Wolken

Manchmal verharre ich und werde regelrecht in meine eigenen Gedanken hineingesogen. Als wäre irgendwas in meinem Kopf implodiert und alles müsste nun in Richtung Vakuum wandern. Ich könnte mich wehren, aber ich tue es nicht. Es sind diese ruhigen Momente, etwa wenn ich im Büro sitze und sehe, wie dicke Cumuluswolken über den Potsdamer Platz ziehen. Malerisch schön. Dann frage ich mich, wie viele Wolken hier wohl schon vorbeigezogen sein mögen, an genau diesem Fenster, wie viele ich hätte zählen können, wenn ich sie immer schon gezählt hätte. Über all die Jahre. Die vielen Jahre, die ins Land gezogen sind und mit ihnen die Orte, an die ich kam und die ich verließ, all die Menschen, die kamen und gingen. Manche blieben so lange und jetzt im Nachhinein, während mein Blick in den Wolken verweilt, ist es doch, als wären sie nur ganz kurz da gewesen. Wie jemand, der zur Bürotür reinschaut, hallo sagt und weiterhuscht. Die Zeit ist relativ, auch im Empfinden. Wie sähe es wohl aus, würde man alle Wolken, die nie gezählt wurden, zurückholen und gleichzeitig am Himmel arrangieren wie ein gigantisches Mobilé? Wie wäre es, alles und jeden aus der Vergangenheit in die Gegenwart zurückzuholen? Würde ich mich noch heimisch fühlen, wo ich einst zu Hause war? Würde ich mich mit denen verstehen, mit denen ich mich einst verstand? Würde das alles überhaupt zusammenpassen  oder würde eine Art Frankensteingegenwart entstehen? Manchmal bin ich fast sicher, mein Kopf könnte explodieren, würde ich die Gedanken weiterspinnen. Und immer dann hören sie ganz von selbst auf. Wie ein Filmriss. Die Wolken sind nur noch Wolken und ziehen weiter. Was war, das war. Alles ist gut. Und dann stehe ich auf und hole mir eine Tasse Kaffee.

2 Gedanken zu “Wolken

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