Kommt ein Zug pünktlich in den Bahnhof …

Ich habe gerade mit zitternden Fingern zwei Fahrgastrechte-Formulare der Deutschen Bahn ausgefüllt und wurde dabei unweigerlich von dem Gefühl heimgesucht, zehn Jahre in die Vergangenheit gereist zu sein, um meine Steuererklärung mit Zettel und Stift zu erledigen und den Brief anschließend dem Postkutscher zu übergeben. Völlig unsinnig aufgebaute Formulare mit Verspätungsgründen, die gar nicht zutreffen, genaue Angaben der Zugnummern, obwohl die auf den mitzusendenden Tickets stehen, geplante und reale Ankunftszeiten und und und. Meine Hand wollte den Stift fallen lassen, akute Phantomschmerzen in Gliedmaßen, die ich nie besessen habe, setzten ein, der Drang, jemanden zu töten, der den DB-Aufdruck trägt, manifestierte sich für eine Sekunde oder zwei.

Natürlich will die Bahn nicht, dass ich solche Formulare ausfülle, schließlich könnte ich Geld zurückbekommen. Uh! Natürlich sind diese Zettel deswegen so unappetitlich gestaltet. Wundert mich eigentlich, dass der Fernstreckenmonopolist sich auf zwei auszufüllende Seiten beschränkt hat, statt einen ganzen Fragebogen beizulegen. Ach, die Papierkosten wahrscheinlich, die man stattdessen lieber darauf verwendet, bei der Wartung der Züge zu sparen. Äh, Moment mal ... Richtig, aber dazu komme ich gleich. Habe ich erwähnt, dass ich zwei solcher Pamphlete ausgefüllt habe? Nun gut.

Jetzt also die Verspätungen und so: Es war ein kalter Wintertag. Ja okay, es war wirklich verdammt kalt. Nicht kalt genug aber, um die Berliner S-Bahnen in die Knie zu zwingen, und das will was heißen! Dafür aber die schneidigen ICEs der Deutschen Bahn, wie ich feststellen sollte. Mein Zug von Berlin nach Köln tat also Folgendes: Nichts. Richtig, gar nichts! Denn der verreckte auf halber Strecke. Statt das aber so zu sagen, wurde eine zehnminütige Verspätung angekündigt. Daraus wurden zwanzig, dann dreißig, dann vierzig. Als sich die Salamitaktik nicht länger fortsetzen ließ und mein Fuß vom Tritt gegen den Snackautomaten schon ziemlich schmerzte, ließ die Bahn folgende Durchsage ertönen.

Wo ist jetzt die Durchsage, mag der Leser sich fragen? Ganz genau! Der in Hamm zu trennende ICE hielt still und leise am Gleis gegenüber, allerdings mit dem eleganten Kniff, dass mein Zugteil gar nicht dabei war. Unterwegs verreckt, das kann man schon mal totschweigen. Merkt doch keiner.

Gut, bis zum nächsten Zug nach Köln sind es eh nur noch zwanzig Minuten, dachte ich. Die warte ich jetzt und nehme dann den. Dass ich vier Euro für die Reservierung eines Platzes ausgegeben hatte, den mir nun nicht mal mehr jemand wegnehmen konnte, weil  der ganze verdammte Zug irgendwo unterwegs krepiert war - sei's drum. Wäre auch nur ein Döner mit Wechselgeld gewesen.

Der nächste Zug in Richtung Köln kam unverschämt pünktlich. Das konnte kein gutes Omen sein, denn ich erkenne ein schlechtes, wenn ich eins sehe. Aber erst mal auf in den erstbesten Waggon zum freudigen Stehen in der stählernen Sardinendose. Erste Klasse freigeben? Aber nicht doch! Da kommen einem ganz fürchterliche Assoziationen von Deportationen und dergleichen, aber lassen wir das. Die Bahn macht mobil? Mag sein, meine Beinfreiheit jedenfalls sah das anders.

Hinter Hannover dann - ich sprach bereits von derlei Omen - der erste Halt. Kleines technisches Problem, sagte man durch. Nun ja, lieber ICE, so erging es deinem Vorgänger auch anfangs. Doch oh Wunder, oh Wunder, irgendwann ging es wortlos weiter. Kurz vor Hamm dann der (Achtung, Wortwitz voraus!) Hammer: Liebe Idioten mit überteuerten Fahrkarten und verfallenen Sitzplatzreservierungen: Unser Zug kann heute in Hamm nicht getrennt werden. Warum das so ist, geht Sie einen feuchten Dreck an, aber wir haben eine gute Nachricht: Es geht weiter bis Düsseldorf für Sie, wo es auch schön ist, selbst wenn die da keinen Dom haben und Alt statt Kölsch saufen. Ist doch eh alles dasselbe. (Anm.: Wortlaut der Dramaturgie halber leicht geändert.)

