Die Zeitung und ich

Wären alle Menschen wie ich, dann hätten die Zeitungsverlage kein Problem, sie hätten ein gewaltiges Problem. Kürzlich stand ich auf dem Flughafen München herum, und nun liegen auf Flughäfen bekanntermaßen allerhand Zeitschriften und Zeitungen aus, die man sich so wegnehmen kann, wenn man das möchte. Da gibt es dann Leute, die sacken wirklich von jedem Blatt ein Exemplar ein, stopfen alles in ihre Tasche und gehen dann mit einem Kilo Handgepäck mehr ins Flugzeug. Ja gut, ist ja auch ein langer Flug von München bis Berlin, da braucht man schon mal tausend Seiten Lesematerial. Sei's drum.

Und dann gibt es eben Leute wie mich. Ich stehe vor den Auslagen, schaue mir an, was da so liegt und auf mich wartet, und greife also schließlich eine Ausgabe der Zeit. Und wie es immer so ist, wenn ich ein besonders dickes Exemplar in die Fittiche kriege, denke ich: Puh, bah, du meine Fresse, wer soll das alles lesen?! So tue ich also, was für mich nächstliegend scheint: Ich lass das olle Ding liegen, bzw. lege es fast schon angewidert wieder hin wie eine tote Bisamratte. Ja, es ist gratis, ja, es ist, äh, Qualitätsjournalismus und solches Blabla, aber, what the fuck, who cares?!

Ich habe erstens das Problem, dass mich das Gefühl in den Würgegriff nimmt, etwas verpasst zu haben, wenn ich einen längeren Artikel nicht lese. Heißt also, mit meiner Art Neurose müsste ich die ganze verdammte Zeitung lesen, um dem ekligen Gefühl zu entkommen. Geht mir übrigens mit Zeitschriften genauso - im Internet dann glücklicherweise aber nicht. Da das auf einem Kurzstreckenflug kaum möglich ist, hat die Zeitung keine Chance bei mir. Wäre also noch die Schrottpresse mit den großen Bildern und den noch größeren Buchstaben und den vielen Titten, wenn man mal weiterblättert. Diese, na ja, Zeitungen allerdings desinformieren mich dermaßen offensichtlich, dass jegliche Beschäftigung mit dem, was dort so Artikel genannt wird, kontraproduktiv scheint und mein Hirn in Melasse verwandelt. Kommt also trotz Titten nicht in die Tüte.

Kommt hinzu das Aktualitätsdefizit: So eine Zeitung kriegt es mit Mühe und Not hin, einigermaßen tagesaktuell zu sein. Im Zeitalter gefühlt minütlicher Aktualisierungen der online verfügbaren Nachrichten habe ich bei Zeitungen immer das Gefühl, vor einem riesigen Pott kaltem Filterkaffee zu hocken, wie man ihn abends beim Bäcker kriegt, während nebendran die chice verchromte Maschine steht, mit der ich mir frischen Bohnenkaffee brühen könnte. Und es auch tue.

Zeitungen - schon das Wort ist fast ein Paradoxon. Oder eine Antiphrase? Nun, die Aussage sollte zumindest klar sein: Es fehlt dem, der sie lesen soll, oft die Zeit, die Dinger täglich zu lesen, es fehlt die tatsächliche Aktualität, es fehlt einfach die völlige Notwendigkeit. In Anbetracht der mit mir nachrückenden Generation, die das ähnlich sehen dürfte - mal abgesehen von dieser Neurose - sehe ich für diese Art Journalismus ziemlich schwarz. Bedenkt man dann, dass es im Online-Bereich noch immer keine richtig funktionierenden Geschäftsmodelle zu geben scheint, puh, da kommen bestimmt noch einige unschöne Ekelgesetzesvorschläge auf uns zu.

4 Gedanken zu “Die Zeitung und ich

    1. PhanThomas

      Beitragsautor

      Hm, ich weiß nicht. Inzwischen lehne ich das ganze System dermaßen ab, dass mich Artikel in der FT wohl schon aus Prinzip anwidern würden. Ich versuch's also gar nicht erst.

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