Sitzflug

Sitzflug

Ich sitze im Flugzeug. Das ist logisch. Also nicht, dass ich hier sitze, denn genauso gut könnte ich auch auf einer Kaffeefahrt sein, Spargel stechen, oder einfach in der Ecke stehen und rauchen wie deutsche Soldaten im Auslandseinsatz. Nein, es ist logisch, schließlich muss ich im Flugzeug sitzen, zumindest solange die Anschnallzeichen nicht erloschen sind.

Ist ja eigentlich auch vernünftig, denn selbst wenn die Zeichen erloschen sind, hat es nicht sonderlich viel Sinn, im Flugzeug aufzustehen. Mal eben vor die Tür gehen wäre suboptimal. Wozu also stehen? Es sei denn, ich müsste aufs klaustrophobisch enge Örtchen, aber selbst dessen Sinn erschließt sich mir zumindest auf Inlandsflügen nicht wirklich. Hallo? Wir sind insgesamt kaum eine Stunde in der Luft, es gibt aber Leute hier, die schaffen es, gleich zweimal den luftigen Lokus aufzusuchen? Bringt das irgendeinen Nervenkitzel, darauf zu warten, ob der Hintern nach dem Spülen durch die Klobrille gesaugt wird? Oder wollen gewisse Leute einfach mal im Angesicht Gottes kacken gehen? Na ja, man gönnt sich ja sonst nichts, wa‘? Ansonsten könnte man auch einfach die Arschbacken zusammenkneifen. Theoretisch. Und sitzen bleiben, verdammte Scheiße!

Schließlich lädt der Gang nun auch nicht gerade zum Auf- und Abgehen ein, läuft man dabei doch Gefahr, irgendwann vom herbeiwalzenden Getränkewagen der zumeist stoisch lächelnden Flugbegleitung erfasst und in Richtung Cockpit geschoben zu werden. Und dann müsste man sich eine Fantastillion mal die Frage anhören, ob es denn auch Pfeffer und Salz für den köstlichen Tomatensaft sein darf, der unten am Boden für gewöhnlich in den Supermarktregalen vergammelt. Mal im Ernst: Wird das Zeug im Alltag überhaupt von irgendwem in den Einkaufswagen gepackt? Vielleicht von Menschen mit Jetlag? Man weiß es nicht. Was man einzig weiß, ist, dass niemand weiß, was es mit den plötzlichen Tomatensaftgelüsten dutzender Fluggäste in 10.000 Metern Höhe auf sich hat. Ungelöste Fragen der Menschheit sind blöd. Gastronomieservice auf Inlandsflügen ist überhaupt auch blöd. Während einer guten Stunde Flugzeug muss man sich wohl nicht unbedingt den Wanst vollschlagen. Kriegen in der Luft plötzlich alle Diabetes? Ich sag ja, blöd. Ganz zu schweigen davon, dass ich bei Pulverkaffee und einem verpackten Keks nicht von gastronomischem Service sprechen würde.

Aber Kekse sind besser als nichts, schließlich sitzt man ja nur so herum, und auch das ist blöd, selbst wenn das Stehen, wie ich bereits erwähnte, wenig sinnbringend ist. Und gefährlich wäre es auch, vor allem bei Turbulenzen. Wer schon mal erlebt hat, wie ein Getränk während eines Flugzeugrüttlers Opfer von akut auftretenden Trägheits- und Beschleunigungsgesetzen wurde, um wie von Kerosin angetrieben in Richtung Flugzeugdecke emporzusteigen, der kann sich vorstellen, wie das wohl aussähe, wenn statt Tomatensaft, Kaffee und Billigweißwein reihenweise Köpfe gegen die Decke schössen. Na gut, keine Ahnung, wie das aussähe, aber es wäre vermutlich ähnlich rot wie das Matschtomatengesöff und klänge ziemlich schmerzhaft. Knack!

Was also sonst tun, während einer Stunde Dauerrauschens, von dem man sich kaum vorstellen kann, dass so mancher Mensch es sein ganzes Leben lang nicht nur permanent in den Ohren, sondern sogar im Kopf mit sich trägt? Aus dem Fenster gucken zum Beispiel. Ich stelle mir ja immer vor, wie wir dann an einer Ente vorbeifliegen, die den Kopf dreht und zum Fenster hereinschaut. Passiert genau nie! Warum auch, haben Enten die Augen doch schließlich an der Seite, Mensch! Bleibt also nur das Vergnügen, zuzuschauen, wie schön sie wippen, die hoffentlich biegsamen Tragflächen dieses ... äh ... ja, was für ein Vogel ist das hier eigentlich? Kurz im Infokärtchen nachgeschaut und … Ah, ich sitze also in einem Airbus. Ach, das sind doch die Dinger, die reihenweise wegen Rissen in den hübsch wippenden Tragflächen zurückgerufen wurden, oder? Na gut, gilt nur für das ganz große Modell, diesen A380, von dem ich mir eh nicht vorstellen kann, dass so was Großes in die Luft gehört. Die Titanic gehörte als größter Dampfer ihrer Zeit ja auch nicht aufs Wasser. Bloß gut, dass es hier oben keine Eisberge gibt!

Puh, und sollte es mich eigentlich beunruhigen, dass ab und an eine verdächtig nach Treibstoff müffelnde Wolke an meiner empfindlichen Nase vorbeizieht? Kriegt man von Kerosindämpfen im Flugzeug eigentlich Krebs, wird man impotent, oder stürzt man einfach nur ab? Ich weiß es nicht, schaue mich besorgt um, doch die Flugbegleiter_innen, um mal ein Gender Gap zu verwenden, grinsen, als wollten sie es der vorbeiziehenden Sonne nachtun. Dann muss ja wohl alles in Ordnung sein, oder was?! Bevor ich meine Gedanken weiterspinnen kann, leuchten die Anschnallzeichen wieder. Der letzte Eierleger verlässt mit tiefenentspannter Miene die Himmelsschüssel, niemand wurde in den Orkus gesaugt. Den Konstrukteursgöttern sei Dank: Mögen auch die Tragflächen reißen, kacken kann man hier oben völlig unbeschwert.

Und schon kurz darauf ist der Spaß wieder mal vorbei. Wir sind, zwei Getränke und die geleerte Probepackung Kekse später, gelandet. Endlich raus hier, endlich rein ins Büro, endlich wieder sitzen!

(Bild © Daniela, Debra Ernst / pixelio.de; www.pixelio.de)

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