Kaffeeklatsch

Kaffee & KuchenPhanThomas schreibt fiktionales Zeug über fiktive Leute mit weniger fiktiven Namen. Die Personen im Text erheben übrigens bereits von sich aus keinerlei Anspruch auf historische Korrektheit, haben sie mir gesagt. (Bild: wrw / pixelio.de; www.pixelio.de)

 

Kaffeeklatsch

»Das soll noch einer verstehen«, murmelte Paul von Hindenburg und schüttelte verärgert den Kopf. Er legte die Zeitung zur Seite, die auf dem Titel einen verkniffen dreinblickenden Christian Wulff zeigte und den Leser in mannshohen Lettern fragte, wann dieser uuunbeliebteste Bundespräsident aaaller Zeiten denn nun endlich zurücktreten würde.

»Zu meiner Zeit«, begann Hindenburg, nahm sich noch ein Stück von der Käsetorte und gab Schlagsahne oben drauf, »da konnte ich Millionen von Männern im Krieg verheizen und wurde anschließend zum Dank Präsident. Da musste man nichts vertuschen, da reichte es, einen dicken Schnauzbart zu tragen, sich in einen teuren Mantel zu hüllen und immer einen opulenten Gehstock bei sich zu haben. Und es trat auch keiner zurück, man dankte ab!«

Der unscheinbare blasse Mann mit Bart und gescheiteltem Haar, der zusammengesunken neben dem dicklicheren Hindenburg auf seinem Stuhl hing, zuckte die Schultern. »Mir brauchst du das nicht sagen, ich hatte damals völlig andere Probleme«, sagte er.

»Du hättest überhaupt keine Probleme haben müssen. Deine waren alle hausgemacht. Versaut hast du’s ganz allein«, grummelte Hindenburg. »Aber dieser Wulff, schau dir den Milchbubi an! Der trägt nicht mal einen Bart. Also nicht, dass Bärte allen Männern gut zu Gesicht stünden«, er warf einen offensichtlichen Blick auf den Mann mit Bart, »aber ein Präsident ganz ohne Gesichtsbehaarung, das kann doch nichts werden. Wo ist denn da die Eleganz? Zu meiner Zeit hätte diesen Strolch niemand von seiner eigenen Ehefrau unterscheiden können.»

Marlon Brando schob seinen immensen Bauch durch die Tür, die zur Küche führte, ein Tablett mit Kanne und Tassen balancierend. »Kaffee ist fertig!«, rief er. Er stellte das Tablett auf den Tisch und sog den Duft des frisch gebrühten Getränks tief in die Nase. »Ahh, ich liebe den Duft von Kaffee am Morgen!«

Hindenburg schaute auf seine Armbanduhr. »Morgen? Es ist sechzehn Uhr!«

»In deinem Land vielleicht«, erwiderte Marlon.

»Und auf meiner Uhr!«

»Egal. Irgendwo wird wohl gerade Morgen sein. Und an diesem Ort wird irgendein glücklicher Hund gerade eine Tasse hervorragenden Kaffee genießen. Ach, könnte ich doch mit ihm tauschen, nur einmal wieder den Sonnenaufgang von unten aus genießen, mit einer Tasse Bohnenkaffee in der Hand. Ich würde ihm ein Angebot machen, das er nicht ablehnen könnte. Soll ich euch Kaffee einschenken oder macht ihr’s selbst?«

»Na von mir aus«, brummte der alte Reichspräsident durch seinen Bart.

»So, bitte schön. Gebrüht nach einer Rezeptur meiner Großmutter«, sagte Marlon und lächelte stolz. »Schmeckt himmlisch zur Käsetorte.«

»Dank dir«, brummte Hindenburg mit bitterer Miene.

»Ach, doch nicht dafür. Wobei, irgendwann, möglicherweise auch nie, werde ich dich bitten, mir eine kleine Gefälligkeit dafür zu erweisen.«

»Nun hör aber auf!«, polterte Hindenburg und ließ die Faust auf den Tisch sausen, dass die Porzellantassen auf ihren Tellern schepperten.

»Was? Womit denn?«

»Ständig irgendwas aus deinen Filmen zu zitieren. Du machst mich ganz wuschig!«

»Was hat er denn?« Marlon warf dem stillen Mann mit Bart einen fragenden Blick zu.

»Er hat wieder in der Zeitung geblättert und ärgert sich über diese Wulff-Sache«, sagte der Mann und fuhr sich mit den Fingern durch den Bart. »Ich habe ihm schon gesagt, dass diese ganze Politik und der Ärger darüber einen nur in den Tod treiben.«

»Wir sind doch aber tot«, merkte Brando an.

