Keine (Aus)Wahl

Keine WahlSchleswig-Holstein hat die Chance verpasst, die FDP als Fußnote in die Geschichtsbücher zu verbannen. Dass Nordrhein-Westfalen diesen Fauxpas jetzt noch berichtigen kann, daran glaube ich nicht mehr. Mich hat das, ehrlich gesagt, im ersten Moment geärgert. Also richtig geärgert. Ich bin nicht der Ansicht, dass in einem Land, in dem der Mensch sich als solcher bewusst ist wie nirgends sonst, in dem das Leben einen so hohen Stellenwert genießt, eine Partei aus blutleeren Marktradikalisten antreten sollte, die für Lobbyisten kaltherzige Wirtschaftspolitik betreibt und von Anschlussverwendung für  fallengelassene »Schlecker-Frauen« spricht. Das mag polemisch klingen, es ist aber fakt: Die FDP hat ihren Zenit als Korrektiv für die beiden großen Parteien längst überschritten. Weg damit!

Und dann dachte ich mir, was kümmert es mich eigentlich? Ich gebe ja zu, ich habe schon einmal CDU gewählt. Es kommt sogar schlimmer: Ich habe schon die FDP gewählt. Noch schlimmer? Kein Problem: Ich habe bereits beide Parteien auf einem Stimmzettel angekreuzt. Aber ach, ich war jung, so jung, und hielt das tatsächlich für eine gute Idee.

Ich habe auch schon Die Linke gewählt, als ich der Ansicht war, dass sie ihre Punkte und Argumente souveräner vorzutragen vermochte als der ganze politische Rest. Bevor sie anfing, sich selbst zu demontieren, während die Köpfe immer wieder dieselben alten Parolen herunterbeten, als wären sie allesamt vom Realitätsverlust befallen.

Und ich habe noch niemals die Grünen gewählt. Ich halte nichts von denen. Habe ich nie. Vielleicht hat mich deren Fünf-Mark-für-den-Liter-Sprit-Idee in jungen Jahren so sehr geprägt, dass ich mich unbewusst gegen diese Partei sträube. Vielleicht liegt es auch an der Beteiligung zur Agenda 2010 aus Zeiten der Schröder-Regierung. Übrigens genau der Grund, weshalb ich noch niemals die SPD gewählt habe. SPD wählen ist irgendwie, als würde man eine rote Praline bekommen, in der dann doch schwarzes Zeug drin ist. CDU und SPD - im Ernst, das nimmt sich doch nicht viel. Wundert mich bis heute, dass die so genannte große Koalition seinerzeit nicht funktionieren wollte.

Dann die Piraten. Nun ja, was soll man da sagen? Ich empfinde die Piraten durchaus als Korrektiv in gewissen Punkten, die die derzeitige Politik nicht zu adressieren und zu behandeln weiß. Vielleicht auch als Lehrstück in Sachen direkte Demokratie. Aber als ernsthafte Alternative? Nein, eigentlich nicht. Zu schwadronierend. Zu unwissend. Zu vage irgendwie.

Und damit wäre ich, wo ich hin wollte: Was soll man da noch wählen? Ich identifiziere mich mit keiner einzigen politischen Idee mehr. Ich habe die Schnauze voll von Abgeordneten, die herumwulffen und scheinbar grenzdebil völlig unnachvollziehbare Entscheidungen treffen. So und nicht anders vermitteln sie's ja. Punktum: Ich bin so was von kurz davor, zum frustrierten Nichtwähler zu mutieren. So kurz, dass ich froh bin, nicht demnächst in NRW zur Wahl gebeten zu werden. Ich würde vermutlich einfach zu Hause bleiben. So wie meine Eltern es übrigens seit den Neunzigern tun. Traurig? Na ja.

8 Gedanken zu “Keine (Aus)Wahl

  1. hm, das ist schon irgendwie schwierig. ich könnte jetzt auch nicht hunderprozentig sagen DAS ist es. aber ich gehe auf jeden fall trotzdem jedes mal hin, nur damit ich EINE STIMME bin, die nicht blau wählt. eine tolle motivation oder? aber immerhin. find ich alles noch besser als gar nicht wählen, wozu dann überhaupt noch demokratie.

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    1. PhanThomas

      Beitragsautor

      Ich weiß schon. Blau = braun in unserem Land. Das kann's ja aber irgendwie auch nicht sein, oder? Man rafft sich nur auf, um dem rechten Kader 'ne lange Nase zu machen. Schön ist anders.

      Und ich gebe dir ja recht, natürlich! Aber das war halt so ein Gedanke, der mich ereilt hat und den ich dann mal zu Papier bringen wollte. Vielleicht nur, um's mal ausgesprochen zu haben.

  2. Schön ist in der Politik wohl gar nichts. Außer vielleicht die Rhetorik bei manchen, könnte ich ja nie.. Erst gestern musste ich wieder ein Referat halten und hab es mehr gestammelt als präsentiert, bloß wenn niemand über deine Witzchen lacht und alle sowieso demotiviert in die Gegend gaffen, ist es schwer.... SEUFZ!
    Klar, kann den Gedanken auch voll und ganz nachvollziehen. Bin auch froh, dass die nächsten Wahlen wohl noch warten, ich hätte keinen Plan. Läuft dann sowieso wieder auf grün oder rot hinaus! (Darf man das öffentlich sagen?!)

    Antwort
    1. PhanThomas

      Beitragsautor

      Ach, ich bin auch kein Rhetoriker vor dem Herrn. Es sei denn, ich darf über was reden, von dem ich erstens was verstehe und das mir zweitens Spaß macht. Dann klappt das meist ganz prima. Inklusive der Witze. Aber ansonsten werde ich vor der Menge immer recht schnell zur Schnecke. Schon deswegen wäre ich wohl auch kein guter Politiker. Finde ich auch erstaunlich, was da so mancher vom Leder zieht. Leider schwafeln sie aber auch nur.

      (Klar darf man so was öffentlich sagen. Wir sind ja unter uns hier. 😉 )

    1. PhanThomas

      Beitragsautor

      Das ist mal ehrlich. 🙂 Als Nichtwähler wird man ja gern mal gescholten. Ich kann's verstehen, wenn man da einfach kapituliert.

  3. Alternativen für den Unentschlossenen:
    http://www.maritime-union-deutschland.de/
    http://www.appd.de/
    http://die-violetten.de/

    ...aber im Ernst: Es war ersichtlicht, dass die FDP sich bei uns halten konnte, dafür ist Schleswig-Holstein zu unflexibel und konservativ. Ich habe mich ja schon dazu geäußert. Mir ging es bei der Wahl vor allem darum, die Schwerverbrecher der CDU abzuwählen, die in ihrer Amtszeit die Schleswig-Holsteinischen Kassen dramatisch weiter geleert haben.

    Antwort
    1. PhanThomas

      Beitragsautor

      Ob die nächsten das jetzt aber anders machen? Ich glaub's so recht nicht. Hmm. Na ja, und schau nach NRW: Acht Prozent für die Marktradikalen. Ich kann's nicht verstehen. Absolut nicht.

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