Ich beim Halbmarathon III

Läufer
© Kurt Hochrainer / pixelio.de

Wir schreiben den 7. April 2013. Am tiefblauen Himmel steht diese goldgelbe Scheibe, die seit geraumer Zeit nur noch Zierwert zu haben scheint. Knapp 32.000 Überlebende der längsten Kälteperiode seit, ja, seit ganz schön langer Zeit jedenfalls, haben sich am Berliner Alexanderplatz versammelt, um sich auf 21 Kilometern urbaner Einöde die Füße zu vertreten. Klar, schließlich wird es jetzt doch noch Frühling, da kann man ruhig mal vor die Tür gehen, um dem Specht beim Nestbau zuzuhören, die Karnickel beim Akkordrammeln zu beobachten oder eben, um in neonfarbener Hightech-Kluft am alljährlich stattfindenden Halbmarathon teilzunehmen.

Der Lauf 2013 steht unter keinem guten Stern, das wird nicht erst am Startpunkt, einer asphaltierten Schlucht, flankiert von stilechten Plattenbauten klar. Denn dieses Jahr spielte der Sponsor, ein örtlicher Energieversorger, Dagobert Duck und strich die bisher stets unters Laufvolk geschmissenen Starter-Shirts ersatzlos. Verständlich, woher soll's auch kommen, wird doch Strom immer billiger. Direkt vor dem Start schon der nächste Fauxpas: An trockenen Getränkeständen stehen ratlose  Helfer schulterzuckend hinter leeren Bechern und verkünden: »Sorry, die Leitungen sind gefroren.« Durstige Läufer in Shorts und T-Shirt zittern ebenso ratlos. Meine Blase immerhin ist dankbar für die Verschnaufpause, habe ich doch bereits vor Laufbeginn schon zum vierten Mal das Klo aufgesucht. Natürlich jedesmal ein anderes, soll doch meine offensichtliche Durchlässigkeit nicht allzu sehr auffallen. Das Schuheschnüren indes ist auch so eine Wissenschaft für sich. Binde ich die überteuerten Treter zu locker, laufe ich irgendwann mit wunden Hacken oder gleich auf Socken, binde ich sie zu fest, spüre ich nach 30 Minuten unterhalb der Knöchel gar nichts mehr. Doch nach einigen von bedenklichen Flüchen begleiteten Anläufen ist auch das letzte Schleifchen gemeistert.

Dann endlich, nach gefühlt ewigem Ausharren im klirrend kalten aber bunt geschmückten Stalingrad Berlins werden die Massen zu den Startblöcken beordert. Ich selbst finde mich im Block D wieder, das ist da, wo all die anderen stehen, die fitnesstechnisch aussehen, als wären sie spontan vorbeigekommen, um ein paar Meter mitzulaufen. D, das ist da, wo die hohen Herrschaften aus den Bereichen C, B und A nicht über einen stolpern können. Das ist ... ach, hinter D kommt eben nur noch E, und denen dürften sogar die gestrichenen Laufshirts wurscht sein, passen sie da doch eh nicht rein. Mich erinnernd, dass ich beim letzten Mal vor zwei Jahren aus dem Block B heraus starten durfte, wische ich ein gedankliches Tränchen weg und stelle fest, dass ich auch nicht jünger werde. Dann endlich der Startschuss und ... ich muss aufs Klo!

Die sich zügig füllende Blase ignorierend, setze ich mich in Gang und beginne sogleich mit dem Slalomlauf, denn Block D rennt nicht, Block D marschiert. Das erklärt vermutlich, weshalb sich so mancher mit Astronautenfutter und Getränkeflaschen behängt hat wie ein sportlicher Weihnachtsbaum - als hätten besagte Mitläufer gleich mehrere Tage für die Strecke eingeplant. Derweil ich mich fast wundere, dass ich niemanden mit Zelt und Campingkocher im Gepäck laufen sehe, gelingt es mir, mich durch den voranwalzenden Auflauf zu bugsieren, ohne irgendwem gehörig in die Hacken zu treten. Kein Wunder, bleibt vor lauter Hüpferei doch kaum Gelegenheit zum Treten, schließlich gilt es, allerhand Kadavern von löchrigen Tüten auszuweichen, die der Veranstalter vor dem Lauf gegen die Kälte verteilt hatte. Selbst Block D scheint festgestellt zu haben, dass es sich im knisternden Plastiklumpendress nur so semioptimal laufen lässt und schmeißt die Dinger achtlos in MEINEN Weg. Macht nichts, ich habe schließlich nicht nur die Beinlänge eines Wiesels, sondern bin auch ähnlich flink und gedenke ohnehin, Block D etwa nach Kilometer vier, wenn dann auch die letzten Kenianer ins Ziel einlaufen, hinter mir zu lassen, um mir C vorzuknöpfen.

