Teichgeplänkel

(Bild © Ruth Rudolph / pixelio.de; www.pixelio.de)

Es gibt Dinge auf der Welt, die sind, obgleich von unfassbar großem Gewicht, für den menschlichen Verstand kaum zu erfassen. Dinge wie die Existenz des Universums, das Wunder des Lebens oder den Kreislauf des Geldes. Es gibt solche Dinge, und es gibt Enten.

Zwei besonders prächtige, gefiederte Probanden, die auf so manch reich gedecktem Weihnachtstisch die Augen hätten leuchten lassen, hatten es sich auf einem zufällig ins narrative Bild rutschenden, größeren Teich, der gern ein See geworden wäre, bequem gemacht. Hier, umringt von allerlei Tümpelschmuck wie Seerosen, Schilf und vorbeischwimmenden Fischexkrementen, schnatterten die beiden munter drauf los.

»Nak nak, also sag, was du willst, Kolben, aber Zeitungen sind irgendwie auch nicht das Wahre«, quakte einer der beiden Erpel in dieser Sprache, wie nur Enten und Jäger sie verstehen. Die Tatsache, dass er derzeit in einige durchnässte Blätter Zeitungspapier eingewickelt war und somit aussah wie ein gefiederter Burrito, verlieh seiner Aussage einen gewissen Wahrheitsgehalt.

»Was hast du bitte schon wieder gegen Zeitungen?«, quakte sein schnabelbewährter Kompagnon so monoton zurück, wie es mit dem ohnehin zur Monotonie neigenden Kommunikationsinstrument einer Ente gerade noch möglich ist.

»Kaum hat man es sich mit einer davon im Schilf gemütlich gemacht, der Kaffee ist durch und die Kekse liegen schön arrangiert auf dem Teller, ist das Ding auch schon völlig durchgesifft, und man kann nichts mehr lesen. Nicht mal als Klopapier taugt das Zeug noch, so leicht reißt das Papier. Scheußlich, nak nak!«

Kolben (nur seine Mutter wusste, warum er diesen Namen trug) atmete tief durch. Er war ja selbst schuld: Was hatte er auch unbedingt nachfragen müssen? »Gut Fahrenheit, dann erläutere mir doch bitte, warum eine Ente Zeitungen lesen sollte, die im Wasser ja ganz offensichtlich nass werden. Nak! Enten lesen keine Zeitung.«

»Das sagt wer, nak nak? Professor Doktor Kolben, hä?«, blökte Fahrenheit zurück und plusterte sich auf, was Enten bekanntermaßen nicht nur sinnbildlich wunderbar beherrschen. »Ich lese die Zeitung, damit ich am Ball bleibe. Fördert die Intelligenz. Durch ... äh ... Kreuzworträtsel. Solltest du auch tun. Nak, und überhaupt, bist du denn in Sachen aktueller … äh«, es raschelte, während Fahrenheit sich aus seinem Papierkokon wand, »Flughafenkoalitions…äh…FCBayern genauso im Bilde wie ich?«

»Nak nak, nein, das bin ich nicht. Und du auch nicht. Die Seiten pappen ganz offensichtlich zusammen und du hast einfach vorgelesen, was zufällig aneinander klebt.«

Fahrenheit zog eine beleidigte Schnute, etwas, das Enten genaugenommen immer tun. »Pah, nak, Banause, du! Und tut ja auch gar nichts zur Sache, weil du sowieso keine Ahnung hast. Außerdem … äh … muss ich schauen, was meine ... nak, äh ...«, abermals raschelte es, während Fahrenheit die Zeitung zunehmend in Fetzen zerpflückte, »Apple-Aktien machen.«

»Nak nak nak!«, schimpfte Kolben. »Du hast ganz bestimmt auch keine Apple-Aktien. Eine Ente liest keine Zeitung und sie sollte auch keine Aktien besitzen. Geschweige denn, dass du weißt, was Aktien sind.«

»Aha, und als nächstes erzählst du mir dann, dass Enten nicht Auto fahren sollten, oder was?«, blaffte Fahrenheit, schlug wild mit den Flügeln aufs Wasser und zerriss damit die durchgeweichte Zeitung endgültig.

»Natürlich sollten Enten nicht Auto fahren, nak nak! Du hast noch nicht einmal einen Führerschein.«

»Wozu brauche ich einen Führerschein? Ich weiß doch, dass ich fahren kann. Da brauche ich das nicht noch mal auf Papier. Siehst du ja, was mit Papier im Wasser passiert, nak.«

»Fahrenheit, deine Beine sind nicht mal lang genug, um an die Pedale zu reichen.«

»Ich fahre Automatik.«

»Aha.«

»Nak! Herr Kolben weiß natürlich alles besser, nak nak. Weil Herr Kolben die Weisheit mit Schnäbeln gefressen hat, nak. Vielleicht kann Herr Kolben mir dann ja auch erklären, weshalb ich einen ... äh ... Cadillac besitze, wenn ich ihn nicht fahren kann.«

»Fahrenheit, du hast keinen Cadillac«, bemerkte Kolben nüchtern.

»Natürlich habe ich den, nak nak nak. Steht in meiner Garage«, gab Fahrenheit stolz zurück und putzte zur Feier des Augenblicks sein Gefieder an Stellen, die andere Leute nicht im schmutzigsten Traum mit dem Mund reinigen würden.

»Du hast auch keine Garage. Du denkst dir das alles gerade hier und jetzt aus, wie du es immer tust, nak nak. Und du gibst dir nicht einmal Mühe, es zu verschleiern.«

»Natürlich gebe ich mir Mühe«, protestierte Fahrenheit.

