Unterhalte mich!

Liebes Fernsehen, dein Leiden ist chronisch. Die Quoten - Leute, so denk' doch einer an die Quoten! - sinken ins Bodenlose, und die Privatsender wissen sich augenscheinlich nicht zu helfen. Was tun, wenn keiner einschaltet, um abgehalfterten C-Prominenten beim Turmspringen zuzuschauen, wenn es niemanden zu interessieren scheint, wer nun wieder für zwei, drei Wochen Deutschlands nächstes Super-Dingsbums und anschließend den Löwen des Vergessens zum Fraß vorgeworfen wird, und wenn sich den Leuten bei aller Liebe zur Musik schon beim Wort Casting der Magen umkrempelt? Klar, einfach mehr vom selben zeigen. Viel hilft viel, scheint man zumindest in den Chefetagen der Verdummungsmaschinerie namens Privatfernsehen zu denken. Vielleicht haben die Damen und Herren auch einfach inzwischen zu viel von ihrer eigenen Medizin geschluckt. Dass immer noch mehr Menschen den Tatort, diese irgendwie aus der Zeit gefallene Krimiserie, deren heiliger Vorspann staubiger daherkommt als eine Schüssel trockenes Müsli, sehen wollen, spricht nicht nur Bände, sondern vor allem dafür, dass an der Basis, dort wo die Luft nicht ganz so dünn ist wie in den oberen Stockwerken, Deutschland doch nicht ganz verblödet ist.

Liebes Fernsehen, freu dich nicht zu früh! Ich will keinen Lobgesang auf den Tatort und ähnliche Formate der Öffentlich-Rechtlichen loslassen. Zu kritisieren gibt es auch hier genug. Wenn ich beispielsweise durchs Programm zappe, dürfte die Chance, auf einem der nicht privaten Kanäle eine weitere Doku über Hitlers Helfer / Hund / Lieblingssocken zu finden, bei ungefähr 80 Prozent liegen. Daran wäre erst mal nichts auszusetzen, weiß ich doch heute mehr über die Zeit vor 1945, als ich seinerzeit im Geschichtsunterricht je hätte lernen können, dennoch wäre hier ein wenig Mut zur Themenvielfalt wünschenswert. Als hätte man das auch bei der ARD gedacht, rief man kürzlich eine Themenwoche zum Thema Sterben aus. Warum auch nicht, der Tod geht uns alle an, selbst Jopi Heesters, wie inzwischen feststeht. Doch einen solchen thematischen Stinkstiefel, ausgerechnet im ohnehin volksdepressionsverbreitenden November,  meinte ich denn nun auch nicht. Und gehören vorhersehbare Vorabend-Soaps denn tatsächlich zum gebührenfinanzierten Bildungsauftrag?

Liebes Fernsehen, du machst es mir auch nicht mehr so leicht wie früher, dich zu mögen. Weißt du noch, früher? Ich erinnere mich gut, mich mit zehn Jahren besonders früh aus dem Bett bemüht zu haben, nur um dein morgendliches und für mich damals legendär gutes Cartoon-Programm sehen zu können. Ich erinnere mich auch, heimlich länger aufgeblieben zu sein, um nach Mitternacht bei stumm geschaltetem Fernseher die Nackedeis auf Sat1 oder Vox angeschaut zu haben. Softsexfilm nannte man so etwas damals. Und dazwischenliegend konnte ich mir am Samstagabend auch mal Filme ansehen. Etwas, das mir das Internet bis heute nicht so einfach für lau bietet wie du. Doch, liebes Fernsehen, mit dem, was du mir heute stattdessen am Samstagabend auftischst, lockst du mich nicht hinterm Notebook hervor. Längst gehe ich dir dann mit dem Internet fremd.

Liebes Fernsehen, was war so schlimm am Samstagsfilm? Die Mittzwanziger und älteren unter den Lesern werden sich erinnern: Zu Zeiten, als das Twittern noch den Vögeln und Verrätern der Omerta vorbehalten war, als Handys noch am Boden festgeschraubt und von gelben Kästen mit Glasfenstern umgeben waren, da gab es ihn: den Samstagsfilm. Schön war's damals, denn ging man nicht aus, dann konnte man am Samstagabend einen Film im Fernsehen anschauen. Und anschließend, wenn der nicht allzu lang lief, noch einen weiteren, der vielleicht weniger hochkarätig, dafür aber umso charmanter war. Heute gibt es nur noch den Sonntagsfilm - oftmals teures Hollywood-Kino, das kaum jemand zu Ende schaut, wenn's mal länger dauert. In den dünnluftigen Chefetagen der Sender scheint man zu glauben, die Zielgruppe des eigenen Programms setze sich aus chronischen Hartzern zusammen. Doch selbst die tun montags sicherlich häufig vor allem eines: früh aufstehen. Da schauen die wenigsten bis in die Puppen fern. Wenigstens bei den jüngeren Zuschauern hatte man ein Einsehen: Zwar laufen auch die guten Trickfilme hirnverbrannterweise gern mal am Sonntagabend, immerhin aber zeigen die Privatsender ihren Schweinkram jetzt schon ab 22 Uhr - und das an so ziemlich jedem Tag in der Woche.

