Soße

Soße
© BrandtMarke / pixelio.de; www.pixelio.de

Sie stand am Herd und rührte mit dem hölzernen Kochlöffel in der Soße herum, die wie eine große braune Pfütze aus dem Topf zu ihr empor schaute. Und sie rührte die Soße nicht einfach um, sie rührte in ihr herum. Mit dem Löffelstiel zog sie wilde Pfade durch die Soße, durchpflügte sie wie ein Motorboot einen sonst still liegenden See. Als sie sich dabei erwischte, wie sie mit den Lippen das passende Motorengeräusch summte, kam sie sich selbst sehr albern vor und kicherte leise.

Das Lächeln auf ihrem Gesicht erstarb. Da stand sie hier in dieser blöden Küche und rührte in dieser blöden Soße herum. Wie bescheuert war das eigentlich? Irgendwer musste natürlich rühren, sonst würde das Zeug einfach anbrennen, und wenn sie beide später zusammen essen würden, dann müssten sie mit trockenen Nudeln und wahrscheinlich noch trockenerem Fleisch vorliebnehmen.

Und es war ja gar nicht so, dass sie wütend gewesen wäre, weil immer nur sie und fast niemals er das Essen zubereitete, schließlich ging er regelmäßig zur Arbeit, war sicher sehr fleißig bei dem, was er dort auch immer tat, und ohne ihn gäbe es bestimmt keine Soße, in der sie jetzt herumrühren konnte. Oder vielleicht gäbe es die ja doch, aber es gäbe sicherlich weniger Fleisch dazu. Oder gar keines. Und überhaupt weniger von allem.

Nein, es war schon irgendwie alles in Ordnung mit ihm und mit ihr und mit ihnen. Würde er nur nicht jedes Mal, nachdem er heim kam, wie ein nasser Sack auf das Sofa sinken und dabei laut »Ahhhhhhh« sagen, so als hätte irgendwer ein Ventil bei ihm aufgedreht, aus dem nun laut zischend dumme Luft entwich. Es war ein Geräusch wie das penetrante Suppeschlürfen ihres Vaters früher, doch das würde sie ihm natürlich nicht sagen. Sie wollte ja gar nicht undankbar sein, schließlich ging er jeden Tag zur Arbeit, und da sollte er auch das Recht haben, »Ahhhhhhh« zu sagen, nachdem er sie und dann das Sofa im Wohnzimmer begrüßt hatte. Doch natürlich änderte das nichts an ihrer Abscheu gegen dieses Geräusch.

Sie seufzte die Küchenfliesen an, die ihrerseits nur schwiegen, und so ging sie hinüber zu dem mickrigen Küchenfenster, mehr ein Guckloch als ein Fenster. Wie ein kleines Löchlein in einem Schuhkarton, der ihre Wohnung war, eingereiht in einen großen Haufen weiterer Schuhkartons, aufgeschichtet zu einem Haus, und wenn sie, so wie jetzt, am Fenster stand und ihren Blick hinaus auf das Haus gegenüber schweifen ließ, dann stellte sie sich vor, wie auch alle anderen Leute im Haus hinausschauten und dasselbe dachten wie sie. Und dann würde sie Schluckauf bekommen, weil jemand an sie dachte. Oder wie wäre es wohl, wenn jemand im Haus gegenüber zu ihr herüberschaute und sie so herumschauend entdeckte? Ob er wohl winken würde? Sie vielleicht sogar zu sich herüberwinken? Sie dachte daran, wie sie beide, sie und der geheimnisvolle Winker, schließlich in sein rotes Auto mit einem offenen Verdeck klettern und davonfahren würden, und sie würde ein buntes Kopftuch tragen, ganz bestimmt, und eine Sonnenbrille, damit niemand sie erkannte und …

Blubb, machte es im Topf hinter ihr. Blubb, blubb. Als würde er nach ihr rufen und die ihm zustehende Aufmerksamkeit einfordern. Die blöde Soße wollte wieder gerührt werden. Wie lange stand der Topf jetzt überhaupt schon auf der Kochplatte? Sie hatte gar nicht auf die Uhr geschaut oder zumindest vergessen, dass sie es getan hatte. Was, wenn sie den Topf einfach hier stehen ließ, hier auf der heißen Platte, die Soße immer wieder umrührend, den Topf aber nicht herunternahm? Den Gedanken hatte sie schon früher gehabt, als sie noch ganz jung gewesen war, ihrer Mutter beim Kochen geholfen hatte, als die Träume Flügel besessen hatten, mit denen sie irgendwann alle für immer auf und davon geflogen waren, nachdem sie ihr ein letztes Mal zugewinkt hatten. Da hatte sie sich diesen alten Mann vorgestellt, der die Soße solange im Topf blubbern ließ, bis das ganze Wasser herausgekocht war und er den festgewordenen Rest wie einen Backstein aus dem Topf klopfen konnte. Und in ihrer Vorstellung hatte er sich daraus ein Haus gebaut, in dem er dann glücklich und zufrieden wohnte, einfach, weil ein Haus aus getrockneter Soße bestimmt viel günstiger war als ein Haus aus richtigem Stein, dafür aber genauso groß und ebenso gemütlich.

