Nicht zu Hause

Irgendwo im Hotel bei Münster, zwischen Kuhweide und gefrorenem Acker. Es ist 7.30, der Wecker geht, und ich schieße panisch aus dem Bett, nicht wissend, wo ich bin und weshalb mein beherzter Griff nach dem Wecker ins Leere ging. Klar, ich bin ja gar nicht zu Hause. Nach knapp fünfzehn Minuten sind die Zähne geputzt, ist dieses scheußliche Klebeschleimzeug aus den Augen gewischt, und ich bin angezogen. Irgendwie in diese Klamotten geworfen, die mich aussehen lassen würden, als wäre ich auf dem Weg zu meiner eigenen Jugendweihe, hätte ich nicht inzwischen fast 30 Jahre auf dem Buckel, die man mir wohl auch ansieht.

Und dann raus aus dem Gebäude, es sind gefühlte minus sechzig Grad, über den gepflasterten Hof, rein in dieses kleine Häuschen, aus dem gelbliches Licht strömt, und in dem das Frühstück serviert wird.

Im Essbereich sitzen einige in Schale geworfene Männer vor ihren Tellern. Keine Frauen, nur Männer. Sie kauen an Brötchen mit Marmelade, trinken Kaffee. Schweigen. Hin und wieder räuspert sich jemand, ein anderer blättert die Zeitung um. Schweigen. Die einzigen Geräusche hier, abgesehen vom Klimpern der Teller in der Hotelküche. Ich sitze, noch schlafverkatert, vor meinem Teller, futtere mein Lachsbrötchen und das Rührei, trinke ein paar Tassen Kaffee und versuche, diese Kälte abzuschütteln, die mir noch in den Knochen steckt.

Und ich weiß, ich will hier nicht sein. Wo das Frühstück in Urlaubshotels ein buntes Durcheinander bei hundertzwanzig Dezibel ist, findet hier gefühlt eine Trauerfeier statt. Nur ohne Musikuntermalung. Grabesstille, so unerträglich, dass ich schreien will.

Unweigerlich frage ich mich, wie Leute das jeden Tag aushalten können. Zu Hause fast nur am Wochenende, sonst immer unterwegs, in Hotels zwischen Kuhweide und gefrorenem Acker. Oder in der Fußgängerzone. Und jeden Morgen diese Stimmung. Und ich weiß: Nee, das ist nichts für mich. Macht mal weiter ohne mich. Und so haue ich morgen beim Weckerausschalten nicht mehr ins Leere.

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