Fünfundvierzig

Ich fahre also im Taxi durch Münster. Der eigentlich ganz kauzige aber reichlich surreal daherredende Taxifahrer könnte Grieche sein, zumindest schaut er so aus und, schlimmer, er passt auf das Klischee, das ich doch so nie anerkennen wollte, wie Arsch auf Eimer.

 

Taxifahrer: »Was willst du jetzt arbeiten? Leben ist schön! Komm, ich fahr dich nach Paris. Musst du Leben genießen!«

Ich: Brumme irgendwas davon, dass ich nun mal arbeiten muss. Kann man sich ja nicht aussuchen, auch wenn Paris jetzt nicht unbedingt mein Traumziel wäre. Alles voller Franzosen da.

Taxifahrer: »Nein, nicht viel arbeiten. Geld nur Scheine. Scheine kommen und gehen, auch in der Bank. Musst du Leben genießen. Wichtig auf der Welt sind Bücher, Blumen, gutes Essen und Liebe. Das ist was zählt, nicht Geld. Ist Lektion fürs Leben.«

Ich: Stimme grundsätzlich mal zu, abgesehen von den Blumen vielleicht. Na gut, sind im Sommer ganz hübsch, aber ich muss viel zu viel niesen von dem ganzen Grünzeugs. Ein Dach über dem Kopf hat er vergessen, finde ich, bin da aber vielleicht etwas zu konservativ eingestellt.

Taxifahrer: »Ach was, Blumen macht Leben schön. Und Bücher. Musst du viel lesen. Nicht arbeiten. Und machst du viel Liebe, dafür ist Leben da. Hast du Freundin?«

Ich: Erzähle ihm völlig perplex ob seines direkten Redeschwalls, dass ich sehr wohl eine Freundin habe.

Taxifahrer: »Das ist gut. Leben ist für Liebe da, nicht für die Arbeit. Wo wohnt Freundin?«

Ich: Berichte, dass Freundin in Stuttgart studiert, während ich in Berlin lebe.

Taxifahrer: »Ach, das ist ganz große Scheiße!«

Ich: Stimme abermals zu, merke aber an, dass Freundin nicht mehr lange in Stuttgart leben wird und zu mir zu ziehen gedenkt.

Taxifahrer: »Das ist gut. Und dann sagst du Freundin, soll nur vier Stunden arbeiten oder so, nicht mehr. Und du arbeitest vielleicht sechs Stunden, dann habt ihr Rest des Tages für euch.«

Ich: Nun ja, halte ich insgesamt für eine gute Idee, fürchte aber, dass Chef das anders sehen wird. Und wenn keine Scheine reinkommen, kann ich am Ende weder Blumen noch Bücher kaufen. Hat ja keiner was zu verschenken, hier. Liebe machen geht vielleicht gerade noch, solange man nicht mangels Essen am Ende seiner Kräfte ist und nur noch mit den Knochen klappern kann.

Taxifahrer: »Äach! Sag, was trägst du für Mantel? (deutet auf meinen leicht fusseligen schwarzen Mantel, den ich trotz Fusselei recht gern mag) Musst du dich besser anziehen. Kommst du nachher, rufst du an, wir fahren zu C&A und kaufen dir neue schöne Sachen. Schöne Sachen, und ganzer Tag sieht viel schöner aus.«

Ich: C&A? Are you serious? Sage ich natürlich nicht, murmle stattdessen irgendwas in meinen Bart.

Taxifahrer: »Wie alt bist du?«

Ich: Sieb... nein, achtundzwanzig, gebe ich zu. Mit zunehmendem Alter dauert es länger, sich an den Istzustand zu gewöhnen.

Taxifahrer: »Was, so jung noch? Bin ich ganz ehrlich und nicht böse sein, hätte ich dich auf fünfundvierzig geschätzt. Weißt du, hast zwar nicht so viele Falten wie ich, aber trotzdem. Gesamte Erscheinung fünfundvierzig.«

Ich: Fünfundvierzig. Uh! Lache im Tonfall eines scharfen Filetiermessers.

 

Schwarzer Tag, das. Wahrscheinlich die Retourkutsche des Schicksals hierfür.

11 Gedanken zu “Fünfundvierzig

  1. »Ach, das ist ganz große Scheiße!«
    Da hat er wohl recht, der Mann.

    Und mit dem Rest ... nun ja, ich hab ja immer gesagt, dein Bart macht dich zehn Jahre älter. Da siehst du mal, wie nett meine Schätzungen noch sind. 😉

    Antwort
    1. PhanThomas

      Beitragsautor

      Der hatte generell irgendwie recht. Aber nur irgendwie. Kann mir auch nicht vorstellen, dass der mit seinem Taxi nur vier Stunden herumfährt und danach das Leben bei Wein, Weib und Gesang genießt.

      Aber das mit der Schätzung ... also ... Skandal!

    2. Das mit den vier Stunden würde ich dem auch noch zutrauen. Der Wein ist dann halt billig, das Weib ... öhm, auch, und der Gesang kostenlos, sofern er der eigenen Kehle entspringt. Wenn er dann auch noch in seinem Taxi wohnt, kommt das mit den vier Stunden bestimmt hin. 😉

      Übrigens hat er mit dem Mantel auch recht. Aber ich mag den Mantel ja sehr gern. Der gehört zu dir. Liegt vielleicht daran, dass ich dich damit kennengelernt hab. :-*

    3. PhanThomas

      Beitragsautor

      Du bist ja unmöglich! 😉 Ich mag den auch, obwohl tatsächlich mal ein neuer fällig wäre. Allerdings war das Ding schon relativ früh fusselig. Und das, obwohl der so billig nicht war.

    4. PhanThomas

      Beitragsautor

      Find ich auch. Sieht ein bisschen schnodderig aus und passt doch prima zu mir. Ich bin ja auch manchmal ein bisschen schnodderig.

      Und darum halt! 😉

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