Ganz schön voll hier

Menschen sind wie Käse. Es gibt sie in allen möglichen Farben, Formen und Größen, manche stinken, sie alle laufen mal ab und nichts von alldem sagt zwingend etwas über ihre Genießbarkeit aus. Sicher bin ich nicht sonderlich voreingenommen, was meine Mitmenschen anbelangt. Wir alle erfüllen irgendwelche Klischees, klar, und zugleich sind wir sehr individuell, das gilt für große wie für kleine, für dünne und für dicke Probanden. Und natürlich ist das auch gut so, ist doch ein jeder irgendwie liebenswert. Neulich in der Bahn ... 

Da ist also dieser leere Platz, auf den ich meinen schmalen Hintern zu schwingen gedenke, bevor irgendwer vor mir sein Handtuch drauf werfen kann. Alle anderen Plätze scheinen reserviert zu sein. Ganz schön voll hier. Drum freue ich mich, nicht wie eine abgepackte Sardine im Gang warten und genervt in genervte Gesichter glotzen zu müssen. Gesagt, getan also und gerade habe ich die Augen in ein Buch vergraben, als ein Zentner Tasche einem Amboss gleich vor mir auf dem Tisch einschlägt. Rums! Noch eine Tasche. Vor Schreck hebe ich den Kopf. Wie Streubomben landet ein Rudel Papiertüten mit McDonald‘s-Aufdruck rings um die prallen Gepäckstücke. Das drohende Übel bereits erahnend, lasse ich meinen Blick weiter aufwärts wandern. Eins, zwei, drei ... puh, ich sehe offenbar fünffach! Ganze fünf ... ähm ... Frauen vom Schlage einer Misses Doubtfire stehen im Gang, eng an eng gedrängt wie eine Herde Nilpferde in einem schmalen Flussbett. Und ähnlich laut wie die Flussbewohner zur Paarungszeit pöbeln und schimpfen ihre geballten Fleischmassen sich Zentimeter für Zentimeter durch das Gedränge, das sie maßgeblich selbst verursachen. Vor ihnen und ihren lauten Organen teilt sich der Gang wie vor Moses das Rote Meer. Noch könnte ich ... aber ach, nun sitze ich!

»Noi, Platz 61, 63, 64, die 65 un‘ die 66!«, poltert die offensichtliche Anführerin der Rotte, die laut Anzeige nach Bamberg unterwegs ist. Ich wage einen Blick auf meine Sitzplatzanzeige und natürlich sitze ich auf keinem anderen Platz als der Nummer 62. Wenn man schon kein Glück hat, kommt bekanntlich meistens noch Pech dazu und so schickt sich Godzilla an, genau vor mir am Tisch Platz zu nehmen.

Der Oberdino in körperlichen und akustischen Belangen, Mensch gewordener Albtraum einer jeden Libido, hat ratzfatz die gigantischen Koffer seines voluminösen Wandervolks auf die Ablage gewuchtet, als wären sie hohl und aus Pappmaché. An alte Bud-Spencer-Filme erinnert, denke ich, bei dem Bizeps kein Wunder. Meine Oberschenkel schlackern vor Ehrfurcht. Wo ist eigentlich ihre Ankertätowierung? So viel Kraft scheint mir ein ästhetisch herausfordernder Kontrast zu den Sandälchen mit vielen Steinchen und dünnen Riemchen, in die sie ihre Kartoffelstampfer gestopft hat und den fein lackierten Fingernägeln zu sein. Die anderen »Damen« stehen dem Leitbullen rein modisch in nichts nach: Zirkuszelte, die man wohlwollend als Umstandsmode bezeichnen könnte, kaschieren das zarte Hüftgold, das sie nach und nach in die wenig optimistisch proportionierten Sitze hineingleiten lassen. Jegliche Beinfreiheit und der Lebensraum meiner linken Körperhälfte haben sich mal eben halbiert. Die Platzangst radelt winkend an meinem Verstand vorbei. Schweißperlen bilden sich auf meiner Stirn. Ich hätte aufstehen und verschwinden sollen, solange ich die Möglichkeit hatte, verdammt! Gottseidank sitze ich wenigstens am Gang!

