Wie ein Opel die Welt retten sollte

Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheuren Nichts verwandelt.* Das heißt, so ganz klar war ihm die Sache nicht. Zwar hatte Gregors Vater - Gott im Himmel habe ihn selig, oder auch nicht - immer schon behauptet, sein Sohn sei ein Nichts, gar ein Taugenichts obendrein. Doch konnte sein Vater ihn zeitlebens sowieso nie besonders gut leiden, schließlich hatte das ungewollte Gör ihn für Jahre an eine Frau mit dem Aussehen einer gerupften Schleiereule und dem Feingefühl einer beschleunigenden Bratpfanne gebunden. Alkohol konnte so ein Schweinehund sein.

»Wäre ich damals bloß rechtzeitig Zigaretten holen gegangen!«, hatte Gregors Vater kopfschüttelnd geschimpft, wenn sein Sohn wieder einmal bewiesen hatte, dass er zu nichts zu gebrauchen war. So viel anerzogenes Selbstbewusstsein sollte sich in Gregors Leben schon früh bemerkbar machen. Er selbst sah sich immer schon als Nichts, als Nichts mit übergewichtigem Körper noch dazu, und so hatten es auch seine Mitschüler gehandhabt: Während die anderen auf dem Pausenhof laut diskutierende Trauben gebildet hatten, war Gregor stets eine Traube für sich gewesen. Mutterseelenallein hatte er Tag für Tag in der einzigen Ecke, die man ihm zugestanden hatte, herumgestanden, um seinem liebsten Tagtraum nachzuhängen: wie Rebecca Kaufmann, das schönste Mädchen der Klasse, sich eines Tages bis über beide Ohren in ihn, Gregor Samsa, verlieben würde. Freilich sollte das nie passieren, zumal Rebecca zehn Jahre später feststellte, dass sie Frauen liebte, sich einer Geschlechtsumwandlung unterzog, und ihr weiteres Leben als Roberto verbrachte, bis sie gefühlte fünftausend Schachteln Zigaretten später an Lungenkrebs starb. Doch da war Rebecca, die am Ende Roberto hieß, schon lange aus Gregors Leben verschwunden. Und so sollte er diesen schönen Traum für immer bei sich tragen, konserviert in seinem durch Arteriosklerose verklebten Hirn. Beim Mannschaftssport hatte die ungerade Anzahl der Jungen in der Klasse stets dafür gesorgt, dass für Gregor nur der Job des Linienrichters blieb. Ein einschneidendes, mit jeder Sportstunde wiederkehrendes Erlebnis, das seinen weiteren Lebensweg vorgeben sollte: Gregor Samsa wurde niemals Teil eines Teams. Immerhin durfte er heutzutage für Geld den Keller eines chicen Bürogebäudes fegen. Das war mehr, als sein Vater je erreicht hatte. Der hatte zwar auch gefegt, dafür war das Gebäude weniger schön gewesen. Überdies hatte der Alte sich in seiner letzten Mittagspause totgesoffen.

Und jetzt? Jetzt war aus Gregor Samsa wirklich ein Nichts geworden. Die bitterböse Ahnung hatte ihn ereilt, als er die Bettdecke weggeschlagen hatte, um seinen käsigen Bauch zu kratzen, ohne selbigen vorzufinden. Na wunderbar! Gregor hatte immer gewusst, dass so was eines Tages passieren musste. Wie hatte sein Vater ihn auch Gregor nennen können? Genau wie dieser Kerl aus Franz Kafkas Erzählung, der zu einem Käfer wurde. »Weil du manchmal echt ein Mistkäfer bist«, hatte sein Vater geantwortet, als Gregor ihm diese Frage mal gestellt hatte. Toll! Und jetzt war alles genauso wie in der blöden Geschichte. Zwar war er kein Käfer, was zugegebenermaßen ein ziemlicher Vorteil in einer Welt war, in der niemand Käfer mochte, abgesehen von größeren Tieren, aber er war noch mehr Nichts, als er zuvor schon gewesen war. Ein Nichts, das ...

»Moment mal«, murmelte Gregor, dem jetzt erst auffiel, dass er die Bettdecke eben tatsächlich weggeschlagen hatte. Als Nichts konnte man so etwas doch nicht tun, oder? Er deckte sich wieder zu, sah die Wölbung eines immensen Bauches unter der Decke und fühlte, dass sein Herzschlag sich allmählich beruhigte. Abermals schlug er die Decke weg, dann stand er auf, während die Federn des Lattenrostes unter der Matratze verächtlich knarzten. Auch Betten konnte man als Nichts wohl kaum zum Knarzen bringen. Schlaftrunken und verwirrt zugleich wankte Gregor Samsa aus seinem Mansardenzimmer, in dem er seit Jahren zyklisch schlief, fernsah und Pizza zum Tode verurteilte, hinüber ins Bad.