»Zur gehörnten Ente auch, was geb ich mich überhaupt mit dir ab?«

Fahrenheit schwamm einmal im Kreis um Kolben herum, blieb dann auf zwölf Uhr stehen, und wandte ihm seinen Schnabel zu. »Du hast meine Garage nur noch nie gesehen. Wie willst du da auch meinen Cadillac kennen, der ja wohl drinnen steht? Nak nak nak«, schnatterte er traurig und schüttelte theatralisch den Kopf. »Wer so mit geschlossenen Augen durchs Leben watschelt wie du, der sollte sich auch nicht herausnehmen, festzulegen, was eine Ente tun darf und was nicht.« Stolz, diesen philosophischen Exkurs beendet zu haben, steckte Fahrenheit den Schnabel ins Gefieder und schloss genüsslich die Augen.

»Wenn ich so wie du durchs Leben ginge«, gab Kolben zurück, »nak nak, dann wären wir beide schon längst Entenbraten oder Schlimmeres: Geschnetzeltes. Du … du … bist ein Idiot, Fahrenheit, und ich höre sowieso nie wieder auf dich! Wegen dir, nak nak, sind wir erst kürzlich hunderte Kilometer weit geflogen, um dann nach Futter im Salzwasser zu suchen, nur weil du Depp einen großen See mit einem Meer verwechselt hast! Die Salzkruste habe ich immer noch zwischen den Schwimmhäuten. Als wäre das nicht genug, nak nak, hast du mich dabei zusehen lassen, wie du ein umgekipptes Kreuzfahrtschiff begattet hast. Nicht, dass du es versucht hättest, nein, es ist dir gelungen! Bah! Nak!«

»Aber es war doch wohl ein schöner Ausflug«, murmelte Fahrenheit verlegen.

»War es nicht, nak nak! Auf dem Rückweg wurden wir fast von einem Flugzeugtriebwerk zu Federkonfetti verarbeitet. Anschließend sind wir nur um ein Haar einer Welle hirnfressender Zombies entkommen, falls du dich erinnern solltest. Was, nak nak, ist bitte daran ein schöner Ausflug?«

Fahrenheit dachte so laut nach, dass die Singvögel im näheren Umkreis vor Schreck das Weite suchten. »Die Aussicht fand ich zumindest ganz hübsch.«

»Naaak!«, brüllte Kolben, dass sich Fahrenheits Gefieder aufstellte, etwas, das selbst einer Ente normalerweise schwerfällt. »Nichts war da hübsch! Es ist ein Wunder, dass wir überhaupt noch am Leben sind, und du lobst die Aussicht!«

Fahrenheit wich vorsichtig zurück. Ein Entenschnabel mochte nicht scharf sein, aber man konnte ihn jemandem gehörig über die Birne dreschen. Davon konnte er seit jeher ein Lied singen, und Kolben sah aus, als wäre er im Begriff, diese unschöne Tradition fortzusetzen. »Man soll nun mal die kleinen Dinge im Leben wertschätzen, nak nak.«

»Dir ist echt nicht zu helfen, Fahrenheit, nak nak, weißt du das? Ich kann mir dein Überleben nur damit erklären, dass bekanntermaßen Kindern und Betrunkenen nichts passiert und du durch ein Wunder der Natur beide Gruppen in dir vereinst. Und ich, nak nak, stecke irgendwie in deiner Aura fest, so wie das Kaugummi, das dir ständig im Gefieder klebt.«

»Natürlich bist du in meiner ... wie hieß das, nak nak ... Aula«, stimmte Fahrenheit zu. »Wir sind schließlich die besten Freunde.«

Kolben schwamm kopfschüttelnd davon. Die Aussicht darauf, den Rest des Tages über wortlos im Schilf sitzend den Fröschen zu lauschen, übte inzwischen einen gewissen Reiz aus. Fahrenheit derweil schwamm vergnügt über den Teich und unterhielt die Seerosen, die vor ihm davonzuschwimmen schienen, sowie diesen einen Beobachter, der, von den Erpeln unbemerkt, am Rand des kleinen Gewässers zusammengesunken wie ein Sack voll nasser Holzwolle auf einer Parkbank hockte und dem Treiben bereits seit geraumer Zeit zusah.

Der junge Mann seufzte, dass Raum und Zeit sich krümmten, und stand schließlich knarzend auf. Eigentlich, wenn man es genau nahm, dachte er, war er mit seinem Leben doch gar nicht so schlimm dran, wie er immer glaubte. Zwar hatte der Mann, der Gregor Samsa hieß, den Allerwertesten voll Arbeit und deshalb so gar keine Zeit, die schönen Seiten des Lebens zu genießen, geschweige denn, zu erfassen, was diese schönen Seiten überhaupt sein sollten, von denen die Leute so seltsam orakelten, doch alles war irgendwie besser, als eine Ente zu sein. Die beiden, denen er zugesehen hatte, schwammen den ganzen Tag wie zwei Bojen auf ihrem Teich dahin, schnatterten sich gegenseitig oder ihr eigenes Spiegelbild an und schoben sich dauernd den Schnabel in den eigenen Hintern, während sie sich höchstwahrscheinlich nicht einmal annähernd ein Bewusstsein besaßen. Dummes Herumschwimmen schien das Höchste der Gefühle für sie zu sein, ohne dass ihnen je etwas Aufregendes, geschweige denn etwas Erwähnenswertes passierte, und das war ganz gewiss schlimmer als das eigene Dasein.

Ja, das war ein guter Gedanke. Alles war besser, als eine Ente zu sein. Na ja, vielleicht abgesehen davon, ein Käfer oder so zu sein. So ein dickes, sechsbeiniges Insekt, das knackte, wenn man drauftrat. Igitt! Gregor Samsa schlurfte nach Hause, dachte noch etwas nach und arbeitete, dann begab er sich frohgemut zu Bett.

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