Von Verschwörungen, Untoten und Enten (IV)

Und weiter geht's nach erholsamem Wochenende mit Teil IV meiner Zombie-Enten-Hatz. Die bisherigen Kapitel liegen nach Form und Farben sortiert hier, hier und hier. Der fünfte und letzte Teil folgt dann vermutlich morgen. 

 

Düstere Legenden (IV)

Wenig später ...

Die Nacht erhob sich inzwischen über den Horizont, um den kümmerlichen Rest des Tages zu verschlingen. Im Gepäck hatte sie den Vollmond, der gemächlich hinter den in Dunkelheit getauchten Bergen aufstieg, um die Szenerie der folgenden Ereignisse in narrativ passendes fahles Licht zu tauchen. Dem akribischen Beobachter wäre sicher die eigenartige Gesteinsformation aufgefallen, deren Silhouette sich oberhalb der Baumwipfel vor dem Mond abzeichnete und die sich bei näherer Betrachtung als zwei hastig atmende Enten erwies. Doch niemandem fiel dieses winzige Detail natürlicher Zufälligkeiten auf, schon gar nicht Doktor von Wirsing und seiner Assistentin Frau Stein, die seit geschlagenen drei Stunden im Auto durch einen Wald irrten. Ein Wald, dessen stümperhaft angelegte Straßen sich als das Äquivalent des Netzes einer besonders unbegabten Spinne erwiesen.

»Kiefernweg«, las Frau Stein einen der Wegweiser ab, die sich direkt vor den Autoscheinwerfern befanden und hämisch zu grinsen schienen.

»Pah, als sähe man nicht, dass es hier nichts als Kiefern gibt!«, murmelte von Wirsing, der am Steuer saß.

»Doktor, ich will Ihren Eifer sicher nicht dämpfen, aber hier sind wir inzwischen zum dritten Mal, sofern es in der Gegend nicht mindestens drei Kiefernwege gibt.« Den Kopf hatte von Wirsings Assistentin inzwischen resigniert ans Seitenfenster des Autos gelehnt. »Was halten Sie davon, wenn wir zurückfahren, uns eine Pension suchen und dann morgen vor der Expedition jemanden nach dem Weg fragen?« Alternativ hätten es vermutlich auch ein GPS-Gerät oder wenigstens eine altmodische Karte getan, doch von Wirsing war weder ein Mann von morgen noch einer von gestern und schon gar kein praktisch veranlagter Mensch, was einerseits sein Interesse an Steinen erklären mochte und andererseits Frau Stein dazu veranlasste, sich jeden weiteren Kommentar diesbezüglich zu sparen.

»Beim Barte meiner Großmutter, das kann doch nicht sein!«, schimpfte von Wirsing und schlug mit den Händen fachgerecht aufs Lenkrad. »Sagen Sie, was Sie wollen, Fräulein Stein, irgendein Witzbold hat doch die Wegweiser vertauscht. Was nützen Wegweiser, die den Weg nicht weisen? So überflüssig wie ein Kropf, diese Dinger. Da könnte man gleich planlos durch den Wald irren.«

»Was im Wesentlichen beschreibt, was wir tun«, murmelte Frau Stein. »Lassen Sie uns einfach umkehren.«

»Papperlapapp, Fräulein Stein. Ihre Naivität in allen Ehren, aber wie stellen Sie sich das vor? Wegweiser, die uns nicht zum Expeditionsziel führen, bringen uns auch gewiss nicht in die Zivilisation zurück.«

»Sie könnten ausnahmsweise auf mich hören und vielleicht dieses Mal die linke Seite der Gabelung wählen«, schlug Frau Stein vor.

»Das, Teuerste, wollte ich gerade ohnehin vorschlagen. Nun denn ...«

Der dicke Geländewagen bog in den Waldweg ein, wälzte sich über den unebenen Pfad und tauchte in das Dickicht weiterer unförmiger Nadelbäume ein, deren Aussehen und Anordnung die Sinne eines jeden Gruselfilmfans kräftig stimuliert hätten.

Knapp zehn Minuten später hatte die Situation sich nicht merklich verbessert: ein Mann, eine Frau, ein Auto, ein Wald, kein Plan.

»Fräulein Stein, ich gebe zu Protokoll, dass Ihre Idee, links abzubiegen, auf weiblicher Intuition beruht zu haben scheint, von der ich noch nie viel gehalten habe, ehrlich gesagt, und von daher lediglich dazu geführt hat, dass die Wegweiser jetzt gänzlich fehlen. Selbst die verkehrten.«

»Herr Doktor, von und zu, ich gebe zu Protokoll, dass Sie diese Entscheidung seinerzeit für sich proklamiert haben«, giftete Frau Stein zurück.