Liebes Fernsehen, wenn dein Programm am Samstagabend also inzwischen so nahrhaft und zufriedenstellend ist wie eine Apfeltasche von Mc D. bei Heißhunger, dann darfst du dich wohl nicht darüber wundern, dass von der Flimmerkiste bis zum 400-Hertz-16-zu-9-LED-Full-HD-Schlachtschiff die Geräte ausgeschaltet bleiben, weil andere Medien, namentlich das Internet, Interessanteres zu bieten haben. Und dass Menschen in urbaneren Gebieten lieber noch auf einen Sprung ins Café um die Ecke gehen, statt dem nächsten vermeintlichen Supertalent beim Scheitern zuzusehen, dürfte auch klar sein. Liebes Fernsehen, wenn du also Quote machen willst, weil die so wichtig ist für deine Relevanz, für deine Werbeeinnahmen, für deine Daseinsberechtigung schlicht und einfach, dann, bitte liebes Fernsehen, mach es doch wie früher: Unterhalte mich!

4 Gedanken zu “Unterhalte mich!

  1. Ich habe das Fernsehen als Format eigentlich mehr oder minder aufgegeben - das Internet ist das weit bessere Transporteur von Inhalten, so oder so.

    Vielleicht ist grade das das Problem mit dem Fernsehen - früher war es auch nicht besonders toll, aber damals fehlten die Alternativen, so dass es einem relativ gut vorkam.

    Antwort
    1. Das Fernsehen hat versäumt, sich daran anzupassen, dass das Internet zum Massenmedium wurde. Das wäre möglich gewesen, theoretisch ist es immer noch möglich, aber man versäumt es weiterhin. Einziger Weg kann sein, sich zu verbünden, aber das schreie ich schon seit langem wie so viele. Problem dabei: Die knöchrigen Typen, die hier was zu sagen haben, sind der Meinung, alles sei besser so, wie's ist. Drum behilft man sich wie so oft und versucht, das tote Pferd wieder flott zu machen, statt mal in den Nachbarstall zu gucken. Das jetzige Fernsehen muss ein Übergangsformat sein, eine Zwischenlösung hin zum interaktiven, zum zusammenstellbaren Programm. Das wird kommen. Muss es.

      Und früher war das Fernsehen zwar vielleicht nicht unbedingt besser, mangels Alternativen, wie du selbst richtig sagst, gab es aber nichts anderes. Das machte das Fernsehen natürlich subjektiv für alle besser. Und subjektiv für alle kommt einer objektiven Entsprechung schon ziemlich nahe. Aber das ist dann doch bereits einigermaßen philosophisch.

    2. Ich glaube nicht, dass Fernsehen komplett aussterben wird - denn viele Konsumenten sind nicht in der Lage, das Selbstbedienungs-Konzept des Internets zu benutzen und leben lieber mit fertig zusammengestellten Paketen ala Fernsehsendern.

      Ändern wird sich sicher einiges und die beiden Medien werden zusammenwachsen - aber das Grundkonzept, dass man automatisch mit weiteren Sendungen berieselt wird, ohne aktiv Inhalte suchen zu müssen, wird fortbestehen.

    3. PhanThomas

      Beitragsautor

      Die, die damit nicht klarkommen, werden über kurz oder lang in der Unterzahl sein, weil sie, salopp gesagt, wegsterben. Vielleicht muss das erst passieren, bis das Medium seinen Wandel vollziehen kann. Wie du schon andeutest, liegen Fernsehen und Internet ohnehin sehr dicht beieinander, so dass ein Zusammenwachsen nur die logische Konsequenz sein kann.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Du möchtest einen Kommentar hinterlassen, weißt aber nicht, was du schreiben sollst? Dann nutze doch den KOMMENTAROMAT! Ein Klick auf einen der Buttons unten trägt automatisch die gewählte Reaktion in das Kommentarfeld ein. Du musst nur noch die Pflichtfelder ausfüllen und den Kommentar abschicken. :)