E-Reader tolino shine

[Updated] Der folgende Testbericht ist in leicht gekürzter Form ein Gastbeitrag beim Bücherei, dem Buchblog vom freundlichen Ei aus der Nachbarschaft, bzw. das Blog meiner Freundin. Ahem.

Die Macht des Konsum

Der folgende Text handelt von technischen Geräten und der Macht des Konsums. Weil Letzteres interessanter klingt, fangen wir damit an. Kürzlich schleppte ich meine Freundin in ein größeres Buchgeschäft der Kette Thalia, gelegen im Alexa am Berliner Alexanderplatz. Eigentlich (!) wollte ich »Onkel Dagobert - Sein Leben, seine Milliarden« kaufen, schließlich halte ich danach schon so lange Ausschau. Doch oh weh, den Comic-Sammelband über die knausrige Ente gab es nicht.

Was es aber gab, war der Comic »Der Zauberer von Oz« von Marvel bzw. Panini. Das allerdings ist eine andere Geschichte (haha). Denn was es noch gab, war ein kleines wie feines Gerät namens tolino shine, der neue E-Reader der Allianz aus Thalia, Hugendubel, Weltbild, Bertelsmann und der Deutschen Telekom, gegründet, um Amazon und seinem Kindle-Imperium endlich Paroli bieten zu können. Gekommen also, um ein Buch über reiche Enten zu kaufen, gegangen mit Dorothy, Toto und einem neuen E-Reader samt Tasche. Ach ... Doch eben um jenen tolino shine soll es im Folgenden gehen.

Besser spät als nie, oder: auf Chaos folgt Ordnung

Dass die großen Buchhandelsketten in Deutschland Jahre gebraucht haben, um ein einheitliches Produkt zu forcieren und gegen Amazon ins Rennen schicken zu können, das deren Kindle einigermaßen ebenbürtig sein könnte, sagt schon viel über die Effizienz des Online-Handelsriesen aus. Oder viel mehr über die Ineffizienz des deutschen Buchhandels.

Denn wo Amazon eine in sich geschlossene, dafür aber ausgezeichnet funktionierende E-Book-Plattform samt Vertrieb hochziehen konnte, herrschte bei Thalia, Weltbild und Co. bisher Chaos. Jeder köchelte sein eigenes Süppchen: Thalia wollte den grottenhässlichen Oyo an den Mann bringen, Weltbild versuchte, abgespeckte Billig-Tablets als E-Reader zu verticken, und so richtig gar wirkte das alles nicht. Amazons Kindle gab's im Laden selten bis nie zum Anfassen und außerdem wollte ich mir neben iPad und iPhone nicht noch eine weitere gänzlich geschlossene Plattform mitsamt Vertrieb ans Bein nageln. So sah ich bisher davon ab, einen E-Reader zu kaufen.

Doch scheinbar hat der hiesige Buchhandel den letzten Schuss doch noch gehört, jedenfalls hat man sich konsolidiert und gemeinsam das Projekt tolino shine aus der Taufe gehoben. Ein offenes Gerät zum Anfassen, das mich tatsächlich überzeugt hat, meine E-Reader-Aversion über Bord zu werfen.

tolino, so weit das Auge reicht

Verpackung im Schuber
Verpackung im Schuber

Am tolino kommt man nicht vorbei, wenn man dieser Tage einen Buchladen betritt. Wer nicht schaut, wo er hinläuft, stolpert spätestens nach zehn Schritten über einen Präsentationstisch mitsamt eingeschaltetem Gerät - zumindest ist das bei Thalia so. Die aggressive Fernsehwerbung tut derzeit ihr Übriges. tolino shine in aller Munde also, aber ist die viele Werbung auch gerechtfertigt oder doch eher notwendig?

Nun, auf den ersten Blick ist der tolino shine ein sehr unaufgeregt gestaltetes Gerät. Zuerst sagte mir die schlichte Optik samt braun-grauem Farbton so gar nicht zu, doch kaum nahm ich das Ding selbst in die Hand, änderte sich das schlagartig. Der tolino ist hervorragend verarbeitet. Keine überstehenden Kanten, ausgezeichnete, leicht samtene Haptik, die das Gerät sehr griffig macht, nichts klappert oder wackelt. Da macht schon das Anfassen allein Spaß.

