Dachdecken vs. Projektmanagement – Reloaded!

project ongoing ...Nehmen wir das Haus gegenüber. Okay, das sehe gerade nur ich, aber es ist halt ein großes Haus mit großem Ziegeldach. Dieses Dach wurde vor ein paar Monaten neu gedeckt. Es gab also ein abgedecktes Dach, zu dem dann die Dachdecker kamen. Der Dachdecker meiner Wahl, nennen wir ihn schlicht Knut, blickte vermutlich hoch und dachte so was wie: Puh, ein großes Dach, viel zu tun. Fangen wir mal an.

Knut und seine Dachdeckerkollegen begannen - was man als Dachdecker eben so tut - das Dach zu decken. Man konnte dabei zuschauen, wie Tag für Tag weitere Teiles des Daches neu gedeckt wurden. Und irgendwann war es einfach ... fertig. Knut, der dachte sich womöglich so was wie: Wow, das war ganz schön viel Dach. Und weil wir ja durchaus vorurteilsbehaftet sind, dachte er ferner: Jetzt erst mal ein schönes Pils.

Übertragen wir dieses einfache Beispiel des Dachdeckens nun mal auf ein typisches Projekt, durchgeführt auf Basis herkömmlichen Projektmanagements. Wir starten wieder beim abgedeckten Dach, dem eine rege Vorverkaufsphase mit allerlei vielversprechenden Angeboten an Ziegeln und Arbeitern vorausging. Intelligente, wasserabweisende Ziegel wurden da zugesagt, die Dachdecker allesamt natürlich abgewichste Profis vom Fach. Das Dach decke sich wie von selbst, sagte der Vertriebschef. Zehn Tage Arbeit, mit Festigkeitstest maximal zwölf. Ein feuchter Handschlag, und das Dilemma nahm seinen Lauf ...

Morgens rücken also jetzt die Dachdecker an, eine ganze Kolonne gleich, angeführt von einem wild gestikulierenden Herrn mit besonders opulentem Helm. Wir wissen nicht, was er erzählt, denn wir sehen ihn nur und hören nichts, aber das Gestikulieren, das hat er drauf, der Herr mit dem schönen Helm. Außerdem hat er einen Satz Pläne dabei, schwingt einen langen Zollstock und ist überdies frisch rasiert.

Stunden später sind aus der Kolonne kleine Menschentrauben geworden, die herumstehen und sich eifrig unterhalten. Einige zeigen aufs Dach, andere zucken mit den Schultern, hier und da steht einer abseits und raucht. Der Herr mit dem chicen Helm hastet von Traube zu Traube und koordiniert. Sehr engagiert tut er das. Schließlich dann ist der Feierabend da. Die Trauben lösen sich auf, verlassen den Ort des Geschehens mit viel Detailwissen und genießen ihre Freizeit. Ins sporadisch abgedeckte Gebäude regnet es hinein.

Spulen wir ein wenig vor: Ein paar Tage später ist aus der morgens anrückenden Kolonne ein kleiner Tross übrig gebliebener Dachdeckerschergen geworden, der missmutig zum Bau schlurft. Missmutig, weil es einfach nicht vorwärts geht. Der Herr mit dem chicen Helm ist noch da, hat nun aber eine Riege aus weiteren Herren mit fast genauso hübschen Helmen um sich geschart, die (be)raten und viel kosten, weshalb jetzt weniger Dachdecker übrig sind. Die beratenden Helmträger gestikulieren wild und koordinieren vor allem ihr Gestikulieren und ihre Koordination. Sie schwingen Pläne, fuchteln mit Zollstöcken und gehen dabei ausgesprochen tüchtig vor. Der Auftraggeber kommt vorbei, sieht das und denkt: Es tut sich was auf dem Bau. Die wenigen verbliebenen Arbeiter schauen sich derweil fragend an und tun halt irgendwas. Hier und da steht einer abseits und raucht. Tag für Tag. Ins sporadisch abgedeckte Gebäude regnet es hinein.

