Tod nervt!

Der Tod ist doof. In erster Linie, weil einem die Optionen fehlen. Nimm einem Menschen seine Optionen, schon kommt er erstens nicht nur vergleichsweise schnell zu einer Entscheidung, sondern fühlt sich meistens auch noch gegängelt und reagiert unbeherrscht. Das ist im Kontext des finalen Abtritts durchaus verständlich: Ist man erst einmal dabei, in Richtung Licht abzumarschieren, fragt niemand mehr, ob man nicht doch lieber zu dieser einen coolen Studentenfete vor unzähligen Jahren zurückkehren möchte, auf der man sich seinerzeit nicht getraut hatte, auf die schlüpfrigen Andeutungen der heißen wie angesoffenen Kunstgeschichtestudentin aus dem dritten Semester einzugehen. Das Leben ist wie die schönste Hörspielkassette in einem äußerst rabiaten Walkman: Zurückspulen geht nicht, das gibt nur scheußlichen Bandsalat. Und gelingt es doch, die Kassette zu reparieren, ist das Ergebnis nicht befriedigend, weil es leiert.

Dem Menschen an sich gefällt das freilich nicht. Nun, dem Tier vermutlich auch nicht, doch das kann erstens keine für uns verständlichen Einwände erheben und zweitens würden wir es vermutlich auch nicht fragen, vor allem dann, wenn es anschließend mitsamt Kartoffeln hübsch angerichtet auf einem Teller landen soll. Weil auf dem Tod jedenfalls seit jeher ein riesiger »Dislike«-Knopf prangt, vermutlich etliche Milliarden Male geklickt, hat der Mensch das Leben nach dem Tod erfunden - das Paradies. Da natürlich jeder eine recht individuelle Vorstellung von paradiesischen Zuständen hat, haben sich kleinere bis größere Gruppierungen herausgebildet, die sich bisweilen sehr unterschiedliche Vorzüge vom Dasein jenseits des großen dunklen Tunnels versprechen: die Erlösung vom Bösen, wie auch immer selbiges geartet sein mag, mit anschließender Togaparty, sofern man am Türsteher Petrus vorbeikommt, oder einen Sack voll Jungfrauen, die es zu befriedigen gilt, was das Zeug hält, und und und. Auch das Schwitzen im Fegefeuer mag durchaus für den einen oder anderen erstrebenswert sein. Paradies ist eben Definitionssache. Alles in allem scheinen Paradiese jedenfalls viel mit Frauen und relativer Nacktheit zu tun zu haben. Vermutlich hat niemals jemand eine Frau nach ihren Wünschen befragt. Andernfalls gäbe es wahrscheinlich glitzernde Altare in Form riesiger Stilettos.

Um also nach dem blöden Sterbeprozedere ins Paradies zu gelangen, muss man sich lediglich zu Lebzeiten benehmen. Soll heißen, es gilt, möglichst auf jegliches irdische Vergnügen zu verzichten. Aber auch bedeutet es, seinem Gegenüber nicht zu einer schnelleren Himmelfahrt zu verhelfen. Es sei denn natürlich, dieser hat eine andere Vorstellung von Religion, Staatsformen, Ländergrenzen, Besitzansprüchen, etc. pp. Dann, liebe Landsleute und Glaubensgenossen, raus mit seinem Gedärm! Denn auch hier gilt: Alles ist eine Sache der Definition. Wenn der gewählte oder nicht gewählte Staatschef meint, es sei richtig, das Nachbarland in die Steinzeit zurückzubomben, dann sollen seine Leute das gefälligst nicht hinterfragen, sondern die Panzer betanken. Dass dabei nicht nur Skylines umgestaltet werden, sondern auch viele Menschen sterben, die das gar nicht unbedingt wollen, die aber ohnehin niemand gefragt hat, bringt uns wieder auf die Begrifflichkeit des Todes an sich zurück, zu der es noch eine Menge zu sagen gibt.

