Aktionswoche »Assoziatives Schreiben«: Zweiter Teil.

Der Autor dieses bescheidenen Blogs hat Geburtstag. Doch das Mehr an Kerzen auf dem Kuchen hält den Schreibwüterich noch längst nicht davon ab, mit der assoziativen Texterei weiterzumachen. Mag auch der gestrige Text vermutlich bereits die Krönung meiner geistigen Ergüsse gewesen sein, so lasse ich mich dennoch nicht lumpen, pfeife im soeben begonnen achtundzwanzigsten Jahr meiner Daseinsberechtigung auf persönlichen Anspruch und mach weiter im Programm. Mit einem reichlich naheliegenden Begriff, versteht sich ...

Heute daher: Geburtstag

Mit Geburtstagen ist es streng genommen wie mit Freunden: Sie stehen immer genau dann auf der Matte, wenn man sie am wenigsten brauchen kann, glänzen ansonsten aber natürlich durch chronische Abwesenheit. Manchmal sind sie höchst willkommen und manchmal möchte man ihnen auf die Schnauze hauen.

Als Kind sieht die ganze Sache selbstverständlich noch wenig differenziert und dafür umso freundlicher aus: Taschengeld ist grundsätzlich knapp, mit Spielzeug kann das eigene Zimmer nie vollgestopft genug sein, sodass ein amtlicher Geburtstag mit Geld- und Wareneingang immer eine lohnenswerte Sache ist. Älter wird man als Kind ohnehin nicht, das lehrt den neunmalklugen Dreikäsehoch ja schon das Fernsehen. Oder haben Tick, Trick und Track jemals mit dem ersten Bartwuchs zu kämpfen? Drückt Bart Simpson in irgendeiner Folge Aknepickel vor dem Badezimmerspiegel aus? Auch Pippi Langstrumpf hat zumindest im Fernsehen niemals in den Goldkoffer greifen müssen, um Tampons kaufen zu gehen. Geburtstage im Kindesalter sind vor allem eines: Lässig wie eine nackte Putzfrau. Man ist plötzlich wenigstens auf dem Papier ein stolzes Jährchen älter als ein Großteil des sozialen Umfeldes, damit ungleich weiser und die Geburtstagsfeier wird ohnehin von den Eltern organisiert.

Die haben nämlich genug damit zu tun, Einladungen zu schreiben und zu drucken, fluchend zum nächsten Elektronikmarkt zu eilen, um neue Farbpatronen für den streikenden Drucker zu erstehen, dem das Cyan ausgegangen ist, anschließend weiterzudrucken, die Fressalien für ein Dutzend heranwachsender Gourmets vorzubereiten, die Nahrung eher als Wurfgeschoss denn als Magenfüllung ansehen, An- und Rückfahrdienst für den überteuerten Kinobesuch zu »König der Löwen - Simbas Rache« zu spielen, bei alledem freudige Stimmung zu verbreiten und zu grinsen, während sich das Bankkonto schneller leert als der Tank eines aufgebohrten Ford Mustang. Das halbwüchsige Geburtstagskind derweil hockt am großen Tag auf dem Ehrensitz wie Vito Corleone mit einem Glas Cognac auf seiner Veranda, während die bepackten Gäste herbeieilen, als wollten sie dem neu geborenen Jesuskind huldigen. Andy Warhols fünfzehn Minuten Ruhm, einen ganzen Tag lang und das einmal pro Jahr.

Und dann ist da natürlich diese Sache mit den Geschenken: Erfahrene Eltern versuchen erst gar nicht, aus dem von allerhand jungen Gästen dargebrachten Tinnef fernöstlicher Massenfertigung einen Gegenwert zu den eigenen Ausgaben zu errechnen und selbst bei den Sprösslingen bleibt ja immer noch das Problem mit dem Freuen: »Oh, danke schön! Der sieht ja fast aus wie ein Original-Transformer!«, oder »Ui, noch eine Sparbüchse! Mama, kannst du die zu den anderen stellen?«

Letzteres ändert sich, so wie ich das sehe, auch im späteren Leben nicht. Mit Geschenken tut man dem Feiernden nur selten einen wirklichen Gefallen. Die fünfte von Geschmacksphobikern designte »Mit dreißig längst noch kein Restefick!«-Karte dürfte der Beschenkte nur mäßig komisch finden und die Feier, die schon lange nicht mehr von ausreichend betuchten Eltern finanziert wird, ist auch nur deswegen obligatorisch, weil die abendländische Portmoneekultur das nun einmal so vorschreibt. Zu feiern gibt es von nun an und bis ins hohe Alter eigentlich schon gar nichts mehr, sind doch gesteigerte Krebs- und Herzinfarktrisiken, eine vergrößerte Prostata und spontane Bandscheibenvorfälle nur dann Grund zur Freude, wenn's den verhassten Nachbarn erwischt, der dauernd die leeren Schnapsflaschen über den Zaun schmeißt und bei Nacht und Nebel die Zeitung klaut.

Doch zurück zum Geburtstag an sich: Ist man nämlich erst einmal im Altersdomizil angelangt, jenem steril gehaltenen Wartezimmer vor dem Übergang in die Eichenholzresidenz, so schaut's mit den persönlichen Ehrentagen vermutlich wieder reichlich bequem aus: Die Feier organisiert jemand anders und um die eigene Jahreszahl muss man sich auch kaum mehr sorgen, schließlich kann die Kerzen auf dem Käsekuchen sowieso keiner mehr zählen. Und überhaupt ist es mit den Jahren ein bisschen wie beim Gefängnisaufenthalt: Man ist wahrscheinlich nur froh, wenn wieder eins rum ist und die Entlassung näher rückt. Aber davon abgesehen dürfte man doch wieder gut Freund mit dem eigenen Geburtstag sein: Reichlich Gratulanten wohnen Tür an Tür, Geldgeschenke purzeln eh durchs letzte Hemd und sind damit so obsolet wie ein Kropf und selbst wenn man keinen Bock auf den eigenen Feiertag haben sollte, wäre man ohnehin viel zu gebrechlich, ihm eins auf die Schnauze zu hauen.

Anmerkung des Autors: Natürlich missgönne ich niemandem seine Feier und ganz sicher können auch achtzigste und neunzigste Geburtstage 'ne dufte Sache sein und vermutlich wird mit der hier hingeknallten Schreibe nur der eigenen Frustration über das zunehmende Alter Ausdruck verliehen. Vermutlich.

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