#neuland – rekapituliert

Eigentlich wollte ich die Diskussion um #neuland umgehen, und bisher ist mir das auch ganz gut gelungen. Da mein Kopf sich aber nicht um derlei Vorsätze schert und dennoch durchdenkt, was es da eben zu durchdenken gibt, seien hier die Ergebnisse meiner Herumdenkerei hier kurz zu digitalem Papier gebracht.

Wenn man ehrlich ist, brachte Angela Merkel ein sehr deutsches Problem auf den Punkt, als sie meinte, das Internet sei für uns alle Neuland. Fakt ist, wir werden nicht nur von einem Tross halb mumifizierter Internetausdrucker regiert, denen jegliches Verständnis der digitalen Welt abgeht, nein, die Wurzeln der Problematik reichen viel tiefer, nämlich durch die ganze Gesellschaft, bis tief hinein ins Milieu.

Es ist eine typisch deutsche Eigenschaft, Risiken bis ins kleinste Detail abzuschätzen, bevor Chancen ergriffen werden. Was für unsere Ingenieurskunst essenziell sein mag, ist der Klumpfuß der Informationstechnologie. Der Deutsche agiert erst, wenn wenn das Für und Wider mit ebenso deutscher Sorgfalt abgewägt wurde. Das Ergebnis ist dann selten mehr als ein irgendwie halbgar anmutender bis fauler Kompromiss. Dass all die großen Projekte aus Übersee kommen, egal ob sie sich nun Facebook oder Twitter nennen, ob sie Apple, Microsoft, Amazon oder Oracle heißen, sie alle sind Resultate einer amerikanischen Denk- und Handlungsweise. Sie sind das Ergebnis derer, die ihre Chancen zur rechten Zeit genutzt haben, die auf Zweifler und Konformisten gepfiffen haben. Sie sind die Produkte der Andersdenker, die sich nicht davor scheuen, über den Tellerrand zu schauen. Sie schaffen die erfolgreichen Produkte, die irgendwann auch zu uns herüberschwappen, die erwähnten halbgaren Copycats aus dem Netz fegen, und letztlich aufgrund ihres oft als rüde empfundenen Vorgehens, was Datenschutz und ähnlich sensible Themen betrifft, als Bedrohung einer integeren Gesellschaft empfunden werden.

Unser großes Problem ist stets, dass wir versuchen, neue Ideen des digitalen Zeitalters alten Normen und Gesetzmäßigkeiten anzugleichen, statt diese zu hinterfragen und sie behutsam und mit Augenmaß der digitalen Welt anzupassen. Resultat dieser Arbeitsweise sind massenweise Rohrkrepierer, egal ob sie nun ELENA heißen, De-Mail oder auch StudiVZ. Sie alle scheitern an der Risikoscheue der Deutschen und einer kollektiven Weigerung davor, sich für eine Anpassung eingestaubter Rechtszustände einzusetzen. So wird wird am Ende nicht die Basis den neuen Erfordernissen angepasst, sondern umgekehrt. Wenn der Boden nicht für den Bau ausgelegt ist, den man letztlich auf ihm errichtet, muss sich niemand wundern, wenn am Ende das ganze Konstrukt einstürzt, nur weil niemand eine sachgemäße Bodenplatte verlegen wollte.

Was wir von den Amerikanern lernen können, ist sicher nicht einmal deren laxer Umgang mit Persönlichkeitsrechten und Datenschutz im Internet, viel mehr aber die Bereitschaft, für Veränderungen das große Ganze anzupacken und nicht nur den Teil, den man ergänzen möchte. Solange diese Einsicht und die Fähigkeit, sich dieser Denkweise überhaupt anzunehmen, hierzulande völlig fehlen, solange die digitale Kompetenz nicht nur in der Legislative, sondern auch im Kern der Gesellschaft nicht vorhanden sind, genauso lange wird das Internet wenigstens für uns Deutsche wohl tatsächlich #neuland bleiben.

 

Nachschmiss: Ideen wie ein deutsches Google lassen mich angesichts der Pleiten-, Pech- und Pannenserie deutscher IT-Projekte, egal, ob sie nun staatlicher oder privater Natur sind, erschaudern.

2 Gedanken zu “#neuland – rekapituliert

  1. Der Spruch unserer Kanzlerin hatte eigentlich zwei Aussagen:

    #1 Das Internet ist ein großes Mysterium und wir haben davon keine Ahnung - im Jahre 2013 ist das erschreckend. Wenn die CDU schon das halbe Programm von der SPD klaut, dann kann sie den Teil doch von den Piraten raubkopieren.

    #2 Weil das Internet neulich so plötzlich auf der Bildschirmfläche erschienen ist, ist es nicht schlimm, wenn man noch kleinere Ecken und Kanten im rechtlichen Handling davon hat - das ist die schlimmere Aussage, denn sie verharmlost, dass die NSA und GCHQ den privaten Datenaustausch von Bürgern anderer souveräner Staaten ohne rechtliche Grundlage ausspioniert hat.

    Ich glaube Frau Merkel hat das gesagt, weil sie erkennt, dass Obama trotz aller Skandale um Drohnen, Spionage und Guantanamo immer noch bei den Deutschen beliebt ist und sie sich weiterhin mit ihm assoziiert sehen möchte - daher verharmlost sie seine Fehler.

    Antwort
    1. PhanThomas

      Beitragsautor

      Das ist ja im Wesentlichen, was im Posting hier (http://phan-thomas.de/2013/06/obama-und-meine-meinung-auch-wenn-sie-keinen-interessiert/) beschrieben habe.

      Weil man dieses #neuland allerdings auch von der Warte der Unkenntnis her betrachten kann, und weil ich das eben tun wollte, habe ich hier noch ein Posting nachgeschoben. Denn es ist nun mal tatsächlich so, dass zumindest in Deutschland das Internet im wahrnehmbaren öffentlichen Feld Neuland ist. Allerdings gilt das für die Informationstechnologie hierzulande insgesamt.

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