Beispielsweise, dass der Tod das einzige Gut sein dürfte, dessen Grenznutzen nach dem Gossenschen Gesetz schon nach dem Konsum einer einzigen Einheit auf einem Minimum angelangt ist. Zugegeben, für so manchen gilt das auch bereits nach einer Flasche Bier, jedoch eben nicht für jeden. Außerdem ist nicht jeder ein Biertrinker. Der Tod dagegen ist für alle da und das macht ihn so penetrant wie doof. Doch ist das Sterben nicht nur blöd, weil es, im Gegensatz zum Gehirn beispielsweise, jedem Individuum zugedacht ist, sondern auch, weil der Prozess (und sein Ergebnis) der vermutlich größte Witz in der Menschheitsgeschichte ist. Und kaum einer versteht ihn. Denn zu Lebzeiten würde doch niemand bei gesundem Menschenverstand einem anderen empfehlen, durch einen ominösen Tunnel in Richtung Licht zu gehen, es sei denn, er möchte ihn loswerden. Mit großer Wahrscheinlichkeit handelt es sich bei dem Licht schließlich nicht um das wartende Paradies, sondern um den eben nicht wartenden Güterzug. Wer garantiert also, dass das besagte Licht am Ende des Liveauftritts auf Mutter Erde besser ist? Es gibt durchaus angenehmere Vorstellungen, als nach dem Ableben auch noch von einigen Tonnen transzendentalem Stahl mit Dieselantrieb überrollt zu werden.

Fakt ist also: Niemand weiß, was ihn nach dem Ende tatsächlich erwartet. Wahrscheinlich nichts, sonst würde es nicht Ende heißen. Außerdem könnte es dann noch ein zweites Ende geben und das hat bekanntlich nur die Wurst. Vermutlich sind Zombies nur deshalb ziemlich garstig drauf: Da verspricht man dem in Kürze dahinscheidenden Probanden Glückseligkeit, Wein, Weib und Gesang in Ewigkeit, nur damit er schließlich ohne Proviant, Buch oder Gameboy im Nichts herumstehen und sich langweilen muss. Da wäre ich auch wütend. Weshalb man deswegen aber Gehirne auslutschen muss, will sich mir beim besten Willen nicht erschließen. Und wer aller Unwahrscheinlichkeit zum Trotz aus dem Tod zurückkehrt, ohne ein hirntoter Menschenfresser zu sein, nur um dann von leuchtenden Nahtoderfahrungen zu berichten, dem hat der den Tod feststellende Arzt vermutlich zu lange mit seiner Funzel in die Augen geleuchtet. Oder er ist rechtzeitig vom Gleis gegangen.

Und der Witz geht weiter: Lustig ist nämlich auch, dass das letzte Hemd keine Taschen hat. Neid gilt dem, den taschenlose Hemden schmeichelnd kleiden. Man stelle sich jedenfalls vor: Ein ganzes Leben müht man sich ab, sammelt Freunde, Prestige, Geld und diese kleinen Porzellanfiguren für den Kaminsims, nur damit einem nach dem Ableben doch wieder alles weggenommen wird. Da hilft kein Gezeter, alles Angehäufte landet schließlich auf dem Sperrmüll oder, noch viel, viel schlimmer, bei der raffgierigen Verwandtschaft. Wozu sich also lebenslang abmühen, falsche Ideale verfolgen oder mit wortkargen Götzen quatschen, statt das Leben zu genießen? Nehmen wir Hitler: Da opfert der Mann sein Leben dem Traum, ganz Europa in Schutt und Asche zu legen, nur um am Ende in einem stinkenden Bunker das eigene Hirn auf dem Sofapolster zu verteilen. Und zu allem Überfluss klaut auch noch der Russe die Leiche. Aber was hätte er auch tun sollen, denn schließlich wissen wir: Der Führer brennt nicht. Wäre er mal Postkartenmaler geblieben.

Halten wir also fest: Der Tod nervt! Die tatsächlich witzigen Aspekte verpuffen angesichts der Tatsache, dass es sich letztlich um schlechte Witze handelt, weil kaum jemand über sie lacht. Auch Witze sind eben Definitionssache. Einen Garantieschein auf gute Unterhaltung gibt es ohnehin nicht, auch wenn Rauschebart- und Pileolusträger was anderes behaupten. Trotzdem wird niemand davon ausgenommen und überdies sagt die Stimme der Vernunft auch noch, der Tod sei an und für sich eine praktische Angelegenheit. Alles genau wie bei den Öffentlich-Rechtlichen quasi. Ich könnte drauf verzichten.

4 Gedanken zu “Tod nervt!

  1. Wow...ein toller Text...und wie immer wahr...und ein Stück weit beängstigend. Daher fotografiere ich gerne. Bei einem Foto habe ich immer das Gefühl, dass es auch über meinen Tod hinaus nicht gänzlich an Bedeutung verliert...

    Antwort
    1. PhanThomas

      Beitragsautor

      Deine Fotos sind auch wirklich großartig. Manchmal möchte ich auch mit dem Fotografieren anfangen, aber dafür hab ich wohl einfach kein Auge.

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