Stack-Overflow?

Stack-Overflow?Ich glaube, ich habe ein Problem. Ich kann die Welt schlicht nicht mehr ernst nehmen. Regelmäßig sitze ich da und muss in mich hineingrinsen, damit ich nicht auch äußerlich sichtbar im Kreis lache und mir der Kopf aufklappt, als sei ich ein Mülleimer. In Meetings sitze ich am Tisch und lausche den Problemen, die sich aus diesen und jenen Themen so ergeben. Da wird dann manchmal hier und manchmal da eskaliert, überhaupt schönes Wort, diese Eskalation, ab und zu gibt es Eskalationen auf die Eskalation. Geht gar nichts mehr, dann wird massiv eskaliert. Quasi verbal den Arsch voll, ja, so gehört sich das.

Und ich sitze da, höre zu, schaue, wie schön die Sonne am Fenster vorbeizieht und verstehe die Probleme nicht. Als sei alles ein großer Scherz, eine fulminante Parodie auf die eigentliche Ernsthaftigkeit des Lebens. Jeden Moment könnte ein Fernsehteam ins Zimmer gestürmt kommen, grinsend auf die versteckte Kamera deuten, und ich würde sagen: »Ha, ich hab's ja gleich gewusst!« Wenn eine wichtige Mail herumgeht, bin ich eher geneigt, darauf hinzuweisen, dass Apostrophe im Deutschen nicht der Besitzanzeige dienen, schon gar nicht der Mehrzahl. Aber ernsthaft darauf eingehen? Puh, es fällt mir schwer.

Mit dem Weltgeschehen ist es nicht anders. Wenn ich mir mal die Mühe mache, einen Beitrag zur Schuldenkrise zu Ende anzusehen oder sogar, uh, zu lesen, dann frage ich mich, welcher Klamaukautor sich diese Chose ausgedacht haben mag. Der Treppenwitz des Jahrhunderts: Da werden immer wieder zärtlich hübsche Milliardenpaketchen geschnürt und in die bedürftigen Nachbarländer gereicht, als würde sich noch irgendwas an der Situation ändern. Als könnte schon  morgen irgendwer die Fenster aufreißen, die von schlechtem Schlaf zerwühlten Kissen aufschütteln und brüllen: »Hey, die Krise ist vorbei!« Dabei ist das doch Unsinn.

Und hierzulande machen wir es ja nicht anders. Schuldenabbau bedeutet lediglich, weniger neue Schulden anzuhäufen als im Vorjahr beispielsweise. In Konjunkturzeiten fahren wir den Adam-Smith-Kurs und schmeißen die Kohle mit vollen Händen zum Fenster raus. Geht's in die Rezession, muss die Wirtschaft angekurbelt werden. Frei nach Keynes hauen wir auch dann, ganz klar, die Kohle raus. Aha. Wie soll ich Wirtschafts- und Finanzpolitik denn bitte schön ernst nehmen?

Und die Parteien überhaupt? Lobbyismus, wohin man schaut, dass mir die Galle hochkommt. Wählen gehen? Sollen die Gierschlünde sich doch selbst wählen. Wer den Hals nicht voll kriegt, bekommt anschließend auch den Arsch nicht mehr hoch. Warum sollte ich das anders machen? Auch das kann doch alles nur ein Witz sein. Ich zweifle am System, möchte auf Autodächer steigen und die Fahne der Revolution schwenken, doch dann würde man mich wegen Verfassungsfeindlichkeit wegsperren, nehme ich an. Freie Meinungsäußerung? Ein Witz!

Am Ende frage ich mich, ob meine Betrachtungsweise gesund ist oder ungesund. Rege ich mich nur so sehr auf, dass mein Aggressionspotenzial einen Stack-Overflow erlitten hat und ich nun bis zum Hals in einer Scheißegal-Haltung feststecke? Oder rege ich mich einfach gar nicht mehr auf und lache nur noch über die Leichtigkeit des Seins? Verstehe ich die Welt nicht mehr? Oder habe ich sie einfach nur durchschaut? Vielleicht ist es Zeit. Vielleicht sollte ich mich mit dem Gedanken anfreunden, dass weiße Jacken mit überlangen Ärmeln durchaus kleidsam sind. Ach.

12 Gedanken zu “Stack-Overflow?

  1. Willkommen im Club der Macht-doch-alle-was-ihr-wollt-Denker.

    Und wo du geneigt bist, andere Menschen darauf hinzuweisen, dass gewisse Satzzeichen im Deutschen nicht der Mehrzahl dienen, bin ich geneigt, dich darauf hinzuweisen, dass die Mehrzahl dieser Satzzeichen "Apostrophe" heißt. Und dass Herr Keynes von dir ein "auch" zu viel spendiert bekommen hat. Wo wir doch gerade beim Hals-nicht-vollkriegen waren. 😉

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    1. PhanThomas

      Beitragsautor

      Zwei mal auch? Ach Mensch! Die eingebaute Prüffunktion ist irgendwie nicht mal rudimentär. Bei den Apostrophen hast du natürlich recht. Ahem.

  2. hihi und ich dachte schon, man dürfe sowas nicht zugeben, wenn einem doch irgendwie alles egal ist, weil einem doch irgendwie nichts logisch vorkommt. keine meinung haben - zu was auch? hinter keiner partei zu stehen - läuft doch alles aufs selbe hinaus. für was eigentlich kämpfen? eine gratwanderung zwischen verzweiflung und hysterie. einfach lächeln, nicken muss man nicht länger. befreiend!

    Antwort
    1. PhanThomas

      Beitragsautor

      Na ja, eine Meinung habe ich schon meistens. Aber wenn ich mal keine habe, dann ist mir das doch ziemlich schnurzegal. Ich finde, man kann ruhig eine Egalhaltung haben, solange man zu dem steht, was man denkt. Die Welt ist eben eine große Parodie auf sich selbst.

      Übrigens weiß ich seit letztem Wochenende endlich, wer Gretchen Ross ist. Hab's endlich geschafft, Donnie Darko mal zu gucken. 😉

    2. ich weiß manchmal nicht, was ich meinen soll. will. und was ich überhaupt von allem halten soll. wenn man nicht ganz genau bescheid weiß, sollte man sowieso nichts sagen.
      oh und wie gefiel der film?? jaja die gretchen, schon eine liebe 😀

    3. PhanThomas

      Beitragsautor

      Komischer Film. Ich fand den richtig gut irgendwie, aber die Geschichte über Tangentenuniversen usw. ist schon sehr gewöhnungsbedürftig. Ich glaube auch, das ist einer von diesen Filmen, bei denen sich keiner zu sagen traut, dass er ihn beschissen fand oder so. Also wie gesagt, ich fand den durchweg sehenswert. Tolle Besetzung und klasse erzählt.

  3. Mir geht's mit großen Firmen ähnlich - seit ich gesehen habe, wie es bei vielen Unternehmen zugeht, habe ich jeden Respekt vor diesen einst so beeindruckenden Institutionen verloren.

    Antwort
    1. PhanThomas

      Beitragsautor

      Diesen Respekt hab ich schon während des Studiums verloren. Als Berufsakademiestudent hat man ja schon von Anfang an so einen Brocken von Firma im Rücken (oder im Kreuz eben). Ich habe großen Respekt vor dem Unternehmertum und vor denen, die aus nichts viel aufbauen. Vor diesen großen Molochen, deren Verwaltung nur zum Selbstzweck zu existieren scheint, habe ich aber auch keine Achtung.

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