Lange Rede, kurzer Sinn: Ich kam an mein Ziel. Hurra! Über Dortmund nämlich, schaffte ich es, einen Zug zu erreichen, der mich nicht nur bis Köln, sondern sogar bis Bonn brachte, wo ich eigentlich hin wollte. Das ist doch Service!

So, und jetzt du, liebe Bahn! Ich weiß, du bist ein Staatskonzern und damit Angelas Liebling, und ich weiß auch, dass du auf einem Streckennetz sitzt, das du nur ungern an deine Pseudomitbewerber abgibst. Schon gar nicht auf der Fernstrecke, obwohl das jetzt, glaubt man den Legenden, möglich sein soll. Du bist ein Monopolist, und nun liegen meine letzten BWL- und VWL-Vorlesungen schon etwas zurück, aber ich habe in Erinnerung behalten, dass Monopolisten sich grundsätzlich aufführen wie Arschlöcher. Das heißt für dich, liebe Bahn, und im Volk weiß man es eh, dass du deine Züge nur mit dem halben Hintern wartest, weil es dir Geld spart und du dank Monopolstellung sowieso nicht für Qualität deiner Leistung bürgen musst. Die ständigen Ausfälle deiner Züge nimmst du schulterzuckend hin, die persönlichen Ärgernisse und kleinen Schicksale der zahlenden Kunden (Das ist das Vieh, das du herumkutschierst.) sind dir natürlich wurscht. Dein schlechter Ruf bis über die Grenzen hinaus wohl auch. Ausfallzeiten werden am Jahresende in der Statistik schöngerechnet, dann werden die Preise wegen steigender Energiekosten (woran deine kleinen Brüder, die Oligopolisten aus der Energiebranche schuld sind) deftig erhöht - oft auch die für die niemals ersetzten Reservierungen. Warum das eigentlich? Auch wegen des Stroms? Weil man als dein Fahrgast unter selbigem steht? Und schon folgt ein neues schönes Jahr mit wenigstens 365 Tagen voller kleiner Geschichten wie der meinen hier. Ist dir schnuppe? Okay, ich wollte es auch nur mal gesagt haben. Einen Vorschlag zur Güte hätte ich aber für dich: Deine Vorstände, du weißt schon, die mit der üppigen Vergütung und so, die sollten dazu verdonnert werden, nur noch mit dir reisen zu dürfen, statt in chicen Limousinen. Meinst du nicht auch, das würde die Welt ein klein wenig besser machen? Ich glaube schon.

15 Gedanken zu “Kommt ein Zug pünktlich in den Bahnhof …

  1. steppi

    warum schaffen wir die bahn nicht ganz einfach ab, mit dem güterverkehr der sich jetzt auf den autobahnen bewegt hats doch auch geklappt; und aus den schienen bauen wir riesige achterbahnen in vergnügungsparks, denn in einer solchen hab ich noch keine verspätung erlebt...

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    1. PhanThomas

      Beitragsautor

      In den Parks müssen die Bahnen sich auch niemals überholen, unterwegs nicht anhalten und sie kreuzen sich (gottseidank) auch nicht.

      Und Güterzüge gibt es auch noch mehr als genug.

  2. Alles sehr richtig beobachtet - aber die falschen Schlüsse gezogen. Umgekehrt wird nämlich ein Schuh draus! Bergab geht es mit der bahn erst, seit ein paar börsengeile BWLer der Meinung waren, die Bahn auf einen "betriebswirtschaftlichen" Kurs zu bringen und börsenfähig zu machen. Solange die vielgescholtenen Staatsdiener (=Beamten) noch das sagen hatten, lief das ganz erheblich besser ... sogar bei der Berliner S-Bahn.
    😉

    Antwort
    1. PhanThomas

      Beitragsautor

      Falscher Ansatz. Alles verstaatlichen hatten wir schon mal. Hat nicht geklappt. Die Bahn hat ein massives Qualitätsproblem, verlangt aber Preise auf Premiumniveau. Das passt nicht zusammen, so was ließe sich aber lösen. In anderen Ländern geht es ja auch. Man sollte vielleicht einfach keine teuren Milliardenbahnhöfe bauen, nur weil irgendein Bahnmanager seinen zu kleinen Penis kompensieren will.

