Aufregung erlaubt

Unerhört, was der Herr Thierse sich erlaubt! Schimpft über die ordentlichen Schwaben, die im unordentlichen Berlin mit ihrem ordentlichen Geld für mehr Ordnung auf den Straßen und in den Karten der Szene-Cafés sorgen. Was haben die Leute nur gegen Latte macchiato? Demnächst geht er noch gegen die Prenzlberg-Mütter vor, also wirklich! Hat der Mann denn über den Jahreswechsel nichts besseres zu tun? Könnte mir ja nicht passieren. Ich meine, klar, würde der Bäcker um die Ecke statt Schrippen plötzlich Wecken verkaufen, dann müsste ich ihn natürlich boykottieren. Das geht nun mal nicht. Demnächst werden in Berlin noch die Pfannkuchen als Berliner verkauft. Als würde man sich selbst essen! Ekelhaft!

Aber im Ernst: Hat die Welt nichts besseres zu tun, als sich über Wolfgang Thierse aufzuregen, der sich über die Schwaben im Prenzlauer Berg aufregt? Sich über Zustände, die einem nicht gefallen, aufzuregen, nun, das sollte doch jedermanns Recht in diesem Land sein. Jemanden verbal zu steinigen, der öffentlich seine Meinung äußert - im Übrigen hat Thierse nichts Schlimmes gesagt - ist nicht nur scheußlich deutsch, es ist auch ein bisschen faschistoid. Und so was sollte nun wirklich nicht typisch deutsch sein. Dass jetzt alles so hochkocht, zeigt doch auch nur, dass hier eine Debatte geführt werden möchte, die bisher nicht genug Gehör gefunden hat: die zunehmende Aufwertung deutscher Großstädte mit der einhergehenden Vertreibung alteingesessener Bewohner, die sich steigende Mieten im Kiez nicht mehr leisten können oder wollen und denen die ständige Veränderung auf den Magen schlägt. Schwaben sind an dieser Stelle nur ein Sinnbild für ein Problem, das eher ein Prozess ist, aus reiner Bequemlichkeit heraus jedoch gern zum Problem erhoben wird. So kann man ja auch viel besser drüber schimpfen.

Auch mich stören solche Veränderungen. Noch immer finde ich beispielsweise, dass Wohnhäuser nicht aussehen sollten wie riesige, klotzige Eisbecher oder Milchkaffees. Auch sollten die wenigen Menschen da oben, die noch menschlich denken können, sich daran erinnern, dass Wohnungen in Städten zum Wohnen da sind, statt sie als aufgeplusterte Spekulationsobjekte zu sehen, deren Investitionen man über rapide gesteigerte Mieten schnell wieder in bare Münze umwandeln kann. Auch ich finde es albern bis ziemlich bescheuert, wenn ich im Prenzlberg aus der U-Bahn steige und das erste, was ich sehe, ist eine Bio-Curry-Wurst-Bude. Das alles ist nun mal so, das weiß ich selbst, dennoch regt es mich auf. Und wenn ich mir eine Sache auch anno 2013 nicht verbieten lassen möchte, dann ist das zünftiges Aufregen über Dinge, die ich nicht ändern kann, die mir aber trotzdem auf den Keks gehen.

Und schlimmer noch, als sich über Dinge aufzuregen, ist sowieso, sich über Leute aufzuregen, die sich aufregen. Für Leute, die sich über Leute aufregen, die sich über Leute aufregen, die sich über Dinge aufregen, gilt das freilich nicht.

Frohes neues Jahr!

2 Gedanken zu “Aufregung erlaubt

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