Kantinen!

Mhhh ...Wenn es eine Welt innerhalb dieser Welt gibt, dann nennt sie sich Kantine. Kaum ein Ort ist gegensätzlicher zu seinem Außenweltpendant und gleichzeitig ein solcher Spiegel der Gesellschaft. Das fängt beim Betreten an: Hungrige Mäuler, die sich freiwillig eine halbe Ewigkeit lang in Schlangen anstellen, um von einer meist mürrischen Küchenhilfe (»Wat woll'n se? 'N bisschen zackig! Wenn alle so lange broch'n wie Sie, dann dürf'n se sich nich' wundern, wenn se bald nur noch von Praktikanten bedient werden. Is so!«) einen Teller mit zumindest optisch nicht immer identifizierbarem Allerlei aufs Tablett geknallt zu kriegen. Die Güte des Dargereichten legt oft eine Vermutung nahe: Hier wird hauptsächlich mit dem Pürierstab gearbeitet. Dem scheinen selbst Nudeln nicht zu entkommen: Keinem Normalsterblichen gelingt es in der Küche daheim, die Teigware so zuzubereiten, dass sie sich in eine breiige Masse verwandelt, sobald sie die Zunge berührt. Auch ich habe Nudeln schon zerkocht, doch diese Magie bleibt mir ein Rätsel. Al dente? Diese Begrifflichkeit kennt man in der herkömmlichen Kantine nicht.

Dennoch greift der hungrige Proband zu, worin oftmals der größte Gegensatz zu erkennen ist. Es sind dieselben Menschen, die abends gern auswärts chic am Hummerschwanz knabbern und zu wissen meinen, welcher Wein zum medium gebratenen Steak gehört, die sich nun wie zur Mast an elend lange Tischreihen hocken und im Akkord die aufgetischte Gaumenfeindlichkeit herunterschlingen. Flott flott, die Mittagspause ist begrenzt! Um dem eigenen Bewusstsein über die eigene Gegensätzlichkeit Ausdruck zu verleihen, wird wenigstens triftig über die im entfernen Sinne als Essen titulierbare Substanz auf dem schartigen Porzellan- oder Plastikteller geschimpft. »Die waren auch schon mal besser. Derzeit haben die hier echt einen Hänger«, hört man dann. Oder »Mann Mann Mann, hat der Koch schon mal was von Salz gehört?« Ich nehme an, das hat er. Der gewiefte Koch allerdings ist sich bewusst, dass Beschwerden über versalzenes Essen schlimmer sind als solche über faden Fraß und verweist daher auf die überall herumliegenden Salz- und Pfeffertütchen zum Selbstwürzen. Hier spielt auch wirtschaftliches Kalkül rein, denn der von Kantinen haufenweise angelockte schamlose Nachwürzer behauptet ohnehin, das Essen sei zu fad, ob nun vorgewürzt wurde oder nicht.

Der Mensch hat's gern gemütlich, nimmt in trauter Gesellschaft im Sessel Platz, genießt Kaffee und Kuchen bei angenehmer Musik. Derselbe Schlag Mensch pfercht sich wochentags zur Mittagszeit freiwillig in die eng gestellten Tischreihen, um zu schaufeln, als müsste er Angst haben, nicht satt zu werden. Mit Suchscheinwerfern im Gesicht trägt er das Tablett durch die vollen Reihen, immer auf der Suche nach freien Plätzen, und empört sich, möglichst laut genug, um gehört zu werden, über die miesen Platzbesetzer. Diese Schwätzer, die schamlos vor ihren bereits leeren Tellern hocken und sich erdreisten, mit ihrem Gegenüber zu reden. Eine Unsitte, hier wird gefälligst nicht gequatscht, hier wird gelöffelt! Im siebten Kreis der Hölle sollen sie weiterlabern! Und dann das Gedränge und überall Gefahr: Auf dem Boden hängende Jacken und Schals werden beim Vorbeigehen zur potenziellen Rutschpartie, jederzeit drohen hastig zurückgeschobene Stühle und gehobene Köpfe. Wer einmal einen Mitspeisenden mit frisch zerkochten Nudeln dekoriert hat wie einen Weihnachtsbaum, weil der Idiot im falschen Moment aufstehen und mit der Birne gegen das über ihn hinweggehobene Tablett donnern musste, der weiß, dass tausend Blicke und absolute Stille im Saal nicht die Aufmerksamkeit bedeuten können, die Andy Warhol mit fünfzehn Minuten Ruhm meinte.