»Zu meiner Zeit wäre es dieser Wulff auch längst«, sagte Hindenburg. »Einen wie den hätte ich nicht mal in den Schützengraben schicken können. Wer über so viele Kleinigkeiten stolpert, der fliegt doch über den erstbesten Stacheldraht. Ein Präsident, der sich von seinem Volk und ein paar Zeitungen demontieren lässt, wo gibt’s denn so was?«

»Was ärgert dich eigentlich so sehr daran?«, fragte der blasse Mann mit Bart. »Ist doch allein sein Problem, sich mit den sinkenden Umfragewerten herumschlagen zu müssen. So ein Absturz in der Gunst der Leute ist nicht leicht zu ertragen, glaub mir. Ich hab das durch.«

»Ach, es ist die desolate Lage des ganzen Landes, die mich ärgert«, grummelte Hindenburg und nahm einen Schluck Kaffee. »Ist noch Torte da?«

»Puh, ich gehe eben nachsehen«, sagte Marlon Brando und stand auf. »Übrigens, wo bleibt eigentlich Petrus?«

»Schiebt wahrscheinlich Überstunden«, sagte der Mann mit Bart. »Gab’s irgendeine Katastrophe auf der Erde?«

»Du kannst ja in der Zeitung nachsehen, aber ich fürchte, da wirst du überall nur das bartlose Grinsgesicht dieses Totalversagers finden«, ätzte Hindenburg. »Pah, dieses Käseblatt erscheint in einem Land, das in seinen eigenen Schulden zu ersaufen droht. Diese ganze so genannte Volkswirtschaft schaufelt eifrig ein Grab für Folgegenerationen. Wer da noch Kinder in die Welt setzt, muss ja schon ein schlechtes Gewissen haben. Wohlstandsmörder sind das, ein ganzes Europa in der Krise, und die Leute haben nichts anderes zu tun, als über diesen ungeschickten Kauz von einem Präsidenten zu schreiben, der von einem Malheur ins nächste stolpert. Seine Berater sollten ihm den Mund zutackern, dann könnte sich die Öffentlichkeit wieder auf das Wesentliche konzentrieren.«

»Auf das Dschungelcamp?«, witzelte der Mann mit Bart und erntete einen kühlen Blick des Reichspräsidenten.

»Du verstehst den Ernst der Lage nicht«, sagte Hindenburg. »Aber wie sollte ich das auch erwarten von einem, der am Ende nicht einmal mehr Herr seiner selbst war?«

»’Tschuldigung.«

»Ich glaube, das Volk hat den Blick für das Wesentliche verloren und deswegen ist ihm auch egal, was diese angeblichen Volksvertreter so anstellen. Die werden wie Filmstars behandelt, lassen sich über Affären aus, aber die politischen Entscheidungen werden nur von den wenigsten tatsächlich infrage gestellt. Und dann dürfen diese Unwissenden auch noch frei wählen? Ich habe ja schon früher gesagt, der ganze Demokratiemist taugt nichts. Die Dekadenz dieser abendländischen Gesellschaft ist unerträglich!«

»Und was hättest du gemacht?«, fragte Marlon Brando, der gerade mit einem Tablett aus der Küche herbeigeeilt kam. »Übrigens ist keine Torte mehr da, nur Kirschkuchen. Habe ich für Petrus gemacht. Meint, den mag er am liebsten.«

»Was ich gemacht hätte? Ach, ich hatte meine Zeit des Lenkens. Reicht es nicht, dass ich mich mit alldem beschäftige und mich ärgere?«

»Mit anderen Worten, du hast keine Ahnung. Hier, nimm noch Kirschkuchen.«

»Manchmal glaube ich, über sechzig Jahre Frieden sind einfach zu viel für ein Land. Da sitzen die Leute aufgedunsen vor ihren immer größer werdenden Fernsehern und lassen sich lieber von der Aufregung über ihr Staatsoberhaupt besäuseln, statt mit anzupacken. Und gefallen lassen sie sich auch noch alles. Orwell ist nicht mehr weit, sag ich euch.«

»Ein zünftiger Krieg wäre dir lieber, was?«, mischte sich der blässliche Mann mit Bart ein. »Haben wir ja mehrfach gesehen, wohin das führt.«

»Eine Katastrophe führt unweigerlich in die nächste«, sagte Marlon Brando und schenkte sich Kaffee nach. »Ah, das Zeug schmeckt mir in letzter Zeit tatsächlich noch besser als früher.«

»Früher war der Krieg die Katastrophe«, sagte Hindenburg, »heute ist es die Dekadenz. Was diese Witzfiguren aus den deutschen Tugenden, den deutschen Staatsämtern machen, das ist heute die Katastrophe. Und dann dieses Nichtstun der Leute, diese Friss-oder-stirb-Attitüde. Fürchterlich!«

»Ach Paul«, begann der Mann mit Bart und klopfte dem Altpräsident auf die Schulter, »lass doch den ganzen Kram jetzt.«

»Iss lieber ein Stück Kuchen. Altes Familienrezept, so wie der Kaffee«, warf Marlon Brando ein.