Und dann wurde sie allmählich erwachsen, und auch die letzten Träume waren winkend ausgeflogen. Sie wohnte in keinem Haus aus Backstein und auch in keinem aus getrockneter Soße. Sie wohnte in einem Schuhkarton mit Gucklöchern auf die Schuhkartons gegenüber, und das war allemal besser als nichts.

Sie hatte längst versucht, die vielen Geschichten aufzuschreiben, doch darin war sie einfach nicht gut. Zuvor hatte sie Zirkusartistin werden wollen, dann Ärztin, später Tierpflegerin, dann noch Bankkauffrau und schließlich Friseurin. Und das war eine blöde Idee gewesen, Friseurin zu werden, weil nun niemand wollte, dass sie irgendwem die Haare schnitt. Wäre das anders, dann würde jetzt natürlich niemand die Soße umrühren können, weshalb es wohl keine Soße gäbe, aber sie müsste auch nicht hier rührend wie wartend herumsitzen und dieses »Ahhhhhhh« hören, wenn er nach Hause kam.

Blubb, blubb - dicke Luftblasen pressten sich durch die zähe Soße an die Oberfläche, befreiten sich aus ihrem Soßegefängnis und verschwanden auf nimmer wiedersehen ins … ja, wohin eigentlich? Und da war er wieder, der Gedanke daran, wie es wäre, selbst wie eine dieser Luftblasen zu sein. Einfach auf und davon, blubb, blubb, tschüss und good bye, Schuhkarton, my old friend. Auch wenn sie niemand zu sich winkte und sie mit Kopftuch und Sonnenbrille in seinem roten Auto mitnahm, konnte sie verschwinden, sich Flügel wachsen lassen und den Träumen nachjagen, die sich irgendwann ohne sie davongestohlen hatten.

Sie hörte Schritte im Treppenhaus. Sie kannte diese Schritte. Was er wohl zu solchen Gedanken sagen würde? Wahrscheinlich würde er sie küssen und ins Wohnzimmer gehen, um sich aufs Sofa fallen zu lassen und »Ahhhhhhh« zu sagen. Und dann würde er wohl vergeblich auf sein Essen warten, weil sie längst auf und davon wäre, bevor er »Ahhhhhhh« sagen könnte. Blubb, blubb. Wer sagte denn, dass es zu spät war, den Schuhkarton zu verlassen, um nie wieder irgendeine blöde Soße zu rühren? Zu spät gab es nicht – blubb, blubb, sagten die Blasen im Topf und recht hatten sie.

Sie schlurfte in den Flur hinüber, Socken auf Auslegware, wo es keine Fenster gab, und schaute die Bilder an der Wand neben der Wohnungstür an, während draußen der Schlüssel ins Schloss glitt. Die Wände rückten näher, die Bilder rückten nach, oder sie rückte, was machte das schon? Auf diesem einen Bild, auf dem sie in dem weißen Kleid viel zu blass aussah, hatte sie gelächelt. Aber hatte sie das damals wirklich getan? Sie konnte sich nicht mehr so ganz genau erinnern, so wie sie nicht wusste, wann sie die blöde Soße auf den Herd gestellt hatte und ob sie überhaupt auf die Uhr geschaut hatte.

Die Tür öffnete sich. Sie blickte ihm ins Gesicht, noch bevor er sie ansah. Es waren drei einfache Worte: Ich will weg! Wie eine automatische Schreibmaschine gingen ihre Gedanken: Ich will weg! Ich will weg! Sie öffnete den Mund, er sah sie an und lächelte. Licht flutete durch die geöffnete Tür in die Wohnung, verscheuchte die Dunkelheit aus dem Flur und jagte die Wände zurück an ihren Platz. »Ich liebe dich«, murmelte sie und gab ihm einen Kuss auf die Wange. Alles wie immer.

»Ich dich auch«, erwiderte er, lächelte schmal und hängte den Schlüssel ans Schlüsselbrett. Er schloss die Tür und sperrte das Licht wieder aus, bevor er ins Wohnzimmer hinüberging. Sie sah ihm kurz nach und wusste, was gleich kommen würde.

Und in der Küche brannte die Soße an.

2 Gedanken zu “Soße

  1. Nur ein Besucher

    In "Ihrem" Paralleluniversum schrieb Sie alle Geschichten auf, weil Sie es eben am besten konnte. Sie lernte diesen unglaublich attraktiven Mann mit dem wehenden "roten" Schaal kennen. Er war natürlich steinreich und erfüllte Ihr jeden noch so kleinen Traum. Sie reisten um die Welt, wieder und wieder. Flogen über Meere, ja sogar bis zu den Sternen. Am Ende kaufte er Ihr dieses eine ganz spezielle Haus, mit unzähligen großen Fenstern und einer Ausicht die nicht hätte schöner sein können.....Sie musste nie mehr wieder in einer Soßen rühren.
    Ende

    Antwort

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Du möchtest einen Kommentar hinterlassen, weißt aber nicht, was du schreiben sollst? Dann nutze doch den KOMMENTAROMAT! Ein Klick auf einen der Buttons unten trägt automatisch die gewählte Reaktion in das Kommentarfeld ein. Du musst nur noch die Pflichtfelder ausfüllen und den Kommentar abschicken. :)