Bekenntnis zur Baustelle

Flughafen BBIMit Texten über aktuelles Zeitgeschehen ist es ein bisschen problematisch: Das explosive Gebräu von heute wird schnell zur laschen Mischung von gestern, schon sind die liebevoll zusammengeklauten Fakten digitales Altpapier und vermodern in der Schublade subjektiven Vergessens wie ein hinter die Waschmaschine gefallenes Paar alter, stinkender Socken. Nicht so mit Texten über den Berliner Flughafen. Die bleiben lange knackig wie eingelegte Essiggurken. Ich muss noch nicht einmal erwähnen, von welchem der physisch vier (fast) vorhandenen Flughäfen die Rede ist, oder? Der unfertige BER ist Oil of Olaz für jeden kreativen Output, niemals faltig am Popo, kein Geruch von Mottenkugeln dran. Und warum? Weil jeder sich jederzeit gern drüber aufregt, jeder ein bisschen Sensationspresse im Morgenkaffee braucht. Dabei ist das so unfair! Es wird Zeit, die Sache mal anders zu sehen. Zeit für ein Bekenntnis zur Baustelle!

Denn sind die ständige Verschieberei von Großprojekten und Kostendimensionen, mit denen man locker den Iran, Nordkorea und die GEMA militärisch »befrieden« könnte, mitnichten eine Seltenheit. Es ist doch so: Der Flughafen in aller Munde ist nicht nur groß, er hat vor allem ein großes Imageproblem. Keiner will ihn, keiner mag ihn, alle hacken auf ihm rum wie auf dem glücklosen Klassenklops, der immer so komisch riecht, sich scheinbar nie kämmt und nur alte Strickpullis aus Opas Zeiten trägt. Erginge es mir so, würde ich morgens auch nicht mehr aus dem Bett kommen. Kein Wunder also, dass Berlins berühmteste Baustelle nicht in die Puschen kommt. Der arme BER dürfte Sturzbäche weinen, würde doch wenigstens der Brandschutz funktionieren. Die Leute müssen lediglich Bilder des vermeintlichen Furunkels am Hintern dieser schönen Stadt sehen, schon rümpfen sie mindestens die Nase und denken drüber nach, was man mit den Milliarden schönes hätte kaufen können. Da hilft auch ein stets gut geföhnter und schwuler Aufsichtsratsvorsitzender als Galionsfigur nicht mehr. Zumal dieser pünktlich vor jeder neuen Katastrophenmeldung politische Transparenz beweist, indem er vollständig durchsichtig und damit unauffindbar wird. Sollen doch andere die Murmel hinhalten, ich geh dafür zu Udo Walz!

Und dann trägt der viel gescholtene BER auch noch den Namen von Willy Brandt. Keine Frage, wenn man den früheren Berliner Bürgermeister und Altkanzler nicht gerade mit DDR-Spitzelaffären in Verbindung bringt, wenigstens aus heutiger Sicht ein lupenreiner Sozialdemokrat aus Zeiten, in denen ausrangierte Sozis noch nicht ausgiebig im Geldtopf russischer Gaskonzerne wühlen gingen. Aber inzwischen doch ein bisschen blass, oder? Selbst Helmut Schmidt hat mehr popkulturellen Charme. Allerdings erfreut der sich im Gegensatz zu seinem Amtsvorgänger auch bester Gesundheit und raucht wie niemals jemand vor ihm, während er Frau Maischbergers Lungenvolumen torpediert. Nein nein, da muss schon was anderes her. Wie wäre denn eine Abstimmung gewesen? Ich hätte ihn mir gut vorstellen können, den ... Bud-Spencer-Flughafen!

Lacht nicht! Beide sind ein dickes Ding und haben inzwischen 'nen ziemlichen Bart. Und jeder mag Bud Spencer, nicht wahr? NICHT WAHR?! Historisch ist der durchaus mit Berlin verbunden, war er doch erst 2011 zur Autogrammstunde hier. Man überlege sich nur: Statt naserümpfend ob der Massenverheizung von Steuergeldern auf dem BUD (Tolles Kürzel übrigens auch!) vorbeizuschauen, würde jeder sofort in Gedanken DAS Liedchen anstimmen: »Lalalalalaalaa lalalalalaalaa ...« Wer's nicht täte, müsste schon ein Banause sein oder ein böser Mensch oder beides. Und dann die BILD-Schlagzeilen bei jeder neuen Verschiebung: »Vier Fäuste gegen Wowi«, »Buddy haut den Platzek« oder »Gott vergibt ... BILD nie!« Ein Bud-Spencer-Schwimmbad gibt es schließlich inzwischen auch und es ist sogar geöffnet. Wenn das kein Zeichen ist?

