Days Go By? Ach …

Days Go ByWas hab ich dem neuen Offspring-Album entgegengefiebert! Würde die in den wilden Neunzigern kurzzeitig extrem populäre Band nach einer Dekade der Schaffensschwächelei ein gelungenes Spätwerk abliefern? Man erinnere sich: Americana aus dem Jahr 1998, trotz oder vielleicht sogar wegen seiner Poppigkeit ein Klassiker seiner Dekade, war so ziemlich der letzte denkwürdige Output der kalifornischen Spaßpunk-Combo mit dem noch immer stachelhaarigen Frontmann und dem dickbrilligen Gitarristen im Stinktierlook. Oder weiß der weniger versierte Hörer mit Namen wie Conspiracy Of One, Splinter oder Rise & Fall, Rage & Grace was anzufangen? Alle drei sind nämlich Nachfolgealben, erschienen in den Jahren 2000 bis 2008. Musikalisch so bedeutsam wie ein Kropf.

Und nun heißt der nächste Wurf also Days Go By (Hier im Stream anhören!). Der Titel klingt erst mal arg melancholisch, das Cover steht dem nicht gerade entgegen, doch beides ist bedeutungstechnisch etwas dick aufgetragen, wenn man erst mal reingehört hat. Mit dem Opener »The Future Is Now« und »Secrets From The Underground« tritt die Band nämlich mit zwei so schnellen wie druckvollen Tracks gleich zu Beginn kräftig aufs Gas. Beide gehen prima ins Ohr und zeigen, warum The Offspring mal eine große Nummer waren. (Speziell für mich übrigens, wie sich hier noch einmal nachlesen lässt.) Hinterlässt schon mal wohliges Gänsehautfeeling. Yeah, so könnte es weitergehen.

Tut es aber nicht. Das etwas dröge »Days Go By«, ein offensichtlicher Foo-Fighters-Diebstahl, auf Ohrwurmgarantie getrimmt, nimmt dann erst mal das Tempo raus und während »Turning Into You« und »Hurting As One« noch Rumhüpfpunk zum Mitgröhlen bieten, kriegt die Platte mit »Cruising California (Bumpin' In My Trunk)« einen krassen Knick in der Formkurve. Woah, nicht nur, dass ein rappender Dexter Holland mir die Rückenhaare aufstellt, nein, mit ordentlich Autotune und geschmacklosen Synthi-Effekten liefert die Band hier den vielleicht schlechtesten Track ihrer Geschichte ab. Echt unter aller Kanone! Wenn das Ding ein Scherz sein soll, dann hätte man es bitte ans Ende der Platte packen sollen. Wer hat das produziert? Bob Rock? Schäm dich!

Dass das Machwerk vermutlich kein Scherz sein soll, deuten die Tracks »All I Have Left Is You« und »OC Guns« an, denn ersterer, eine Art Ballade oder wie sich so was heutzutage schimpft, trieft vor musikalischem Fett wie ein aufgequollener Pommes und letzterer zeigt, dass man Reggae vielleicht den Reggaemusikern überlassen sollte.

Puh, damit sind die Tiefpunkte der Platte aber auch überwunden. Dass mit »Dirty Magic« ein Klassiker der 92er Platte Ignition recyclet wurde, lässt erahnen, dass im Studio entweder Lustlosigkeit oder Kreativitätsmangel geherrscht haben muss. Das Remake wurde dermaßen in Sachen Tempo und Rotzigkeit kastriert, dass dem Altfan die Weichteile schmerzen. Dennoch immer noch ein passabler Track, wenn man ihn nicht gerade am Original misst.

»I Wanna Secret Family (With You)« ist eine weitere Powerpop-Nummer, die einer Erwähnung nicht unbedingt bedarf. Kann man durchaus mögen, muss man aber nicht. Ein potenzieller Single-Kandidat, fürchte ich. »Dividing By Zero« ist einmal mehr sehr solide Offspring-Kost zum Haareausschütteln und der Abschlusstrack »Slim Pickens Does The Right Thing And Rides The Bomb To Hell« ist nicht nur der Song mit dem längsten Titel in der Bandgeschichte, sondern vielleicht sogar der beste Song, den der ins Alter gekommene Vierer in den letzten zehn Jahren auf die Reihe gekriegt hat. Würden den Altherren künftig mehr solcher Perlen gelingen, dürften sie gern weitermachen, bis sie völlig ergraut sind.

Fazit: Durchwachsene Platte mit wenigen richtigen Höhepunkten, einer Menge Durchschnittskost und einigen ganz, ganz schlimmen Schnitzern. Wenn der Schuster nicht Green Day oder Foo Fighters heißt (die sich in Sachen Songwriting durchaus neu zu erfinden wissen), dann sollte er  auch nicht so tun und einfach bei seinen Leisten bleiben. Oder sind sie letztlich doch nur sucker with no self esteem? Ach bitte nicht!

6 Gedanken zu “Days Go By? Ach …

  1. Dany

    ... Sehr schönes Review! Kann ich nur komplett unterschreiben! Gute Ansätze waren da; vielleicht wird's beim nächsten Mal nochmal richtig was. Also dieses Album hat mich immerhin dazu bewegt denen wieder Aufmerksamkeit zu schenken; das wollte ich mir nach "Splinter" nämlich eigentlich vollständig sparen...

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    1. PhanThomas

      Beitragsautor

      "Splinter" war auch wirklich ganz, ganz uninspiriert. Das danach war ein ziemlicher Ideenklau und diesmal sehe ich zum ersten Mal wieder einen kleinen Aufschwung. Aber eine richtig große Nummer werden die wohl nicht mehr.

  2. Die durfte ich ja auch neulich live erleben, zwar etwas angetrunken, aber ich kann nur unterstreichen: Außer den alten Klassikern (Stichwort Americana) blieb mir nichts Einschneidendes in Erinnerung. Manchmal sollte man akzeptieren können, dass die 90er wohl vorbei sind....

    Antwort
    1. PhanThomas

      Beitragsautor

      Japp. Man muss die Erwartungen schon arg runterschrauben. Aber ein paar coole Lieder sind schon auch auf der neuen Platte drauf. Für mich als alten Fan ist das besser als nichts. Und ich bin ja eh ein Kind der 90er. 😉

  3. Es geling nur ganz ganz wenigen Bands, nach langen Jahren und sich selbst neu erfinden den ursprünglichen Fans noch zu gefallen. Napalm Death wären so ein Kandidat. Der Rest spielt entweder konstant identische Songs (Motörhead werden da immer angeführt) oder vergrault das Bestandspublikum.

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    1. PhanThomas

      Beitragsautor

      Also dagegen, immer das Gleiche zu machen, spricht ja auch nichts. Die Exemplare, die mir da jetzt einfallen, sind schon viele, viele Jahre dabei und erfolgreicher als die ganzen Fähnchen im Wind.

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