Work-Life-Bla-bla

Tick tack ...Neulich kam im Freundeskreis vor abendlicher Wii-Runde die Frage nach dem Chefsein auf. An mich gerichtet, brauchte ich keine Sekunde, um als Antwort zu entgegnen, dass ich niemals Chef sein möchte. Von keinem. Niemandes Vorgesetzter. Niemals! Noch vor einigen Jahren sah das gänzlich anders aus. In Bewerbungsgesprächen wird man ja gern gefragt, wo man sich selbst denn in fünf Jahren sehe. Die Antwort meinerseits war einmal, dass ich ganz klar in Richtung bla bla ... Team leiten ... bla bla ... Projektverantwortlichkeit ... bla bla ... tendiere. Das war damals - knapp fünf Jahre ist das jetzt tatsächlich her - durchaus ernst gemeint! Die fünf Jahre sind also rum und die damalige Aussage liegt in der Schublade mit dem Etikett »Jugendliche Naivität« - übrigens zusammen mit Aussagen wie »Schwarz-Gelb ist gut für mich!« und »Später habe ich ein großes Haus und ein dickes Auto!«. Nun sitze ich hier, trinke eine Tasse Kaffee, bin tiefenentspannt, ich leite kein Team, führe keine Projekte komplett eigenverantwortlich durch und mein Überstundenkonto pendelt sich irgendwo um eine angenehm grüne Null ein. Wenn ich das Büro verlasse, kann ich ein Buch lesen, ein Liedchen pfeifen, Musik hören. Ich komme nach Hause, meckere vielleicht ein wenig über den täglichen Irrsinn, weil sich das so gehört (Schließlich ist man Deutscher.), doch dann sind die Jalousien unten, was die Arbeit anbelangt. Was dann kommt, ist Privatleben. Was ich in vielen Sätzen umschreibe, nennt man im Bullshit-Bingo-Jargon wohl Work-Life-Balance.

Sicher, auch ich frage mich immer mal, wo soll's noch hingehen, was will ich erreichen? Ich sehe Leute um mich, die eine steile Karriere anstreben, die vermutlich schon nach kurzer Zeit mehr verdienen als ich, die sich aber irgendwann dermaßen an täglichen Tätigkeiten aufgerieben haben, dass sie keinen Urlaub nötig haben, sondern gleich einen kompletten Kuraufenthalt. Mehr Geld hin oder her, mit mehr Lebensqualität hat das für mich nichts zu tun. Drum bleibt mein Karrierepfad wohl tatsächlich ein Pfad, ein bequemer, einer im Tiefland halt. Das bin ich gewohnt, da komm ich her. Aus dem Tiefland. Man braucht kein festes Schuhwerk, man benötigt keinen Wanderstock, keine Bergsteigerausrüstung. Auch ich will mal weiterkommen, klar, doch gehen meine Vorstellungen diesbezüglich eher in Richtung Wechsel in der Horizontalen. Ich bin nicht groß, vielleicht liegt's daran: Wir kleinen Leute schießen nicht in die Höhe, wir gehen in die Breite.

Und letztlich ist doch alles eine Wette: Irgendwann, wenn ich selbst am Ende meiner Tage angelangt bin und auf mein, ahem, Lebenswerk zurückblicke, ziehe ich vermutlich ein Resümee. Das machen bestimmt alle alten Menschen mal. Ganz bestimmt, jawoll. Werde ich dann möglichst viel richtig gemacht haben? Werden die vielen Jahre gut genutzt worden sein? Ich kann mir kaum vorstellen, dass jemand, der vor lauter Arbeit und beruflicher Erfüllung das Leben vergessen hat, stolz ist auf das, was er geleistet hat. Wie kann ich stolz sein, am Ende ein abgeschliffenes Zahnrad in einem Uhrwerk gewesen zu sein, das auch ohne mich prima weiterläuft? Kann Arbeit Leben sein? Vielleicht dann, wenn's die selbst gegründete Firma war, die man als eigenes Denkmal hinterlässt, ja. Aber sonst? Als abgewetztes Bauteil einer Leistungsgesellschaft, in der sich wenige daran bereichern, dass viele sich verausgaben? Nein. Warum lebt man, um zu arbeiten, wenn man anschließend nicht mehr leben kann, weil die Zeit rum ist? Drei, zwei, eins, keins ... Du hattest deine Chance, Cowboy ... Habe ich da irgendwas Grundsätzliches nicht begriffen? Bin ich einfach zu links? Zu faul? Zu dumm? Ich weiß es nicht.

8 Gedanken zu “Work-Life-Bla-bla

  1. Allgemein kann ich ja mit dieser Höher-schneller-weiter-Mentalität alias "mehr Stress, mehr Überstunden, weniger Freizeit" auch nichts anfangen. Ich hatte tatsächlich auch noch nie das Bedürfnis danach. Vermutlich war ich dazu immer schon zu freiheitsliebend (oder freizeitliebend).

    Aber der "Wechsel in der Horizontalen" ist bei dir nur beruflich zu verstehen, oder? 😛

    Antwort
    1. PhanThomas

      Beitragsautor

      Oder wir sind zu faul. 😉 Und ja, ich mein das beruflich. Ansonsten müsste das jetzt nicht unbedingt sein. Aber schön, dass du den Punkt wieder zielgenau gefunden hast. 😛

    2. Natürlich finde ich so was. 😉 Aber pff, "müsste nicht unbedingt sein" klingt ja jetzt nicht so doll.

      Zu faul würde ich nicht mal sagen. Ich mache ja meine Arbeit, aber bitteschön in der dafür vorgesehenen Arbeitszeit, die mir bezahlt wird. Es sei denn, die Arbeit macht mir so unglaublich viel Spaß, dass ich dasselbe auch in meiner Freizeit machen will. Soll's ja geben, so was. Aber den Drang, andere Leute zu führen und Chef zu sein, hatte ich tatsächlich nie.

    3. PhanThomas

      Beitragsautor

      Ach du weißt doch, wie ich das meine. Hoffe ich. 😛

      Und ja, so seh ich das auch. Ist ja im Prinzip auch, was ich weiter oben in ein paar Sätzen mehr geschrieben habe.

  2. Ich komme langsam immer mehr in die Rolle, wo ich Projektverantwortlicher bin und andere Leute koordinieren muss. Liegt mir nicht besonders und ist auch überhaupt nicht, worauf ich hinaus will - das kam von ganz alleine.
    Was mich viel eher reizt, als Leute kommandieren zu können ist, mich von niemandem kommandieren zu lassen.

    Antwort

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