#aufbläh

Darf ich ehrlich sein? Diese Sexismusdebatte ist ungeheuer überzogen und aufgesetzt. Geben Themen wie Problem-Peer und Flughafendebakel nicht mehr genug her, so dass wieder einmal die Opfergruppensau durchs Dorf gejagt werden muss? Ich habe gestern Abend versucht, fernzusehen, doch das war kaum möglich, weil kein verdammter Sender drum herum kam, auf den dampfenden Heuchelzug aufzuspringen. Tschut tschut, auf ins Heuchelland, wo sich jeder aufregt und die Titten wie riesige Augen von gigantischen Werbeplakaten in die Fußgängerzone hineinglotzen! Solange Sex ein boomendes Geschäft ist, das vor allem Frauen zur Ware erklärt, und das ist schon seit Urzeiten so, kann doch niemand ernsthaft glauben, eine Debatte über Sexismus im Alltag könne Früchte tragen. Wie soll denn das gehen, wenn im Fernsehen fleißig diskutiert und gestritten wird, während sich draußen auf der Kurfürstenstraße oder sonstwo die Bordsteinschwalben die Füße platt stehen, um den sexuell frustrierten Herrn im Feierabend um ein paar Euro und andere Dinge zu erleichtern. Wenn an einer Ecke die Erniedrigung unter dem Götzen des schnöden Mammon vorgelebt wird, kann an der anderen die Gleichstellung nicht Fahrt aufnehmen.

Das hier soll kein Antiaufschrei sein, keine Verweigerung einer generellen Debatte. Doch sie wird in einer Gesellschaft geführt, der eine Parallelgesellschaft gegenübersteht, die sexistisch bis ins Mark ist, weil sie davon lebt, den Menschen (zumeist die Frau) zur Ware, zum Objekt zu erklären. Außerdem: Wenn in den deutschen Talkrunden, bei Twitter und Co. von ach so bösen Männlein mit noch viel böseren Anmachen und Belästigung am Arbeitsplatz die Rede ist, dann fühle ich mich als dem Geschlecht zugehöriger Proband doch ein wenig generalisiert - schlimmer noch, unter Generalverdacht gestellt.

Und dabei wollte doch der Rainer Brüderle bloß Spitzenkandidat einer unbedeutenden Sonnenscheinpartei sein. Kaum ist das so, wittert der Stern die Chance auf eine hohe Auflage und schickt Frau Himmelreich ins Feld, die Skandalöses zu berichten weiß, das sich so oder so ähnlich vor einem Jahr zugetragen haben mag. Soweit, so gut. Vielleicht hat Brüderle sich einen doofen Scherz erlaubt, schon möglich. Bisher hüllt er sich in Schweigen und das ist taktisch ungeschickt, bietet er so doch eine möglichst breite Angriffsfläche. Sollte man wenigstens meinen.

Denn zumindest in meiner Wahrnehmung schadet die aktuelle Debatte weder ihm noch seiner Partei. Helmut Schmidt zitierte einst aus der Mao-Bibel, dass man die Dinge stets von allen Seiten betrachten sollte. Bisher ist die Berichterstattung höchst einseitig, was natürlich an Brüderles Schweigen liegen mag, aber gerade diese Einseitigkeit nervt doch gewaltig und bringt dem Stern sowie Frau Himmelreich einiges an Unsympathie ein, während Brüderle allmählich selbst in die Opferrolle zu rutschen scheint. Am Ende bringt genau die Geschichte der FDP die für den Wiedereinzug in den Bundestag nötigen Prozentpünktchen, wetten? Und bis dahin brennt dann auch die nächste Hexe medial inszeniert auf dem Scheiterhaufen. Ach.

 

Update: Ergänzend ließe sich übrigens an anderer Stelle nachlesen, weshalb ein wenig Differenzierung nicht schaden kann und außerdem bringt der von mir eher weniger gemochte Jan Fleischhauer in seiner Kolumne die Sache derart auf den Punkt, dass dem so nichts mehr hinzuzufügen ist.

13 Gedanken zu “#aufbläh

  1. Die Debatte in den Medien finde ich auch mehr als übertrieben, aber deine Meinung zu dem Thema an sich find ich ein bisschen bedenklich.

    Du sagst, dass du dich als Mann nicht generalisieren lassen willst. Aber warum kann sich denn so eine Debatte über Sexismus in einer Gesellschaft nicht durchsetzen, in der Sex so ein boomendes Geschäft ist? - Doch nur, weil Mann alle Frauen über einen Kamm schert und meint, wenn er sich bei einer Frau an der Straßenecke ein bisschen Fummelei für ein paar Euro kaufen kann, so müsse doch auch jede andere Frau an jeder anderen Straßen(oder Büro-)ecke dafür offen sein. Mann macht da keinen Unterschied zwischen den Frauen, die damit ihren Lebensunterhalt verdienen, und dem Rest, der wohl deutlich in der Mehrheit sein dürfte.
    Und "Hab dich nicht so, war doch nur Spaß" ist weder eine akzeptable Entschuldigung noch eine Erklärung dafür, wie Mann darauf kommt, sich so einen "Spaß" überhaupt einfach so erlauben zu dürfen.

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  2. PhanThomas

    Beitragsautor

    Nee, anders. Die Debatte dreht sich ja eher um Sexismus im alltäglichen Leben. Eben im Büro beispielsweise, wenn der Chef seiner Sekretärin gegenüber zweideutige Bemerkungen macht. Oder wenn er verlangt, bzw. gern sähe, dass sie hochhackige Schuhe trägt. Dass das so nicht sein soll, ist legitim und da gehe ich auch völlig mit.

