Pay-Walls – Just my two cents

Dass gerade die Financial Times Deutschland jetzt in die Pleite geht, ist doch ein wenig zynisch. Gerade das Blatt, das sich mit den Finanzthemen unser Zeit befasst, hatte scheinbar kein eigenes fruchtendes Geschäftsmodell. Und wer wird schuld sein? Das Internet natürlich. Das Internet mit seiner scheiß Gratiskultur ist immer schuld.

Vorhin saß ich auf dem Klo und legte eine kurze Gedenkminute für das Blatt mit dem stets leicht rötlichen Papier ein. Das kann man wertend verstehen, muss man aber nicht. Ich habe die FTD nie gelesen, mangels Interesse an wirtschaftlichen und finanziellen Themen. Aber ich habe darüber nachgedacht, ob das Internet denn tatsächlich die Ursache für das gerade vermeintlich um sich greifende Zeitungssterben sein kann oder ob das Zeitungssterben nicht viel mehr die logische Konsequenz einer zunehmend digitalen Welt und der darauf sensibilisierten Gesellschaft ist. Eine Welt, an die sich das unförmige, laut raschelnde, bedruckte Papier niemals anpassen wollte. Wahrscheinlich eher letzteres, aber das hilft den Verlagen freilich auch nicht weiter. Drum ist erst einmal das Internet schuld.

Als alle anfingen, kostenlos Musik herunterzuladen, war auch das Internet, dieser scheußliche Selbstbedienungsladen, schuld am Niedergang der Musikindustrie. Wie knapp mögen seinerzeit Britney Spears, Madonna und Konsorten dem Hungertod entgangen sein? Man weiß es nicht. Bei Filmen war's nicht anders. Hollywood schrie Zeter und Mordio und verklagte jeden, der nicht bei drei auf dem Baum war. Dass angesichts der Möglichkeiten, die das Medium Internet einfach bietet, ein Bedarf entstand, der vorher nicht da war, weil ihn niemand für möglich hielt, wollte den Bratschädeln der Unterhaltungsindustrie erst einmal nicht in den Kopf. Anno Zwotausendzwölf hat sich die Unterhaltungsindustrie weitgehend auf den Wandel eingestellt. Geklagt wird immer noch, aber einige wenige Bosse da oben scheinen auch ihr Hirn zu bemühen. Musik und Filme werden wohl immer illegal heruntergeladen werden, aber entsprechende Bezahlmodelle wie die von Apple und Amazon funktionieren inzwischen prächtig. Das mussten auch Musik- und Filmindustrie anerkennen. Selbst freiwillige Bezahlangebote wie Spotify scheinen einen fruchtbaren Weg gefunden zu haben, den Bedarf nach digitaler Unterhaltung zu decken und daran frecherweise auch noch zu verdienen.

So, und jetzt wieder zurück zu den Verlagen. Hier schaut die Sache noch anders aus. Das älteste Trägermedium für Informationen hält sich am hartnäckigsten. Die meisten Häuser sehen Print immer noch als ihr eigentliches Standbein, kannibalisieren sich jedoch gleichzeitig selbst mit ihren eigenen Internetauftritten, die über Werbung finanziert werden sollen, sich augenscheinlich aber erst einmal nicht rechnen. Jahrelang scheint das niemand bemerkt zu haben. Jetzt aber kommt die Quittung dafür. Nun muss Kannibalisierung innerhalb des eigenen Hauses nichts Schlechtes sein. Sie kann auch ein Ausdruck für den Fortschritt darstellen, die eigenen Inhalte über bisherige Trägermedien hinaus zu publizieren, neue Kommunikationswege zu beschreiten, eben die Möglichkeiten tatsächlich zu nutzen, die uns heute geboten werden.