Wir spulen weiter vor: Die Herren mit den schönen Helmen geben sich die Klinke in die Hand. Immer neue Gesichter kreuzen auf, während die wenigen Arbeiter aus lauter Frustration schon ziemlich krumm gehen, weil die Herren mit den tollen Helmen auf ihre Schultern springen von dort aus mit Zollstöcken gegeneinander fechten. Die Dachdecker möchten doch nur ein Dach decken, aber bis auf ein paar Ziegel hier und da hat sich nichts getan. Erste Arbeiter überlegen, das Handtuch zu werfen und künftig in Irland Schafe zu hüten. Das Feld der Arbeiter dünnt aus, Arbeitskräfte werden durch externe Spezialisten ersetzt, die teurere Zigaretten mitbringen, während der Wasserkopf aus koordinierenden Helmträgern wächst. Einige stehen abseits und rauchen. Ins sporadisch abgedeckte Gebäude regnet es hinein.

Ein Jahr später. Das Dach des Gebäudes ist noch immer abgedeckt. Es gab inzwischen Experimente mit andersfarbigen und teuren Ziegeln, aber bis auf einige gewagte Ansätze hier und da hat sich nichts getan. Das Dach sähe aus wie das Äquivalent eines gerupften Papageis, hätte die Dachdeckerfirma nicht inzwischen eine große Plane über den Tatort geworfen, die das Schlimmste kaschiert, das Gebäude ja auch irgendwie abdeckt und damit den Zweck eines Dachs im Wesentlichen erfüllt. Der Auftragnehmer guckt zwar skeptisch, unterschreibt aber schließlich zähneknirschend eine Abnahme mit Mängeln. Das Projekt ist damit im Prinzip beendet. Kleinere Nacharbeiten bleiben, aber der Account-Manager verspricht, die seien im Handumdrehen beseitigt. Die Herren mit den hübschen Helmen strahlen derweil zufrieden und werden befördert. Künftig werden sie wohl noch wunderbarere Helme tragen und goldene Zollstöcke schwingen. In das von Zigarettenkippen umgebene Gebäude regnet es hinein.

6 Gedanken zu “Dachdecken vs. Projektmanagement – Reloaded!

    1. PhanThomas

      Beitragsautor

      Weil's kein neuer Text ist. 😉 Ich hatte ursprünglich auch mal einen Hinweis dran, hatte dann aber 'nen Fehler im Feed und dachte, es läge an einem falschen Zeichen. Ich füg's wieder hinzu.

  1. Dennis

    Hallo Thomas, interessanter Artikel! Allerdings muss ich raten: Die Moral der Geschichte bedeutet, umso weniger du für das Projekt tust, umso mehr springt für dich raus? Ist das die Vorstellung von Projektmanagement die die kluft zwischen Arm und Reich immer größer werden lässt? Ich wollte mir aus deinem Artikel eigentlich etwas Motivation für mein internes Prozessmanagement holen, allerdings überlege ich mir jetzt ob ich's wirklich mache oder nicht 😉

    LG, Dennis

    Antwort
    1. PhanThomas

      Beitragsautor

      Hallo Dennis. Die Moral, so man denn davon sprechen kann, lautet, dass Projekte gegen den Baum gehen, wenn sich ein großer Wasserkopf an Leuten herausbildet, der theoretisch weiß, dass auf ein Dach Ziegel gehören, ohne jemals selbst einen Dachziegel in der Hand gehabt zu haben. Wenn mehr Planer im Boot sind als Leute, die anpacken, dann kommt eben so was heraus.

    2. Dennis

      Hallo Thomas, das klingt plausibel! Und das ist auch Realität, denn ich merke es selber immer wieder das es immer mehr "Theoretiker" als Fachleute gibt.
      LG, Dennis

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