Insgesamt kommt der Reader mit drei Tasten aus: Der Ein-Aus-Schalter und eine kleine Taste zum An- und Abschalten der eingebauten Beleuchtung am oberen Rand, außerdem bringt ein Home-Button unterhalb des Bildschirms den Benutzer zurück ins Eingangsmenü mitsamt Shop und Bibliothek. Kennt man so ja bspw. vom iPhone. Das war es dann auch schon an Bedienelementen. Schalter zum Blättern oder Ähnliches gibt es nicht, das funktioniert alles über den angenehm sensiblen Touchscreen, der zwar kein Multitouch unterstützt, dafür aber intuitive Wischbewegungen zum Vor- und Zurückblättern erkennt, die beim ersten Start des Gerätes auf dem Bildschirm erklärt werden. Leider sind die Schalter allesamt etwas schwergängiger, als es Not getan hätte, aber damit kann ich gut leben.

Das aufgeräumte Äußere empfinde ich insgesamt als sehr gelungen. Die vielen Buttons, wie sie etwa die Sony-Reader haben, habe ich immer als ästhetisch unschön empfunden - vermutlich bin ich einfach Apple-geschädigt - drum ist die reduzierte Gestaltung des tolino genau mein Ding.

Etwas fummelig geraten ist die Klappe an der Unterseite des Gerätes, hinter der sich der Micro-USB-Anschluss, der Micro-SD-Karten-Slot sowie der Reset-Button befinden. Die herausziehbare Klappe verkantet beim Verschließen schnell, wirkt ansonsten aber recht robust und hält immerhin Staub und Schmutz von den Innereien des tolino fern.

Ausstattung mau, dafür mit Lächeln

Bitte lächeln!
Bitte lächeln!

Bei der Ausstattung des tolino shine hat man sich an der Konkurrenz aus den USA orientiert, was bedeutet, sie ist quasi nicht vorhanden. Die recht hübsche, zusätzlich durch einen Schuber geschützte Verpackung enthält neben dem Reader lediglich eine schmalbrüstige Anleitung, die wahrscheinlich eh kein Mensch braucht, und ein Micro-USB-zu-USB-Ladekabel. Netzteil oder Schutzhülle sucht man vergebens, bzw. sollte man nach diesen eben in der Buchhandlung in der Zubehörecke suchen. Schade, auch wenn das Gerät mit 99 Euro vergleichsweise günstig ist, wäre doch wenigstens ein Netzstecker angebracht gewesen - doofer Trend, das!

Schlafender tolino mit kuscheliger Tasche (separat erhältlich)
Schlafend, mit kuscheliger Tasche

tolino selbst begrüßt seinen neuen Besitzer dafür mit einem freudestrahlenden Gesicht. »Ich bin tolino«, verkündet das Gerät, als hätte man das nicht gewusst. Schaltet man den Reader später aus, so wird das Gesicht in schlafendem Zustand präsentiert. »Pssst ... tolino schläft«, meldet der Bildschirm dazu. Das bringt mich immer wieder mal zum Schmunzeln und gibt dem Gerät eine angenehm menschliche Note. Toll! Die Möglichkeit, eigene Wallpaper anzuzeigen, wie man sie etwa vom Kindle kennt, bietet der tolino shine dagegen nicht.

Die Qual der (Shop-)Wahl

Wer sich für den tolino shine interessiert, sollte unbedingt darauf achten, wo er das Gerät kauft. Zwar bieten die genannten Buchhandelsketten allesamt äußerlich das gleiche Gerät an, doch was die inneren Werte angeht, ist tolino nicht gleich tolino. Der vorinstallierte Shop ist nämlich davon abhängig, wo das Gerät gekauft wurde. Zwar ist der Reader vom Format her offen, heißt, er unterstützt neben PDF und TXT das verbreitete EPUB-Format, und der Leser kann seine Bücher kaufen, wo er möchte (mit Ausnahme von Amazon natürlich), dennoch geht natürlich Einiges an Komfort flöten, wenn man etwa bei Weltbild ein Buch kaufen will, seinen Reader aber bei Thalia erworben hat. Hier mögen die wirtschaftlichen Interessen der einzelnen Handelspartner im Vordergrund gestanden haben, für den Nutzer ist es aber von Nachteil, den Shop nicht wechseln zu können. Da wurde meiner Meinung nach viel Potenzial verschenkt.