»Ganz genau«, stimmte der Mann mit Bart zu. »Du kannst die Massen mobilisieren, sie für dich gewinnen, und glaub mir, was das angeht, kenne ich mich aus, letztlich bewirkst du dann doch nichts und zahlst am Ende den höchsten Preis. Ich habe das alles erlebt. Heute hören sie dir zu und liegen dir zu Füßen, morgen spucken sie auf dich, weil ihnen jemand sagt, dass sie das tun sollen.«

»Grmpf«, grmpfte Hindenburg. »Ach was, wahrscheinlich ärgert sich ein alter Mann wie ich am Ende doch einfach nur über diesen Taugenichts von einem Präsidenten und die Tatsache, dass er auch noch eine Bühne dafür bekommt.« Er deutete auf den Kirschkuchen. »Marlon, das Rezept ist auch von deiner Großmutter, sagtest du?«

»Oh ja, probier nur. Hier, nimm das große Stück, aber lass was für ...«

Es klingelte an der Tür.

»Na, wenn man vom Teufel spricht!« Marlon stand auf und steuerte seinen überbordenden Bauch freudig in Richtung Tür.

»Petrus, du bist spät!«

Petrus trat durch die Tür, zog den Mantel aus und strich seinen langen Bart glatt.

»Hör bloß auf!«, sagte der neue Gast, völlig aus der Puste. »Ich habe mich ja schon beeilt. Hatten ein Strategiemeeting, von ganz oben anberaumt. Und so was am Freitagnachmittag. Darauf kommt auch nur der Boss. Aber die Jahresplanung stand halt an. Hab ich denn was verpasst?«

»Ach«, sagte der kleine Mann mit Bart, »nur Pauls Ärger über die Deutschen und ihren Bundespräsidenten. Sonst nichts.«

»So? Lohnt sich doch gar nicht, darüber zu diskutieren«, sagte Petrus. »Die Welt geht ohnehin bald unter. Das gibt zu tun, sag ich euch! Der Chef hat uns schon Urlaubssperren angekündigt.«

»Ach, ist schon 2012?«, fragte Marlon Brando verblüfft und hielt Ausschau nach einem Kalender.

»Was? Äh, ja. Aber 2012? Heiße ich Roland Emmerich und mache schlechte Filme? Die Welt geht 2013 unter.«

»Ach so.«

Petrus warf einen fragenden Blick auf den Mann mit Bart. »Sag mal, Jacko, seit wann trägst du denn einen Bart? Ich hätte dich fast nicht wiedererkannt. Die Popelbremse sieht ja fürchterlich aus! Rasier das Ding bloß ab!«

»Habe ich ihm auch schon gesagt«, pflichtete Marlon Brando bei. »Aber er will nicht hören. Er meint, ein Bart ließe ihn aussehen wie Magnum.«

»Wie Magnum? Tom Selleck? Jacko, du siehst kein bisschen aus wie Tom Selleck. Eher wie ein missglückter Waldschrat mit fettigem Haar.«

»Hm, meinst du wirklich?«, fragte Michael Jackson enttäuscht.

»Ganz bestimmt«, sagte Petrus. »So Jungs, wie sieht’s aus? Sollen wir die Pokerrunde starten? Marlon, hast du die Karten da?«

»Alles vorbereitet, wie immer. Frauen und Kinder können unvorbereitet sein, aber nicht Männer. Und schon gar nicht Marlon. Stimmt’s, Jungs? Sogar Kirschkuchen gibt's, extra für dich gebacken, Petrus.«

Petrus rieb sich freudig die Hände und nahm Platz. »Hach, himmlisch!«

2 Gedanken zu “Kaffeeklatsch

    1. PhanThomas

      Beitragsautor

      Durchaus möglich. Aber wo doch kein brauchbarer Kaiser mehr da ist? Und Demokratie beschissen finden kann er ja zumindest noch.

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