Doch selbst abgesehen davon müsste man nur mal die positiven Aspekte des Hauptstadtflughafens in den Vordergrund rücken: Niemand muss lange an den Kontrollen warten, es gibt keinerlei Flugverspätungen und garantiert drohen keine nervigen Streiks welcher Flughafenpersonalgewerkschaft auch immer. Alles eine Sache der Perspektive. Und dann die ständigen kuriosen Meldungen: Die Bahn muss leere Züge durch den extra hinzugebauten Bahnhof jagen, damit der vor lauter Nichtbenutzung nicht zu schimmeln anfängt ... großes Kino! Mal eben 'ne spontane Verlegung der Flugrouten in irgendwelche Naherholungsgebiete ... hi hi hi. ein dolles Fest zur Eröffnung kurz nach Verschiebung der Eröffnung um ein Jahr ... saugeil! Solche Nachrichten braucht das Land, die sollten uns doch ein Schmunzeln aufs Gesicht zaubern. Außerdem gibt's immer Gesprächsstoff, wenn der maulige Taxifahrer ausm Wedding mal eben nicht übers Wetter reden will. Und die paar Mehrkosten für die Miseren machen den Steuerkohl nun auch nicht mehr fett.

Last but not least gibt's Texte wie diesen, die nie geschrieben worden wären, wäre alles so glatt gegangen wie Wowereits fesche Föhnwelle im Dauersturm der Entrüstung. Ich prophezeie mindestens zwei weitere Jahre Aktualität für Pamphlete wie dieses, wenn nicht am Ende das Projekt sogar ganz eingestampft wird. Wäre auch nicht verkehrt: Eine vor lauter Fehlplanung völlig entstellte Flughafenruine dürfte weltweit einzigartig sein und ein grandioser Touristenmagnet obendrein. Das total vergurkte Jesus-Fresco im spanischen Borja hat schließlich gezeigt, wie das funktioniert. Warum also all die Aufregung? Wozu jetzt die Eile? Lasst ihn so, wie er ist! Ick find's dufte!

4 Gedanken zu “Bekenntnis zur Baustelle

  1. Hab ich erwähnt, dass ich “deine“ stadt liebe?? Weil ich gerade erst wieder ne woche da war und eigentlich überhaupt, fällt mir das gerade ein. Das mit dem Flughafen habe ich ehrlichgesagt gar nicht mitbekommen, aba durfte ich innerhalb einer woche tegel als auch schönefeld kennenlernen, größer könnte die differenz wahrlich nicht sein, also warum kein 3. So als zwischending?! Ich erfreue mich weiterhin an news aus der schönsten stadt im dt.sprachigem raum und schicke liebe grüße aus brüssel,
    Die c.

    Antwort
    1. PhanThomas

      Beitragsautor

      Na ja, theoretisch gäbe es einen dritten Flughafen zwischendrin. Tempelhof halt. Das war da, wo du auf dem Festival warst. Also falls du denn jetzt wirklich da warst. Und ich versteh auch nicht, warum sie nicht einfach die drei kleinen Flughäfen da lassen. Oder zumindest die beiden bisherigen. Jetzt einen mitten in der Pampa zu bauen ... ach, was red ich?!

    2. Jaa Tempelhof, da war ich tatsächlich auf dem Festival. Sehr pompöses Gelände und äußerst praktisch bei Regen 😉
      Aber der Flughafen ist ja geschlossen worden vor 4 Jahren - warum eigentlich? Ist ja ansich ein schönes Gebäude.
      Naja, kann man eh nix ändern an dem komischen Entscheidungen der Drahtzieher...

    3. Japp, ist recht geräumig, da. Weshalb sie den Flughafen nicht gelassen haben? Naja, zu teuer, nehm ich an. Drei Flughäfen wollen ja auch mal unterhalten werden. Und die Schließung war auch eine Voraussetzung dafür, dass der neue Flughafen überhaupt an den Start gehen darf. Also falls der das denn irgendwann noch mal tun sollte.

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