    Aber meiner Ansicht nach setzt die Debatte an einer falschen Stelle an. Man beginnt so mittendrin, statt dem grundsätzlichen Problem nachzugehen, dass Menschen bereits mit Sex sozialisiert werden. Das ist jetzt kein Bekenntnis zur Prüderie, aber die Wurzel des ganzen Übels fußt nicht in der Chefetage, sondern in der Welt da draußen.

    Ganz abgesehen davon sollte man die Kirche im Dorf lassen und das wird oftmals nicht getan. Was früher als schmutziger Witz bekichert wurde, wird heute zum Sexismus hochgejazzt. Damit will ich nicht verharmlosen, dass es ein Problem gibt, nur fehlt mir erstens die Ursachenforschung und zweitens ist mir zu viel Übertreibung drin. Es ist eben alles wie immer: Es ist medial in Szene gesetzt.

    Antwort
    1. PhanThomas

      Beitragsautor

      Die Dinge tatsächlich von allen Seiten betrachten. Das wäre doch ein Anfang und ergäbe eine deutlich reichhaltigere Diskussion.

    2. Von welchen Seiten willst du das denn noch betrachten? Das bringt dann vielleicht noch ein bisschen mehr Diskussionsstoff (der im Kern derselbe wäre), aber auch keine Lösung. Und da Mann bekanntlich sowieso nicht gern diskutiert, hat der zusätzliche Diskussionsstoff auch keinen Mehrwert.

    3. PhanThomas

      Beitragsautor

      Von der Herangehensweise her braucht man natürlich gar nicht zu debattieren. So geht das auch, stimmt. 🙂

      Aber wenn, dann eben bitte weniger einseitig. Das ist gerade wieder genauso ein Unsinn wie der, der jedesmal zu Gewalt in Computerspielen stattfindet, wenn das Thema mal wieder in Mode gekommen ist. Alles hackt auf einem Fakt herum, ohne mal über den Tellerrand zu schauen und man merkt, dass es sich nur um eine Luftnummer handelt. Die wahren und wirklich relevanten Diskussionen, die etwas verändern, das glaube ich, finden sowieso niemals in der Öffentlichkeit statt.

    4. PhanThomas

      Beitragsautor

      Davon abgesehen hier bitte keine militanten Infozettelverteilaktionen. Mein Blog ist keine Litfaßsäule. Das ganze Thema hatte mit Sexismus an sich sowieso wenig zu tun. Solche Zettelchen zeigen nur, dass das eigentliche Problem immer noch nicht verstanden wurde.

  3. was mich dabei vor allem ankotzt (lustig, anscheinend scheint dieses thema gerade generell "in" zu sein im deutschsprachigen medienraum), ist die opferrolle, die den frauen dabei schon wieder zugespielt wird. mir kommt das ein wenig "och, das arme fraulein kann sich nicht wehren"-mäßig rüber, dabei leben wir doch nicht mehr im mittelalter?! ein bisschen aufschreien, vielleicht?

    ich finde sex ist noch immer viel zu wenig thema der öffentlichkeit und sollte es aber unbedingt sein. mich kotzt diese vorgeheuchelte prüderie der gesellschaft an und wenn man ein wenig lockerer damit umgehen würde, könnte sich vielleicht so manche problematik im zusammenhang mit der eigenen sexualität und den verqueren expressionen des unbewussten dabei in staub auflösen.
    let´s face it: jeder tuts, jeder tuts gern, aber warum die fakten so blumig und einseitig verpacken?

    naja das war jetzt mein nicht qualifizierter beitrag zu dem thema 😀

    mit freundlichen grüßen
    your personal Auslandskorrespondentin C

    Antwort
    1. Es geht ja dabei eigentlich eher um Diskriminierung. Die ist schon verkehrt, das sehe ich auch ein. Was aber den Umgang mit Sexuellem insgesamt angeht, hast du recht. Dass der moderne Mensch hierzulande nicht akzeptieren kann, dass Mann und Frau nun mal nicht ein und dasselbe sind, will mir nicht so recht in den Kopf. Vielleicht liegt das wirklich an dem prüden Umgang mit dem Thema auf der einen und der obszönen Darstellung auf der anderen Seite.

    2. Es geht ja nicht darum, ob sich Frau gegen so was wehren kann/sollte oder nicht. Frau sollte sich gar nicht gegen so was wehren MÜSSEN. Das ist der Punkt.
      Wenn du den betroffenen Frauen sagst "Och, dann wehr dich halt einfach dagegen", heißt das im Umkehrschluss: Wenn Frau sich nicht wehrt, ist es für den Mann völlig legitim, sich so zu verhalten. Und das ist es eben nicht.

    3. PhanThomas

      Beitragsautor

      Da gebe ich dir recht. Es sollte nichts zum Wehren geben. Ist leider nicht so und das ist ein Problem. Aber wenn man die Diskussion ein wenig verfolgt, dann muss man feststellen, dass sie recht schnell ins Absurde abgedriftet ist. Was jetzt alles mit dem Schreiwort "Sexismus" plakatiert wird, darauf wäre ich im Leben nicht gekommen!

      Ist ein wenig wie mit der Abänderung bei den Kinderbüchern. Schießt auch übers Ziel hinaus, aber wenigstens lässt der gesunde Menschenverstand hier zu, dass kein großer Aufreger draus wird.

      Mir ging es ja um den ganzen Diskurs. Und in der Kolumne vom Fleischhauer wird das, was ich meine, prima auf den Punkt gebracht (der kriegt ja auch Geld fürs Schreiben, ahem): Die ganze Debatte ist erfunden.

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