Wolkig schön und eine Menge Bücher

Ein schöner Rücken kann auch entzücken.
Ein schöner Rücken kann auch entzücken.

Denn ansonsten hat man sich gerade technisch integrativ ganz schön ins Zeug gelegt: Der tolino shine bietet zwar keinen weltweit verfügbaren 3G-Zugang zum Internet wie der Amazon Kindle, dafür gibt's aber in Kooperation mit der Deutschen Telekom kostenfreien Zugang zu allen Telekom-Hotspots (angeblich ca. 12.000 Stück). Und hier kann auch nicht nur der Buchshop, sondern, mittels integriertem Browser, das gesamte Web angesurft werden. So lassen sich mal eben auch Bücher von anderen Quellen laden. Viel interessanter ist aber, dass jeder Käufer des tolino insgesamt 25 GB kostenlosen Cloud-Speicher der Telekom dazubekommt. Hier lassen sich gekaufte Bücher ablegen, falls die eingebauten ca. 2 GB an nutzbarem (!) Speicherplatz mal knapp werden, die sich aber ohnehin mittels MicroSD-Karte auf bis zu 32 GB aufrüsten lassen. Das sind ... puh ... eine Menge Bücher.

Toll ist überhaupt, was sich mit der Cloud anstellen lässt: Beispielsweise stelle ich mir vor, dass ich durch den Buchladen stromere, ein tolles Buch entdecke, das ich sogleich mittels Thalias eReading-App auf dem iPhone kaufe. Der tolino synchronisiert sich später daheim ganz von selbst und ich kann sofort mit dem Lesen beginnen, ohne Kabel, ohne Ärger. Hat in meinem Test tadellos funktioniert.* Auch die Lesestände werden synchronisiert. Möchte ich mein Buch auf dem iPhone weiterlesen, wo ich auf dem tolino aufgehört habe, ist das also problemlos möglich. Nur Lesezeichen werden scheinbar nicht synchronisiert, bzw. bietet zumindest die iPhone-App von Thalia gar keine an, oder ich war zu blöd, die Funktion zu finden.

Letztlich merkt man aber auch hier wieder: Die Händler arbeiten nicht wirklich zusammen, denn ob die Synchronisation mit Hugendubels tolino und der Hugendubel-App genauso gut funktioniert, vermag ich nicht zu sagen. Netter Nebeneffekt der ganzen Cloud-Kiste: Sollte das Gerät mal kaputtgehen, kann mittels Synchronisationsfunktion der alte Buchbestand auf dem Ersatzgerät ruckzuck wiederhergestellt werden. Hier hat man scheinbar viel von Amazon übernommen und dabei auch wirklich sehr viel richtig gemacht.

Lesen, warten, lesen, sonst nicht viel drumrum

So, nun aber zum interessantesten Teil, nämlich dem Lesen. Die angenehme Haptik des tolino hat sich während des Lesens bestätigt. Das Gerät hält sich sehr angenehm, ist nicht schwer, aber auch nicht so leicht, das es weniger wertig wirken würde. Der 6-Zoll-Bildschirm zeigt Buchstaben gestochen scharf, wie es für E-Ink-Displays typisch ist. Da der tolino nur alle acht Seiten oder so einen echten Refresh des Bildschirms durchführt, was auch nicht umstellbar ist, tritt immer mal ein leichter Ghosting-Effekt auf. Heißt, die Buchstaben der letzten Seite schimmern leicht durch. Das ist so, als würde man ein Buch mit dünnem Papier lesen - eine Kinderkrankheit der E-Ink-Technologie. Mich persönlich hat das bisher nicht gestört. Allemal besser, als würde der Reader nach jedem Blättern den Bildschirm vollständig zurücksetzen, denn dann käme es zu dem nervigen Flackern, unter dem noch die E-Reader der ersten Generation krankten.

Natürlich trägt der tolino den Zusatz shine im Namen, weil er beleuchtet ist. Unterhalb des Displays sind fünf LEDs angebracht, die über eine dünne Trägerschicht den kompletten Bildschirm in angenehmes, weißbläuliches Licht tauchen, das nahezu stufenlos geregelt werden kann. Dabei soll die maximale Stufe weniger hell sein, als es beim Kindle Paperwhite der Fall ist, dafür aber soll die Ausleuchtung gleichmäßiger gelungen sein. Hier fehlt mir der Vergleich, drum kann ich nur bestätigen, dass das Licht sehr angenehm ist und die Augen (zumindest meine) nicht ermüden lässt.

