Adrett, langweilig und schmierig wie Arsch

Seit knapp zwei Jahren lebe ich inzwischen in Berlin. Und nicht nur, dass die Stadt, dieses Monstrum, niemals schläft, ich habe auch den Eindruck, sie bewegt sich schneller an mir vorbei, als ich mich durch sie hindurch bewegen könnte. Nicht nur, weil die Berliner Bauarbeiter besonders fleißig sind und dauernd irgendwo tiefe Löcher buddeln müssen, nein, es ist ein struktureller Wandel, nicht nur fühlbar, sondern durchaus sichtbar. Ja, in dieser kurzen Zeit.

Graue Hausfassaden, die vorher von wildem Wein und noch wilderen Graffitis geziert wurden, bekommen ordentliche, pastellfarbene Anstriche, werden plötzlich als »beste Lage« bezeichnet. Der Billigsupermarkt um die Ecke, aus dem morgens um zehn die Großmutter mit dem Einkauf in der einen und 'ner Bierflasche in der anderen Hand herausspazierte? Weg. Da steht jetzt ein sündhaft teurer Biomarkt mit chicer Innenraumausleuchtung und hippen Produkten aus hippen Körnern. Kennt jemand das Tacheles? Nicht? Macht nichts, stehen eh die Bagger vor. War vorher schon kommerzialisierte Tourischeiße? Na und, mir doch egal, wer sagt, dass man an alternativen Kunstprojekten nicht verdienen darf? Tut eh nichts mehr zur Sache. Immer mal wieder sieht man Plakate an Balkons, auf denen gegen Wohnungsrauswurf, Vertreibung und vermeintliche Kiezverschandelung durch neue Bauprojekte protestiert wird. Und ich? Inzwischen wurde aus meiner Wohnung eine völlig überteuerte Eigentumswohnung gemacht. Natürlich längst verkauft. Ein paar Jährchen kann ich noch bleiben, dann muss ich gehen. Wen interessiert's, ist eh zu wenig Tageslicht hier drinnen - beste Lage halt. Kein Grund zu weinen, durchaus aber ein Grund, sich Gedanken zu machen.

Gedanken über Mietpreise zum Beispiel, die nur noch einen Weg zu kennen scheinen: steil und steiler nach oben. Und das ist es, was man spürt. Die Veränderung, die man sieht. Was will man aus Berlin machen, fragt man sich. Ein zweites München? Nichts gegen München, ich war dort nie, unabhängig davon, sollte ein Berlin doch ein Berlin bleiben. Eine Stadt der Gegensätze, ein besonderes Lebensgefühl, das man nicht nur atmet, weil es hier oftmals nach undefinierbaren Ausdünstungen stinkt. Wenn im Sommer keine alten Herren mehr auf dem Gehsteig sitzen und Brettspiele spielen, dann ist das vielleicht nicht der Untergang des Abendlandes, traurig jedoch ist es allemal irgendwie.

Wenn es aber so weitergeht wie jetzt, sich die unzähligen Umzugsdienstleister, die mit ihren Flyern meinen Briefkasten verstopfen, weiterhin preislich unterbieten können, weil die Kundschaft so groß ist, dann werde ich wohl noch miterleben, wie aus dieser Stadt ein Eldorado für Besserverdiener wird, die sich innerhalb des S-Bahn-Rings tummeln werden. Und alle anderen? Dürfen gern zu Besuch kommen, aber bitte bloß nicht mehr hier wohnen und abends wieder verschwinden.

Eine der berühmtesten Aussagen über Berlin ist wohl immer noch: »Arm aber sexy«. Zumindest gefühlt gilt doch das schon heute nicht mehr. Reich wird Berlin vermutlich nie sein, zu groß die Strukturunterschiede innerhalb der Stadt, zu aufwendig der vernachlässigte Aufbau des Ostteils, zu abseits die Lage, so mitten im Niemandsland Brandenburg. Bald ist Berlin vielleicht nur noch ein bisschen arm, dafür dann aber ausgestattet mit der Ausstrahlung eines McKinsey-Beraters: Adrett, langweilig und schmierig wie Arsch.

Lebensgefühl? Kultur? Wen interessiert schon Kultur, wenn man sie doch im Portmonee hat? Ist dann vielleicht ein bisschen wie in Stuttgart. Zumindest dazu fällt mir nämlich was ein, ich habe dort schließlich gelebt. Sicher irgendwie schön da. Bestimmt. Aber für mich einmal und nie wieder bitte. Und nun nicht hier auch noch.

6 Gedanken zu “Adrett, langweilig und schmierig wie Arsch

    1. PhanThomas

      Beitragsautor

      Das ist auch traurig. Sehr sogar. Und es macht einen irgendwie wütend. Und das auch noch gleich auf das ganze System, so dass man sich eigentlich ziemlich doof dabei vorkommt.

  1. Frag mal...hier in München ist es sowas von zum kotzen! Tausende Haushalten ziehen hier her, Mietpreise, die sich kein Mensch mehr leisten kann, kaufen braucht man eh nicht, alte, schöne Häuser werden modernisiert, so dass die ursprünglich dort ansässigen Menschen leidder wegziehen müssen, weil es zu teuer wird. Am Chiemsee, wo eins die Kuhweide war, Wohnsiedlungen noch und nöcher. An schönen Sonntagen ist der See so voll, da bleibt man besser daheim und geht nur noch im Regen wandern, weil man sonst auf der Alm eh keinen Platz mehr bekommt. Ich hab die Schnauze sowas von voll....irgendwann ziehe ich auf eine einsame Insel...hier wurde übrigens neulich eine Dachwohnung für 16 Mio verkauft....16MIO!!

    Antwort
    1. PhanThomas

      Beitragsautor

      Ja, du kennst dich da ja bestens aus in der Gegend. 16 Millionen ... So toll kann eine Wohnung gar nicht sein, dass sie das wert ist. Dafür bekommt man anderswo gigantische Villen und keine doofe Wohnung. Ich versteh's nicht. Städte sollten doch dazu da sein, dass Menschen in ihnen leben können. Dass so was immer aus dem Fokus geraten muss, weil's nur um den schnöden Mammon geht ... Es ist einfach fürchterlich. Das mit der Insel ist vielleicht gar keine schlechte Idee.

    1. PhanThomas

      Beitragsautor

      Stimmt, du hast ja immer mal so 'ne Menschenabscheu. Wobei, das geht mir auch hin und wieder so. Nun gut, dann muss aber jemand einen Wilson mitbringen. Ich hab leider keinen alten Volleyball mehr im Keller. 😉

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