»Nichts«, sagte er leise, als er vor dem Spiegel stand und sich nicht sah. Ihm fiel Dracula ein, der Film mit Gary Oldman in der Hauptrolle, nicht der Roman, denn den hatte er nicht gelesen. Ja, Dracula konnte sich im Spiegel auch nicht sehen. Wie alle Vampire eigentlich. Hieß das, er war über Nacht ein Vampir geworden? Das würde bedeuten, er müsste jetzt Durst auf Blut haben. Nun gut, ihm war nach einem dicken Stück Salami zumute, aber ob man die gleich in Blut tunken musste? War Heißhunger auf Salami ein Indiz? Während Gregor über seinen Blutdurst nachdachte, schlich Marschflugkörper um die Ecke und wunderte sich, dass er seinen Dosenöffner nicht sehen konnte. Marschflugkörper war Gregors fettleibiger Perserkater, der wie Gregor selbst zu nichts anderem in der Lage war, als zu schlafen und zu fressen. Wenigstens wirkte das Vieh glücklich dabei, was Gregor von sich und seinem Leben nicht behaupten konnte.

»Na Marschi, soll ich dich aussaugen, ja?«, fragte Gregor, der sich seinen Kater prompt als großen, herumlaufenden Pappkarton voller Tomatensaft vorstellte. Der Kater mauzte verwirrt oder verärgert, so genau wusste man das bei ihm nie, dann verließ er das Bad, weil es hier zwar nach Dosenöffner roch und der blöde Kerl auch ganz sicher zu hören, dafür aber nirgends zu sehen war. Gregor zuckte mit den Schultern - zumindest glaubte er, dass er das tat -, und drehte sich zum Spiegel zurück. Auf Blut hatte er irgendwie doch keine Lust, jedenfalls nicht auf das einer Katze. Also fiel das Vampirdasein wahrscheinlich doch flach. Zumal er sich nicht einmal ohne Spiegel selbst sehen konnte, und auch wenn Vampire nie drüber redeten, glaubte er nicht, dass die Blutsauger sich nicht selbst sehen konnten.

Was also, wenn er einfach nur unsichtbar geworden war? Ohne Grund, einfach so! So wie dieser irre Typ, den Kevin Bacon in Hollow Man spielte. Dann, dachte Gregor, wäre er nicht nur nicht ein Nichts, sondern er wäre viel mehr ein unsichtbarer Kerl, der alles tun konnte, was er wollte. Einfach alles! Die Türen dieser Welt würden ihm offen stehen, weil keiner aufpassen konnte, dass der hässliche, fette Typ nicht rein kam. Er konnte tun und lassen, was er wollte: Frauen beim Umziehen zuschauen und dabei an sich selbst herumspielen, ohne dass es jemand bemerken würde, zum Beispiel. Er konnte Leute in Hundehaufen schubsen oder losgehen und eine Bärenfalle auf den Stuhl des Bürgermeisters legen, ohne dass hinterher irgendwer herausfinden würde, wer der Scherzkeks gewesen war. Irgendwo hinter seiner Unsichtbarkeit bekam Gregor große Augen, als er daran dachte, dass er sich jetzt endlich für all die kleinen Gemeinheiten an der Menschheit rächen konnte. Und genau das würde er auch tun. Er war jetzt im Prinzip ein Superheld. Nur eben einer von den bösen Jungs. Während er noch unsichtbar vor dem Spiegel stand, übte Gregor schon mal das irre Lachen eines Superschurken und fühlte sich gut dabei. Die Welt würde nie mehr dieselbe sein, schwor er sich.

Aber die Welt konnte auch bis nach dem Einkauf warten, denn Gregors Kühlschrank konkurrierte derweil mit seinem Magen um den ersten Platz im Leersein. Gregor trottete zum Ablagestuhl, nahm seine Hose und den einen Pullover, den er besaß, und zog sich an. Unsichtbar sein war eine feine Sache, aber man konnte sich da draußen ganz gewiss immer noch gehörig die Eier abfrieren. Gregor staunte nicht schlecht, als seine Kleidung nach dem Anziehen ebenfalls im Nichts zu verschwinden schien. Damit war er sogar sehr viel cooler als Hollow Man. Noch einmal übte Gregor Samsa das irre Lachen vor dem Spiegel, obwohl er sich ja gar nicht sah, während Marschflugkörper verwundert um sein unsichtbares Herrchen stromerte. Dann verließ er als völlig neuer und vor allem unsichtbarer Mensch sein Wohnklo und marschierte erhobenen Hauptes - vermutlich, denn niemand hätte das bestätigen können - zum Supermarkt.