Das kann sicher funktionieren, jedoch offenbar nicht innerhalb der bisherigen Gratiskultur. Was machen also jetzt die ersten Verlage? Es wird überlegt, Pay-Walls, das heißt, Bezahlschranken für online publizierte Inhalte, einzuführen. Aha. Nutzer sollen plötzlich Geld für den Content bezahlen, der vorher gratis war? Das wird vielen nicht schmecken und nur wenigen wirklich einleuchten. Wozu zahlen, wenn ich hier gestern noch gratis lesen konnte? Die taz, deren Online-Ausgabe ich ganz gern mal lese, versucht es bereits jetzt mit einem freiwilligen Bezahl-Modell. Vermutlich als Testballon, bevor die tatsächlich zum Zahlen verpflichtende Schranke nachgeschoben wird - eine Maßnahme, die ratzfatz scheitern wird.

Warum? Ganz einfach: Die Online-Auftritte der großen Zeitschriften tun bisher nichts anderes, als Inhalte der Nachrichtenagenturen zu kopieren, ohne diese zusätzlich anzureichern. Ein und dieselbe Meldung kann ich heute auf Dutzenden News-Portalen lesen. Recherchiert wird, wenn überhaupt, meist recht schludrig. Wikipedia muss oftmals reichen. Klar, so eine Online-Meldung hat eine Halbwertzeit von zwei, drei Stunden, da lohnt sich viel mehr nicht. Denn dann ist schon wieder was anderes interessant. Folglich wirken die meisten Artikel fürchterlich hingerotzt, wie aus dem Textbausteinkasten zusammengesetzt. Und dafür soll ich zahlen? Wo ist denn der Mut zur Qualität?

Zumal ich dieselben Informationen auf Online-Auftritten der Tagesschau etwa weiterhin ohne zusätzliche Bezahlschranke (neben der mittelalterlich anmutenden Zwangsabgabe) bekomme. Die Einführung von Pay-Walls ist bei der derzeitigen journalistischen Qualität der News-Seiten zum Scheitern verurteilt. Spiegel-Online beispielsweise ist qualitativ meilenweit von seinem Print-Pendant entfernt und kommt eher einem Bruder im Geiste der Bild-Zeitung gleich. Allenfalls die Kolumnen der großen Sprachrohre Augstein, Fleischhauer, Lobo usw. sind dort wirklich lesenswert. Der Rest ist informelles Fastfood, lieblos hingeschmissene Happen für den konsumierenden Pöbel. Das alles bekomme anderswo genauso.

Wenn die Qualität der Inhalte stimmen würde, wäre ich auch bereit, für den entsprechenden Content einen Obolus zu entrichten. Doch im derzeitigen Zustand? Niemals! Auch wenn ich jetzt das Risiko eingehe, eine Frage in den Raum zu stellen, auf die peinlicherweise keiner antwortet: Wie seht ihr das? Würdet ihr für journalistische Inhalte auf Webseiten zahlen? Was müsste sich ändern? Und ist das Internet überhaupt schuld am Sterben der gedruckten Zeitung oder hat sich das Modell Zeitung schlicht nicht ans Hier und Jetzt angepasst und stirbt den Tod eines Dinosauriers, der vermeidbar gewesen wäre?

2 Gedanken zu “Pay-Walls – Just my two cents

  1. Die Financial Times ist eigentlich kein schlechtes Blatt - aber wie du korrekterweise sagst, wenn jede gratis Webseite im Netz dieselben Nachrichten bietet wie das Printformat, warum dann das Papier kaufen?
    Ich wage es zwar zu bezweifeln, aber dieser Umbruch wäre doch die Gelegenheit, sich mit eigens erarbeiteten Schlagzeilen aus investigativem Journalismus hervorzutun, anstatt zu gucken, was die anderen machen, und dann auch einen Artikel hervorzuwürgen.

    Antwort
    1. PhanThomas

      Beitragsautor

      Hab auch nie angezweifelt dass die Financial Times ein gutes Blatt ist. Die war nur nie das, was ich als interessant empfunden hätte. Vielleicht sogar deswegen, weil ich einen wirtschaftlichen Aspekt im Studium hatte, den ich als furzlangweilig empfand.

      Diesen investigativen Journalismus gibt es übrigens heute schon. Telepolis und Kosorten tun sich mit gut recherchierten Artikeln hervor, die allerdings vermutlich einfach nicht jedermanns Kragenweite sind. Anderen gut recherchierten Blogs wie dem Spiegelfechter dürfte es da ähnlich gehen.

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