»Ist das so?«, murmelte von Wirsing. Nachdenklich sah er aus dem Seitenfenster, dann ließ ihn etwas Luft holen. »Ja Potzblitz, ich glaube, wir sind quasi am Ziel! Sehen Sie doch!«

Von Wirsings Assistentin schirmte ihre Augen mit den Händen ab und spähte in die Nacht hinaus. »Also ich sehe hauptsächlich ein paar Bäume, noch mal Bäume und einen Haufen Nichts.«

»Nein nein, Sie Dummchen! Hier auf meiner Seite! Sehen Sie doch, die vielen aufregenden Gesteinsformen!«

»Uh, das ... äh ... sieht mir eher nach Grabsteinen aus, um ehrlich zu sein.«

»Grabsteine, was?« Die Enttäuschung war von Wirsing anzuhören. »Nun ja, das würde erklären, weshalb sie wie schiefe Zähne aus dem Boden ragen.«

»Glückwunsch, Doktor! Wir haben offenbar irgendeinen uralten Waldfriedhof gefunden«, sagte Frau Stein, nicht ohne eine doppelte Portion Sarkasmus mit Schlagsahne in ihre Stimme zu legen. »Immerhin kann es dann kaum mehr weit bis zum nächsten Ort sein. Ich habe inzwischen auch ziemlichen Hunger.«

»Und ich muss dringend einige Tassen Kaffee loswerden. Wenigstens dürfte die Chance, auf einem Friedhof während des Urinierens beobachtet zu werden, sehr gering sein, schätze ich.«

»Doktor! Sie wollen doch nicht auf die Gräber urinieren?«

»Gewiss nicht, Fräulein Stein!«, empörte von Wirsing sich. »Ich werde versuchen, einen Baum zu treffen. Und sollten einige Spritzer ausreißen, nun, dann werden sie den Pflänzlein hier sicher nicht schaden. Sofern es auf diesem ungepflegten Ding Pflanzen gibt.«

Statt die Zeit mit einer Diskussion über pH-Werte und übersäuerte Böden zu vergeuden, entschied Frau Stein sich, still zu seufzen und zu warten.

Von Wirsing tapste ungeschickt durch die Dunkelheit und kommentierte jeden seiner Schritte mit Ausrufen wie: »Autsch, mein Fuß!«, »Wo kam DAS denn jetzt her?« und »Verdammter Mist, da muss man einmal austreten ...«

Irgendwann kehrte Ruhe ein, die wiederum vom Plätschern eines druckvollen Wasserstrahls abgelöst wurde, angefügt von einem erleichtert klingenden »Ahhh!«.

Anschließend wieder Ruhe. Tapsige Schritte. Flüche. Dann ...

»Uaaah!« Fräulein Stein, die Taschenlampe, aber pronto!«

Die aufgeschreckte Assistentin wühlte im Handschuhfach, bis sie etwas Stabförmiges zu greifen bekam. Sie knipste die Taschenlampe an und richtete den Lichtstrahl durch die offene Fahrertür hindurch auf Doktor von Wirsing.

»Was ist denn?«, rief sie aufgeregt.

»Da hat mich was gepackt, da am Fuß!«

Der Lichtstrahl wanderte abwärts. »Doktor, das ist nur eine Wurzel, die tatsächlich ein wenig wie eine Hand aussieht.«

Von Wirsing sah auf seinen beleuchteten Fuß. »Oh. Ja, tatsächlich, jetzt wo Sie es sagen ... Kein Grund zu schreien, schätze ich.«

»Doktor?«

»Ja, Fräulein?«

»Würden Sie bitte bei der Gelegenheit Ihre Hose schließen?«

»Gottver...«

Das Licht der Lampe erlosch. Erneute Schritte. Stolpern. Flüche. Dann ...

»Uaaah! Fräulein Stein, die Taschenlampe, schnell! Ich hänge wieder an so einer verflixten Wurzel und wäre fast gestürzt. Mein gutes Toupet auf dem Waldboden, nicht auszudenken!«

Das Licht der Lampe wanderte über den Waldboden und hielt auf von Wirsings Füßen.

»Äh ... Doktor?«

»Ja, bitte?«

»Das ... das scheint mir diesmal eher eine Hand zu sein, die ein wenig aussieht wie eine Wurzel.«

»Reden Sie doch keinen Unsinn!«

»Aber die Wurzel arbeitet sich Ihr Bein hinauf!«

Aufgeschreckt nahm von Wirsing das Ding an seinem Hosenbein näher in Augenschein. » Da brat mir doch einer einen Storch! Das ... äh ... wäre dann wohl ein Grund zu schreien, nicht wahr, Fräulein?«

Wortlos ließ von Wirsings Assistentin den Schein der Taschenlampe aufwärts wandern und zeigte einen Doktor mit entsetzter Miene. Direkt hinter ihm standen mehrere schmutzige und zerzaust wirkende Personen, die stumme aber gierige Blicke auf den Doktor richteten.

»Also d...die hinter Ihnen sind d...definitiv ein Grund zu schreien, Doktor!«, stammelte Frau Stein.

Wie in Zeitlupe drehte von Wirsing sich um und blickte in die Augen verwahrloster Gestalten mit offenbar hungrigen Mäulern. »Uaaah!!!«

Entsetzte Schreie tönten durch den dichten Kiefernwald, ergänzt von lautem Stöhnen und  Schlürfgeräuschen. Noch mehr Stöhnen. Schlürfen. Weitere Schreie. Dann: »Mein Toupeeet!« Schreie. Dann Stille.

 

Fortsetzung folgt ...

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