Die Welt der geschäftlichen Mails

Wilde E-MailsFür geschäftliche E-Mails, die als ausgesprochen wild gelten, scheint sich über die Jahre ein reges Ökosystem herausgebildet zu haben, dessen sich der Berufskaffeetrinker von heute durchaus bewusst sein sollte. Es fällt auf, dass geschäftliche Mails immer im Rudel auftreten. Während ihre privaten Vettern ins Postfach plumpsen, wann immer sie Zeit und Muße haben, flankiert von allerlei Spam rund ums männliche Geschlechtsorgan, fallen die geschäftlichen Exemplare entweder wie ein Bombenteppich ins Postfach oder gar nicht. Vorwiegend übrigens dann, wenn man gerade nicht am Platz sitzt, weil man mit dem Lieblingskollegen einen ausgedehnten Plausch in der Kaffeeküche hält und Milchschaum nuckelt oder aber wie ein gehetztes Reh von einem Meeting zum nächsten hastet. Und paradoxerweise tritt vermehrter E-Mail-Erguss vor allem vor Arbeitsbeginn und im Feierabend auf. Paradox ist das deswegen, weil die Absender gewohnheitsgemäß zu der Zeit auch nicht im Büro sind, auch wenn sie es auf die Nachfrage hin behaupten. Schon komisch, diese Sache mit dem Raum-Zeit-Gefüge.

Auch interessant der Aspekt der nachträglichen Manifestation von Mails im Postfach. Klingt ein bisschen abgehoben, ist aber keineswegs bloß Business Bullshit Bingo. Kollege A fragt etwa so was wie: "Hast du denn den HR-Newsletter gar nicht gelesen?" Kollege B fühlt sich keineswegs ertappt, rührt elegant in seiner Kaffeetasse herum, hebt dann die Augenbraue und antwortet natürlich wahrheitsgemäß: "Es gab einen Newsletter dazu?" Wahrheitsgemäß ist die Aussage, weil der Newsletter erst nach der Feststellung, dass man ihn nie erhalten hat, im Postfach auftaucht. Und zwar in der Vergangenheit und frecherweise auch noch als bereits gelesen markiert ist. Ein abstruses Phänomen, das jeder kennt, mit dem man aber stets allein im Büro ist. Verständnislose Blicke der anderen Kollegen, denen die nachträgliche Manifestation von Mails sehr wohl ein Begriff ist, die sich aber gerade auf der Sonnenseite wähnen und deswegen in falschem Mitleid die E-Mail vorsichtshalber noch mal an den betroffenen Kollegen weiterleiten, sind garantiert.

Eine Extremform der nachträglichen Manifestation tritt weniger häufig auf: die nachträgliche Manifestation einer Folgehandlung. Um das Beispiel des HR-Newsletters (Anm.: HR ist die gebräuchliche Abkürzung für Human Resources, einen Begriff, der jedem ambitionierten Betriebswirt feuchte Träume beschert und einen Menschen zum verfleischlichten Stück Kohle im Hochofen der Mikroökonomie degradiert.) noch mal herbeizuholen: Kollege B erahnt also, dass der Tatbestand der nachträglichen Manifestation einer geschäftlichen Mail vorliegen könnte. Kollege A leitet ihm, gelenkt von verborgenem Hohn, der unter dem Zuckerguss wohlwollender Kollegialität verborgen seine Sporen austreibt, die entsprechende Mail weiter und Kollege B merkt dazu an: "Aha, da steht ja tatsächlich was zur neuen Reisekostenabrechnung drin. Puh, das sieht wichtig aus. Werde ich gleich mal in den Ordner für wichtige interne Mails verschieben." (Klingt so gesprochen natürlich äußerst bekloppt. Im wahren Leben klänge Kollege Bs Anmerkung eher so: "Grummel grummel nuschel, wichtig, grummel, Ordner, grummel, intern, nuschel." Bürohengste kennen das.) Gesagt, getan und prompt stellt der gebeutelte Mitarbeiter fest, dass sich eine solche Mail bereits in seinem Ordner für wichtige interne Mails befindet. Er ist spontan Opfer der nachträglichen Manifestation einer Folgehandlung geworden. Ein Problem, das gemeinhin von den Betroffenen verschwiegen und daher nur selten thematisiert wird, das aber so nachhaltig auf Psyche und Körper wirkt, dass ein vorzeitiger Feierabend oft die direkte Folge ist.

Ein weiteres Kuriosum der geschäftlichen E-Mail-Welt ist das Verschwinden unabdingbar wichtiger Mails, sowohl in der Gattung erhaltener als auch der versendeten Mails immer wieder zu beobachten. Ein besonders tragisches Phänomen, wie jeder gewissenhafte Schreibtischknecht bestätigen kann, besteht doch das gesamte Fundament eines vermeintlich sicheren Arbeitsplatzes aus dem Archivieren von Mails, die zur richtigen Zeit an die richtigen Leute versandt wurden, um sie im Eskalationsfall wie Jokerkarten aus der Mailbox popeln und mit einem selbstgefälligen Lächeln vorweisen zu können. In Kürze: Cover your ass! Das zentrale Erfahrungselement eines jeden Berufslebens. Vielleicht auch ein Grund, weshalb alteingesessene Bürostuhlakrobaten dazu neigen, ihre E-Mails auszudrucken, um sie anschließend noch einmal zu lesen, zu bügeln und fein säuberlich im schwarzen Loch für Dokumente namens Leitz-Ordner abzuheften. Derart angekettete Mails wirken vermutlich beruhigend auf den Mailausdrucker, kann der sich doch einreden, im Kriegsfall alles schriftlich archiviert zu haben. Der Toner ist eben doch mächtiger als das Schwert und vor allem weniger unbeherrschbar als das Ökosystem der wilden geschäftlichen E-Mails.

2 Gedanken zu “Die Welt der geschäftlichen Mails

  1. Zentralisierte Mail-Sicherung und Archivierung ist schon was schönes. Das mit dem Spam kann ich übrigens kaum nachvollziehen, bei uns in der Firma wird das sauber vorher aussortiert.

    Antwort
    1. PhanThomas

      Beitragsautor

      Oh, das mit dem Spam ist kein Problem. Der kommt da auch nicht an. Nur im privaten Postfach. Wie ich ja auch geschrieben hab. Und wie das mit der Speicherung von Mails ist, weiß ich gar nicht. Was der Exchange-Server so treibt, ist mir bisher verborgen geblieben.

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