Müde macht dagegen die Menü-Navigation, die etwas träge ist. »Bitte warten ...«, meldet der tolino dabei gerne mal, und ich frage mich, ob das Gerät mit seinen 800Mhz im Hintergrund vielleicht Primzahlen berechnet. Auch sonst ist die Menüführung etwas hakelig geraten, wie es ja leider bei allen E-Readern der Fall zu sein scheint. Das kann Apple dann doch besser.

Schade auch, dass nur wenige Zusatzfunktionen geboten werden. So lassen sich zwar Schriftgrößen und -arten ändern, doch ist kein Lesen im Querformat möglich, außerdem fehlen Wörterbücher oder Notizfunktion komplett. Mich schreckte das nicht ab, da ich beim Lesen niemals etwas notiere oder nachschlage und allenfalls mal ein Lesezeichen setze (was je Buch beliebig oft möglich ist), doch so manch potenziellen Käufer könnten diese Mankos schon abschrecken.

Auch sonst soll die Firmware noch etwas unausgereift sein, so dass der Reader sich auch mal aufhängt und per Resetfunktion neu gestartet werden muss. Ist mir aber bisher kein einziges Mal passiert, daher das nur vom Hörensagen, bzw. aus Testberichten. Wäre schön, wenn hier ein baldiges Firmware-Update mit Verbesserungen und neuen Funktionen käme.

Vom Akku nichts Neues

Für die Akkulaufzeit des tolino shine gibt der Hersteller sieben Wochen an. Das dürfte in etwa dem gängigen Standard bei E-Readern entsprechen, höchstwahrscheinlich unter der Annahme, dass das WLAN nicht dauerhaft aktiviert ist und man nicht ständig mit eingeschaltetem Licht liest. Nach knapp drei Stunden Verwendung mit Licht stand die Akkuanzeige immer noch bei 100 Prozent. Da gibt es nichts zu meckern bisher. Glauben wir dem Hersteller also hier erst einmal.

Fazit

Der tolino shine ist für mich ein zumindest konzeptionell durchweg gelungener Angriff auf Amazon. Das schlichte wie ansprechende und charmante Äußere hat meine persönliche E-Reader-Aversion zerstreut, und das will was heißen.

Das Gerät würde ich so auf jeden Fall wieder kaufen. Das sechszöllige E-Ink-Display entspricht durchweg meinen Erwartungen, mittels Beleuchtung kann ich abends im Bett auch bei schummrigem Licht wunderbar lesen. Die Cloud-Funktionalität ist eine feine Sache, auch wenn die Shop-Gebundenheit des Gerätes eine übergreifende Integration der großen Buchhandelsketten verhindert. Dennoch kann man natürlich seine Bücher kaufen, wo man möchte, muss dann aber eben auf gewisse Komfortfunktionen wie durchgehende Synchronisation zwischen bevorzugten Apps und Reader verzichten.

Bleibt zu hoffen, dass die Initiatoren das Projekt sinnvoll fortführen, d.h., das Gerät anständig mit Updates versorgen, und die Kundenbasis nicht dadurch vergrätzen, dass in einem halben Jahr das nächste Reader-Projekt gestartet und der tolino links liegen gelassen wird, oder ein tolino shine plus mit neuen Funktionen erscheint, die man dem jetzigen Gerät auch per Update hätte spendieren können. Denn den kommerziellen Erfolg wünsche ich dem kleinen Kerl.

* Update: 19.12.2013

Da der Artikel hier noch immer oft angesurft und ggf. ja sogar gelesen wird, ein kleines Update, bzw. eine Korrektur zum obigen Artikel: Die Synchronisation mit iPhone und Co. funktioniert zwar tadellos, man sollte allerdings tunlichst davon absehen, ein Buch mit der Thalia-iPhone/iPad-App zu kaufen. Grund: Die Synchronisation ist in diese Richtung nicht möglich, da Apples AGBs verbieten, gekaufte Artikel mit anderen Geräten zu synchronisieren. Ein Hinweis irgendwo wäre hier schön gewesen. Den Fehler macht man zwar nur einmal, aber dieses eine Mal ärgert man sich eben doch sehr.

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