Als die raumflutende Sitzplatzdiskussion des Wuchtbrummenfünfers endlich abebbt, meine ich für einen Moment, weiterlesen zu können. Ahhh, sehr schön! Doch dann ... Keine halbe Seite später ertönt lautes Rascheln, gefolgt vom »Duft« frittierter Presspappe, der in meine Nase kriecht und sie verschließt wie ein Stöpsel. Entnervt schaue ich auf ... Ah ja, es ist angerichtet, natürlich. Gierig wie ein Rudel ausgehungerter Säbelzahnkühe stürzen sie sich auf die wehrlosen Burger. Könnte Fastfood vor Entsetzen aufschreien, es würde genau das nun tun. Doch die reichhaltige Kost schweigt und lässt sich auf unanständigste Art und Weise verzehren. Und es kommt noch schlimmer: Big Mum muss schließlich Arm- und Doppel-F-Brustumfang irgendwie versorgen, weshalb zum Dessert eine Familienpackung Chickennuggets dargereicht wird. Natürlich mit nicht weniger als fünf Päckchen süßsaurer Sauce. Jegliche Figurprobleme sind wahrscheinlich der Schilddrüse anzulasten. Als sie sich vorbeugt und die Schleuse unterhalb ihrer Nase öffnet, um den frittierten Herztod wegzuatmen, fällt mein Blick auf ihr Dekolleté - eher unfreiwillig, einen Vorbau dieses Ausmaßes sähe ich selbst dann noch, würde ich mich umdrehen. Immerhin habe ich nun auch das Äquivalent der Ankertätowierung in Form einiger Sterne auf ihrer linken Brust entdeckt. Sollte ich bisher nicht darüber nachgedacht haben, ans andere Ufer zu wechseln, dies wäre durchaus ein guter Zeitpunkt. Liebe Augen, schon von akuter Blindheit gehört? Hopp hopp! Ungläubig starre ich die Inkarnation der Venus von Milo an, während sie ... sich ernährt und sich dabei keineswegs an den schleimigen Fäden aus Sauce stört, die von ihrem Kinn baumeln wie die Tentakel des Cthulhu. Bitte, so gebe man mir doch einen Löffel, damit ich mir die Augäpfel entfernen kann!!!

Die Zeit kriecht voran wie eine Schlange auf Valium, der Zug ebenso. Die Damen vom Grill unterhalten sich in ihrem merkwürdigen Dialekt und ab und an verrät ein unverschämt lauter Rülpser, der den Wagon verstummen lässt, dass Ihre Majestät vorerst fertiggespeist hat. Das kleiner geratene Exemplar direkt neben mir, das sich in einige Quadratmeter elegant weißen Tischtuchs mit Spitze gehüllt hat und sich recht wenig aus meinen verzweifelten Ellbogenremplern um mehr Platz auf meiner Sitzplatzhälfte macht, liest inzwischen im Gratismagazin der Bahn einen Artikel über Eisbecher. Ihr Gegenüber mit dem Brokkoli als Frisur kündigt laut gackernd an, in Kürze den Sekt zu öffnen. Ich derweil übe mich ausschließlich in konsequentem Augenverdrehen, das freilich ignoriert wird, während ich die gepriesenen Raffinessen der Evolution in Frage stelle. Lieber Gott, Al Bundy hatte recht!

Und so sitze ich noch ein Weilchen hier, eingelullt in eine Dunstglocke aus Fastfoodabgasen, umringt von einem Planetensystem aus Fleisch, Haut und zu schmalen Sandalen. Ich kriege keine Luft, die diesem Namen gerecht würde, und mein Arm schläft ein. Oder stirbt ab. Sicher hätte es schlimmer kommen können, keine Frage, ganz klar, auch wenn sich mir derzeit beim besten Willen nicht erschließen will, wie. Sicher, ich könnte versuchen, aufzustehen, um den Rest der Fahrt über doch noch im Gang zu lungern. Könnte gelingen, mit ein wenig Geschick und reichlich Schmierfett. Leider scheint die süßsaure Sauce alle zu sein. Was auch sonst?

Doch zum Glück fahre ich nicht nach Bamberg. Zum Glück endet meine Fahrt im architektonischen Tetris namens Halle. Mit viel Geschick, vor allem dabei, mir nicht anmerken zu lassen, dass ich kurz vor einer mentalen Explosion atomaren Ausmaßes stehe, schäle ich mich aus dem, was mal ein Sitzplatz war, wische mir die Frittierfettperlen von der Stirn und schlurfe keuchend in Richtung Tür. Gerade rechtzeitig: Hinter mir knallt ein Korken, gefolgt vom hysterischen Lachen der irren Amazonen. Lieber Leser, noch während ich dies niederschreibe, frage ich: Erinnern Sie sich an meinen einleitenden Absatz? Vergessen Sie den Scheiß!

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