Apfelmus – Ein iPhone geht dahin

Ich hatte eine Begegnung der dritten Art. Ich war in einem Apple Store. Keiner, wo man frisches, ungespritztes Fallobst von glücklichen Bauern aus Freilandhaltung kauft, sondern einer dieser Läden, in denen es teure Unterhaltungselektronik zu erwerben gibt, die inzwischen so dünn geworden ist, dass man sich zur Not auch damit rasieren kann. Grund meines Besuchs: Mein iPhone war kaputt, uh!

Mein iPhone, ja genau, dieses nicht ganz billige Telefon aus einer hell strahlenden Zukunft, das von winzigen Kinderhänden aus Einhornknochensplittern gefertigt wird, und biologisch ähnlich wunderbar abbaubar ist, wie ein Komposthaufen voller Plutonium, ging nach nicht mal einem Jahr Verwendung kaputt. Und nein, ich hab mich damit nicht rasiert! Genauer gesagt war es eine der Seitentasten, nämlich die zum Leiserschalten des Geräts, die nicht mehr wollte. Klar, die Jugend von heute kennt eh nur den Lautstärke-rauf-Knopf, der ist’s also wurscht. Doch ist selbige bei mir jetzt auch schon ein bisschen her, und auch, wenn das letzte Motörhead-Konzert mein Gehör wahrscheinlich nachhaltig ruiniert hat, möchte ich den Ton hin und wieder auch ganz gerne mal runterdrehen, um genervte Blicke im Bus zu minimieren. Aber ging ja nicht mehr.

Drum also rein in den Laden - wenn man das noch so nennen kann -, dessen Errichtung länger gedauert hat, als das Hochziehen des Waldorf-Astoria ein paar Meter weiter, der so weitläufig ist wie der Kölner Dom, ähnlich religiös inspiriert anmutet, und in dem man eine Kasse tatsächlich vergeblich sucht. Hier einen Mitarbeiter zu finden, ist nicht nötig, man wird gefunden. Im Gegensatz zum Media Markt etwa, wo man schnell panisch aufschreien möchte, einfach um sicherzugehen, dass der Laden nicht schon geschlossen und menschenleer ist, beträgt im Apple Store die Mitarbeiterdichte etwa zehn Einheiten pro Quadratmeter. Und entsteht doch mal irgendwo ein Service-Vakuum, kann man sicher sein, dass gleich eine Tür aufgeht, aus der ein ganzes Bataillon neuer Angestellter, bewaffnet mit Touchscreen-bewehrten Hiebwaffen, herausstürmt. Sie sind überall! Die dem Apfel Untergebenen in den markanten blauen Shirts manifestieren sich, sobald man auch nur zehn Sekunden auf ein Produkt starrt. Also Augen geradeaus!

»Tschuldigung, wo kann ich hier was reklamieren?«, frage ich den erstbesten Mitarbeiter direkt nach dem Betreten des von penetrant lauter Autoscooter-Musik beschallten Elektroniktempels. Der Blaumann guckt mich erst mal an wie ein Bus. »WAS wollen Sie?!« Uh, Apple-Produkte gehen natürlich nicht kaputt, ich vergaß. Reklamation, welch frevelhaftes Fremdwort! Steinigt mich mit iPod Nanos! Möge ich in der Apfelhölle auf überhitzten iPads schmoren. Neuer Versuch also: »Mein iPhone ist ka-putt. Ich würde das gern re-kla-mie-ren.« Da endlich versteht er und führt mich freundlich und in gebrochenem Deutsch (Jetzt verstehe auch ich, bäm!) zum nächsten freien Mac, klickt ein bisschen rum und meint: »Der nächste freie Termin an der Genius Bar wäre zehn nach drei.« Bitte noch mal? Termin? Ich will keine Wurzelbehandlung, ich will mein scheiß Telefon reklamieren, verdammte Axt!