Während die am Rand stehenden Zuschauer in ihren warmen Jacken laut mit der Currywurst im Mundwinkel jubeln, Rasseln und krumme Schilder schwenken, böllert laute Musik aus meinen Kopfhörern, die sich anschickt, die gut gelaunten Nichtläufer zu übertönen. Ich darf das, mich feuert hier mal wieder niemand an. Oh grausame Welt, und als wäre das nicht schlimm genug, lese ich alle paar Meter auf irgendeinem hochgehaltenen Stück Pappe so was wie: »Der Schmerz geht, doch der Stolz bleibt.« Wäre das die Wahrheit, müsste ich längst wie ein preisgekrönter Zuchtgockel durchs Leben spazieren. Pah!

Geht die erste Streckenhälfte dank sibirischer Temperaturen noch gut vom Fuß, macht sich nach ungefähr 15 Kilometern direkt neben Erschöpfung und Atemnot die Ernüchterung breit. Ein Blick auf die Startnummern der mit mir im Chor dahinhechelnden Läufer verrät, dass ich noch immer unter meinesgleichen aus dem Startblock D unterwegs bin. Von C keine Spur, allenfalls einige übereifrige E'ler bewiesen entweder zwischenzeitlich einen sehr flinken Schuh, oder sie hatten sich zu Beginn in die falsche Reihe gestellt. Noch immer jubeln die Steher, kauen Würste, schwingen Rasseln und Schilder: »Der Schmerz geht, doch der Stolz bleibt.« Sollte ich den Spruch nur noch ein einziges Mal lesen, nehme ich mir vor, meinen Marsch zum Siechtum freiwillig zu unterbrechen und dem Schilderschwinger gehörig eins zu schwingen. Aber ach, ich bin ja selbst schuld, und wie schon bei den Läufen in den Jahren zuvor frage ich mich, wie ich auf die Schnapsidee gekommen bin, mich freiwillig für eine solche Tortur anzumelden. Diese blöden Läufe kosten Geld, die Füße schmerzen, dass ich mir wünsche, ich hätte die Schuhe doch zu fest geschnürt, und sollte ich tatsächlich durchs Ziel kommen, stakse ich hinterher nach Hause wie eine gerupfte Ente mit Hüftschaden. So gedeiht der Vorsatz: Nie! Wieder! Laufen!

Doch dann, gerade, als ich beschließen will, aufzugeben, um mich nach vorn fallen zu lassen und meine Zähne genüsslich in den herrlich gemütlichen, gefrorenen Asphalt zu bohren, bevor ich auch nur noch einen Schritt tue, kommt das Ziel in so was Ähnliches wie Reichweite. Die Plattenbauten wachsen vor mir empor, die Menschen am Rand stehen gedrängt, als wäre irgendwo Ausverkauf, ich gebe noch mal alles, also quasi nichts, ziehe zähne- und knochenknirschend vorbei an Schildern: »Der Schmerz geht, doch der Stolz bleibt.« Und dann ...

Geschafft! Den obligatorischen Gang vorbei an den Medaillen, hin zum Freibierstand schaffe ich noch, wo ich mir im Eiltempo zwei alkoholfreie kalte Weißbiere in den Schlund kippe. Ich kann kaum so schnell trinken, wie ich vor Erschöpfung kotzen möchte, und doch scheint es bergauf zu gehen mit meiner Verfassung. Vergessen sind die kaputten Füße, schließlich ist das Motto: Der Schmerz geht, der Stolz bleibt. Und so ziehe ich verrichteter Kilometer mit stolzgeschwellter Brust von dannen wie ein preisgekrönter Zuchtgockel, verkleidet als gerupfte Ente mit Hüftschaden. Ach ja, und wo kann ich mich jetzt fürs nächste Jahr anmelden?

4 Gedanken zu “Ich beim Halbmarathon III

  1. wow, respekt dafür! ich würde bei sowas nach einem meter schon tot umfallen. ein kadaver mehr im weg, den ich dir mit meinem fernbleiben erspare 😀 das mit dem einfach fallen lassen kenn ich aber noch von radausflügen in meiner kindheit.. da hab ich auch die ganze zeit daran gedacht u dann doch durchgehalten. fühlt sich ja auch gut an, was zu schaffen, nicht wahr?

    Antwort
    1. PhanThomas

      Beitragsautor

      Ja, das Ankommen ist tatsächlich dann ein sehr angenehmes Gefühl. Also sobald man wieder zu Luft gekommen ist. Und das mit den Radtouren kenne ich auch noch von früher. Und schon komisch, irgendwie ist man ja doch wirklich immer angekommen. 😉

  2. Hihi sehr lustig geschrieben, ich lach mich weg und es ist als wär ich dabei gewesen :). Und : Gratulation und Hut ab: du bist zu Recht eine sehr STOLZE gerupfte Ente :).

    Antwort
    1. PhanThomas

      Beitragsautor

      Danke, danke. Der Stolz ist inzwischen zwar leider auch wieder verflogen oder davongewatschelt, aber es war trotzdem schön, dabei zu sein.

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