Dort angekommen griff Gregor nach einem der kleinen roten Plastikkörbe, der prompt ebenso unsichtbar wurde wie er selbst. Über die in Fleisch und Blut übergegangene übliche Route ging Gregor die Regale ab, legte Kaffee, zwei Dreierpacks Pizza, Toastbrot, Haselnusscreme, Eis mit Karamellgeschmack und einige andere Kleinigkeiten in den Korb, die ebenso sofort unsichtbar wurden. Mist, dachte Gregor. Einerseits eine tolle Sache, schließlich konnte er jetzt rausmarschieren, ohne zu bezahlen, und so zum ersten Mal so richtig, richtig böse sein. Andererseits jedoch war es unmöglich, in den Korb zu schauen, um festzustellen, ob noch was fehlte. Na ja, dann würde er eben noch einmal losziehen und den Laden ausräubern. Gregor hob seinen Kopf und stieß zwischen den Regalen mit den Konserven schallend das Lachen menschlicher Bosheit aus, während sich die sichtbaren Kunden sichtlich verwundert umdrehten und die ganze Aktion für einen blöden Scherz des Ladeninhabers hielten.

Gregor fühlte sich blendend, nachdem er mit den gestohlenen Waren aus dem Supermarkt gekommen war. Wer hätte ahnen können, dass es so schön war, böse zu denken und es auch zu sein? Niemals wieder würde ihm jemand in den Kaffee spucken. Dafür würde er ab heute jedem reinspucken - ach was, reinpinkeln würde er! Und vorher Spargel essen, obwohl er den gar nicht mochte, jawohl!

Auf dem Rückweg nach Hause dachte Gregor ausgiebig über die Weltherrschaft nach. Von einem geklauten Warenkorb bis zur Weltherrschaft war es schließlich gar nicht so weit. Wenn man unsichtbar war, dann schon gar nicht. Außerdem hatte er sich niemals große Ziele gesetzt, da wurde es höchste Zeit, das zu ändern. Und so träumte er von unfassbarem Reichtum, einer eigenen Armee der Finsternis, von einem Fußballkapitän, der ihn als erstes in die Mannschaft wählte, und davon, wie er Rebecca Kaufmann doch noch heiraten würde.

Dass von dieser Rebecca inzwischen nur noch ein Satz Knochen und einige synthetische Körperteile übrig waren, das konnte Gregor zum Zeitpunkt X nicht wissen. Als Herrscher hätte er es vermutlich herausgefunden, wie er noch so Vieles getan hätte, und wahrscheinlich wäre die Welt tatsächlich eine andere geworden, wenn der unsichtbare Gregor Samsa sich erst auf den finsteren Pfad zur Weltherrschaft begeben hätte, um selbige für immer in den Abgrund zu stürzen. Der Zeitpunkt X jedoch sah vor, dass Gregor den Zebrastreifen vor seiner Haustür überquerte, während ein maroder Opel Astra sich anschickte, diesen Zebrastreifen ebenso zu passieren. Dass das Unsichtbarsein selbst den entspanntesten Autofahrer nicht dazu anhält, an einem vermeintlich freien Zebrastreifen zu halten, war eine der Lektionen des Lebens, auf die Gregor Samsa niemand vorbereitet hatte. Der Mensch war eben ein Gewohnheitstier, auch dann, wenn ihn keiner sah.

Und wieder einmal war die Welt gerettet - wie es jeden Tag tausendfach passiert, ohne dass es irgendwer wirklich bemerkt. Der völlig verwunderte Besitzer eines Opel Astra mit Totalschaden und Haselnusscreme auf der Frontscheibe, sowie ein ziemlich hungriger Kater vor einem Stapel ungeöffneter Dosen mit Katzenfutter mochten das freilich anders sehen.

 

* Erster Satz aus Franz Kafkas »Die Verwandlung«.

2 Gedanken zu “Wie ein Opel die Welt retten sollte

    1. PhanThomas

      Beitragsautor

      Ich hab's selbst nicht gelesen, muss ich zugeben. Kafka war nur der Aufmacher für einen kleinen Wettbewerb, der dann, was mich angeht, diesen Text hier hervorbrachte.

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