Dann noch mal klicke-di-klick ... »Geben Sie hier einfach Ihren Namen und Ihre Mail-Adresse ein.« Aha, die erste Prüfung steht mir bevor: Auf den Tasten des Apfels wird er wandeln. Glücklicherweise kenne ich die Tücken der Obstbedienung, denn wer versucht, das »@« einer Mail-Adresse wie auf dem PC einzugeben, scheitert unwillkürlich, beendet mit seiner Tastenkombination das Programm, und zieht Spott und Häme der versammelten Technologiesekte auf sich. Zum Glück bin ich Mitglied und bekomme das mit dem Termin hin. Die nächste Prüfung folgt: »Kommen Sie um fünf nach drei und sprechen Sie den Mann mit dem roten iPad an«, sagt der freundliche Angestellte und deutet mit dem Finger auf einen herumschauenden Mitarbeiter mit tatsächlich rot eingepacktem iPad. Oha, das müssen die Gralshüter sein, gibt es von denen hier höchstens drei oder so.

Pünktlich zum Termin finde ich besagten Reliquienhüter tatsächlich wieder und werde prompt zur nächsten Station geleitet: »Nehmen Sie bitte dort hinten am Tisch Platz. Gleich kommt jemand vorbei.« Gesagt, getan, sitzen meine Freundin und ich auf Barhockern an einem Tisch, als warteten wir aufs kühle Blonde. Umringt werden wir bereits von anderen Kunden und noch viel mehr Apfelshirtträgern, die zusammen kleine Gerätschaften anbeten. Kurz nach dem abgesprochenen Termin - Poff! - manifestiert sich eine freundlich strahlende Angestellte direkt neben uns und erkundigt sich nach dem Wehwehchen meines iPhones. Ich erkläre also den Sachverhalt, erwarte schon fast, dass sie gleich anfängt, das Gerät auseinanderzunehmen oder zumindest so was sagt wie »Tja, tut mir fürchterlich leid, aber das müssen wir jetzt einschicken« - die Hölle auf Erden eines jeden Kunden mit kaputtem Produkt und klare Herzinfarktursache. Doch stattdessen: »Da können wir leider nichts tun. Das muss ich Ihnen umtauschen.« Wie jetzt? Um-tau-schen?! Einfach so? Ohne dass ich entwürdigend die Hosen runterlasse? Ich schaue einigermaßen traurig aus der Wäsche und denke: Geil! Dann sind ja auch die alten Kratzer und Dellen des leider butterweichen Telefons weg.

Poff! - Weg ist sie, und - Poff! - schon wieder da. Dracula könnt’s nicht besser. Mit neuem iPhone. Die müssen die Dinger hier irgendwo gestapelt haben wie Goldbarren. Gott, die armen Einhörner! Zum Abschied - die Dame verkneift sich eine Träne - darf ich mein Altgerät noch mal zärtlich streicheln, bevor es in die Schachtel der Schande gelegt und abtransportiert wird. Zwei, drei Worte zur Neueinrichtung folgen noch, ein warmer Händedruck, und - Poff! - ist die kompetente Priesterin des metallenen Fallobsts auch wieder verschwunden. Donnerwetter! Meine Freundin und ich schauen uns kurz ungläubig an und beschließen: Bloß raus hier! Fünf weitere Minuten in diesem komischen Tempel, und wir kommen vermutlich nicht ohne einen Sack voll neuer MP3-Player, Computer, Tastaturen, Adapter für alle Gelegenheiten und jede Menge Design-Netzteile raus. Puh!

4 Gedanken zu “Apfelmus – Ein iPhone geht dahin

    1. PhanThomas

      Beitragsautor

      Klar, da spielt natürlich viel mehr als rationales Denken rein. Ginge ich danach, was ich alles nicht wirklich brauche, könnte ich 'ne ganze Menge Geld sparen. Und dann? Irgendwann kommt der Staat und sagt: So, jetzt wie in Zypern - Her die Kohle!

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