinnen. Theoretisch wenig sinnvoll, praktisch jedoch entspannender als heranrauschende Meteoriten und leere Sparkonten.

2 Gedanken zu “Aktionswoche »Assoziatives Schreiben«: Vierter Teil.

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