  3. Bin der der selben Meinung wie Keks vorhin. Man bekommt den Eindruck, Sie sind der Lohnschreiber gewisser Kreise, welche alle öffentlichen Einrichtungen kapput reden will. Um dann selbst mit Privatisierungen Reibach zu machen - siehe das Beispiel British Rail unter M. Thatcher! Wo die Bahn vor Jahren filetiert und an einzelne Gesellschaften verscherbelt wurde. Diese erwirtschafteten schnelle Gewinne unter Vernachlässigung der Sicherheit. Nach Jahren des Niedergangs wurde dort zurück gerudert und Papa Staat mußte wieder tief in die Tasche greifen. Das ist halt so mit Privatisierungen. Und nun wollen gewisse Kreise schon das Wasser privatisieren. Deren Lobbies waren schon in Brüssel vorstellig. Man kennt die Vorgangsweise.

    Gebe Ihnen recht, dass im Bahnmanagement große Fehler geschehen. Man müsste seitens der Politik denen auf die Finger schauen. Und bei deren Gehältern viel mehr persönliche Verantwortung einfordern. Aber wir brauchen die Bahn als gemeinwirtschaftliches Unternehmen. Sie soll nicht zum Spielball von börsennotierten Konzerne werden, welche nur ihre Gewinne im Auge behalten.

    Antwort
    1. PhanThomas

      Beitragsautor

      So war's nicht gemeint. Das Kind ist nun mal schon in den Brunnen gefallen, d.h., die Bahn kein eigentlicher Staatskonzern mehr (wenn auch zu 100 Prozent in dessen Besitz). Ein privatisiertes Unternehmen in öffentliche Hand zurückzugeben würde das Unternehmen erst mal nicht effizienter machen - im Gegenteil. Und für die Mehrkosten durch Ineffizienz muss dann der Steuerzahler gradestehen. Was der Bahn jetzt fehlt, ist anständige Konkurrenz, die sie insofern in Zugzwang (haha) bringt, als dass sie den Service verbessern muss, um keine Kundschaft zu verlieren. Davor muss sie sich im Moment nicht fürchten, also schlampt sie beispielsweise bei den Zugwartungen.

      Ansonsten habe ich nichts gegen Betriebe in öffentlicher Hand. Ich will zum Beispiel nicht in einer Welt leben, in der das Wasser privatisiert wird. Schlimm genug, was da inzwischen beim Wohnungsbau angestellt wird. Es gibt aber leider ebenso genug Beispiele, die zeigen, wie schlecht auch Unternehmungen unter Federführung des Bundes oder der Länder funktionieren können: der Flughafen BER oder Stuttgart 21 etwa.

      Privatisierung ist nicht das Unheil unserer Zeit, aber auch nicht immer der Weisheit letzter Schluss. Man muss die Dinge immer von allen Seiten betrachten. In diesem Sinne: Nein, ich bin kein Lohnschreiber, für die DB schon gar nicht.

  4. Sehr guter Kommentar. Ich kann das Erlebte, den Frust und die Wut nachvollziehen, weil ich das als Pendler fast täglich erlebe. Auf der gleichen Strecke.

    1) Fahrgastformular
    Der Bahnvorstand hat hier reichlich Lobbyismus betrieben. Ergebnis: Nach außen gibt man sich kulant, konkret baut man maximal Hürden.

    2) Überfüllungen
    Problem ist die Eisenbahnverordnung EVO von 1938 (Zeit der Mobilmachung und anderer düsterer Kapitel der Bahn). Hier steht drin, dass wir keinen Sitzplatzanspruch haben, wie bei anderen Unternehmen gute Gepflogenheit. Die EVO ist Teil der AGB und der Grund, warum der Zugchef Ihnen keinen Platz in der 1. Kl. anbieten muss. Die Bahn will sie vielmehr mit der überfüllten 2. Kl. von den Vorzügen der 1. Kl. überzeugen..
    Ich habe eine ePetition beim Bundestag dagegen eingereicht, die leider nicht-öffentlich behandelt werden wird..

    3) Informationsmänge
    Die Bahn weiß häufig sehr genau, dass es ein ICE nicht ins Ziel schaffen wird. Es ist der Bahn aber wichtig, dass Sie Ihr Ticket nicht vor Fahrtantritt stornieren und Ihr Geld zurück bekommen. Sie lädt die Passagiere ein und lässt den Zug dann vollbesetzt unterwegs verrecken. Das kommt billiger. Dass Sie dann manchmal ihre Dienstreise vergessen können, interessiert im Bahntower am Potsdamer Platz niemanden.

    Das Thema ist nichtlangweilig und topaktuell. Nur Autofahrer und Leute, die den Tag in Hausschuhen verbringen, interessiert es nicht..

    Antwort
    1. PhanThomas

      Beitragsautor

      Den letzten Satz kann ich nur unterstreichen. Interessant ist der Absatz zur EVO von 1938. Weiß man ja, dass 1938 noch richtig gute Gesetze gemacht wurden. Nun ja. Danke für die Ergänzungen!

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