Überhaupt speist der Kantinengänger oftmals gern anonym. Wenn schon Möhren- und Kartoffelstückchen im Bart kleben bleiben, das weiße Hemd von Tomatensoßentorpedos getroffen wird oder die Krawatte in der Suppe baumelt, dann muss das schmunzelnde Gegenüber einen nicht auch noch persönlich kennen. Wer doch gern in Gesellschaft futtert, gibt zumeist viel über seine sozialen Präferenzen und Vorhaben preis, wo wir bei der gesellschaftlichen Komponente einer Kantine angekommen wären: Wer es zu was bringen möchte, sitzt neben dem Chef oder besser noch diesem gegenüber. Kaum etwas ist beruflich wertvoller für den Speichellecker mit Karriereambitionen, als ein erfrischender Smalltalk über Marktanalysen und Return-on-Investment-Rechnungen am Mittagstisch. Ein kühner Plan, hastig auf eine Serviette gekritzelt, kann da Wunder wirken. Wer was werden will, sortiert sich um das Zentrum dieser geballten Führungskompetenz. Alle anderen lassen es ruhiger angehen und können dafür auch mal laut schmatzen und Pfefferkörner aus den Zähnen popeln.

Die gesellschaftlichen Aspekte des Kantinengangs lassen sich nicht erst im Berufsleben beobachten, sondern in besonders ausgeprägtem Maße bereits in der Schulkantine. Loser- und Trendkinder wird man selten an einem Tisch finden und wenn doch, dann ist die blöde Aufsicht schuld. Wer Pausenhofgespräch werden will, setzt sich an den Tisch mit den hübschen Mädels, respektive coolen Jungs und plaudert locker aus dem Nähkästchen, was die Pubertät so hergibt. Spürt der Dreikäsehoch die Blicke der Umsitzenden erst auf sich, setzt er einen drauf und lümmelt erst so richtig auf seinem Stuhl herum. Früh übt sich eben, wer was vorhat im Leben.

Die Kantine, ein Spiegel gesellschaftlicher Verhaltensmuster, ein Instumentarium für berufliches Vorankommen, ein Schaukasten der Gegensätzlichkeiten oder einfach nur ein Mutmacher für Hobbyköche (»Also DAS krieg ich aber besser hin!«). Wie auch immer, hier ist für jeden was dabei, ob's schmeckt oder nicht.

4 Gedanken zu “Kantinen!

  1. mmmh da bekommt ma direkt hunger auf breiiges undefinierbares. und ich hab immer insgeheim gehofft (befürchtet?), dass in den kantinen die hollywood highschool klasseneinteilung praktiziert wird, um eines tages doch noch herauszufinden, zu welcher kategorie ich gehöre (kiffer? schachclub? riesenbrillenaußenseiter?). vielleicht dann auf der mensa der FU 🙂

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    1. PhanThomas

      Beitragsautor

      Also das mit der Klasseneinteilung ist vorbei, wenn du aus der Schule bist. In der FU wird dir das so wahrscheinlich auch nicht begegnen, schätze ich. Hier gibt's eh keine richtige Klassentrennung, wenn man von »Klassen« sprechen will. 😉

  2. Da muss ich mal widersprechen - ich war bei einigen Kunden mal zu Gast in der Kantine und habe insgesamt einen sehr positiven Eindruck gewonnen. Das Essen war stets besser als irgendein Mampf, den ich mir sonst in der Mikrowelle gemacht hätte. Ich bin Kantinen daher gar nicht so abgeneigt, kann aber auch nur eine glückliche, nicht repräsentative Auswahl gewesen sein.

    Antwort
    1. PhanThomas

      Beitragsautor

      Ich kenne auch gegenteilige Beispiele. Das sind dann halt meist auch etwas teurere Kantinen. Aber über die lässt sich so schlecht herziehen.

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