Obama und meine Meinung, auch wenn sie keinen interessiert

So ein Blog ist immer dann eine wunderbare Sache, wenn es darum geht, sich fürchterlich über etwas aufzuregen, ohne jemanden dabei direkt anzubrüllen. Zum Beispiel über US-Präsidentenbesuche in Berlin. Überhaupt, was haben die Besuche von US-Präsidenten und Päpsten gemeinsam? Richtig, sie machen Werbung für ziemlich dicke Glasscheiben und erzählen einem was vom Pferd. Päpste reden über den Blödsinn, den sie vermutlich schon vor tausend Jahren vom Stapel gelassen haben, mit der Ausnahme, dass sie nicht mehr zu Kreuzzügen aufrufen vielleicht. Und Präsidenten, oder nehmen wir Obama doch direkt mal her, die reden über bald geschlossene Gefängnisse auf Kuba etwa. Wie schon vor fünf Jahren. Yes, we can! Wozu überhaupt schließen, wenn es doch schon langen würde, die Missstände dort zu beseitigen? Wenn ein Hotel von Kakerlaken befallen ist, reißt doch auch keiner das ganze Gebäude ab, ohne wenigstens den Kammerjäger mal gerufen zu haben (es sei denn, es handelt sich um Meter große Schaben aus dem All). Macht nichts, erzählen kann man ja erst mal viel.

Und dann natürlich das Geschwafel über die atomare Abrüstung. Alter Hut natürlich, geht aber immer und lässt den Putin ganz schön blöde aussehen. Yes, we can. Und das mit der ganzheitlichen Überwachung für alle Fälle durch die NSA? Yes, we can. Und warum auch nicht? Ist ja nicht so, als hätte unsere charmante Staatschefin Herrn Obama dafür getadelt, nö - im Gegenteil: Wenn schon der sonst so charismatische Heilsbringer aus Übersee keinen geschichtsträchtigen Satz hinbekommt, dann zeigt ihm eben Frau Merkel, wie's richtig geht. »Das Internet ist für uns alle Neuland«, hat sie gesagt und sich damit zum Gespött einer Gemeinde gemacht, in der sich selbst die Digital Natives schon längst rasieren. Na wenigstens ihr Ausspruch bleibt einem im Gedächtnis, hä?

Denn dieser Satz ist natürlich erst mal ausgesprochen ungeschickt. Er repräsentiert alles, was die CDU in Sachen Netzpolitik ausmacht: nämlich nichts. Wäre die CDU ein Unternehmen, sie wäre die Telekom. Statt sich in das für sie unbekannte Feld einzuarbeiten, überlässt sie es weitestgehend ihrem Juniorpartner FDP, was die Sache eigentlich noch viel trauriger macht. Kommt hinzu, dass Merkels Satz ziemlich widerwärtig Partei für das Spitzelprogramm der USA ergreift. Frei nach dem Motto: Das Internet ist groß und böse, und wir verstehen es alle nicht so richtig. Da ist es doch gut, dass einer auf uns aufpasst und drauf achtet, dass niemand Schindluder treibt. Bah!

Tja, viel mehr kam nicht herum bei Herrn Obamas tollem Besuch, oder? Ob er sich gewundert hat, weshalb Berlin aussieht wie nach einer Zombieapokalypse - nämlich menschenleer? Nun, vielleicht ist das ja überall so, wo dieser Mann mitsamt Gefolge auftaucht. Hat eigentlich wer die Berliner gefragt, ob sie den Trubel haben wollen? Verschobene Flüge, das ganze Brimborium um abgeschleppte Autos, gesperrte Straßen und ausfallende öffentliche Verkehrsmittel? Das Verbot, bestimmte eigentlich öffentliche und durch Steuern von Berliner Bürgern finanzierte Plätze zu betreten, das Verbot das eigene Fenster zu öffnen? Ach was, die Berliner saßen vermutlich in den Kneipen und Biergärten der Stadt und ließen Obama Obama sein. Und wer sollte es ihnen verübeln? Vorgelassen wurde der Pöbel ohnehin nicht, also tat man gut daran, diesem überzogenen Spektakel mit Desinteresse zu begegnen.

Und was hat die Aktion eigentlich gekostet, die so gar keine Früchte getragen hat, abgesehen vom Internetkompetenzmangeleingeständnis der Kanzlerin? Gerade im Hinblick darauf, dass nach der Flutkatastrophe der letzten Wochen immer noch so viele Menschen vor dem existenziellen Nichts stehen, scheint mir ein solcher Empfang, der Millionen verschlungen haben wird, die vielen geholfen hätten, als reichlich unangebracht. Da wird das Lächeln des Strahlemanns zu einer grotesken Fratze, stellvertretend für die Schieflage, dass in den Regierungen dieser Welt eben keine Volksvertreter sitzen, die diesem dienen, sondern eine ganz eigene Klasse Mensch, deren Interessen die der anderen nicht nur bei Weitem überstrahlt, sondern sie sogar behindert. Tja, und dafür muss man nicht mal in einem kommunistisch regierten Unterdrückungsstaat leben, wer hätte das gedacht? Aber wie sagte mal jemand zu mir? Im Kommunismus werden Menschen von Menschen ausgebeutet. Im Kapitalismus ist es genau umgekehrt.

4 Gedanken zu “Obama und meine Meinung, auch wenn sie keinen interessiert

  1. Was du da als letztes ansprichst ist leider das Problem von 'alter' Elitendemokratie. Mit der Zeit heben sich die Repräsentanten immer weiter von ihrem Wahlvolk ab und setzen immer stärkerere Filter für die Ideen, welche ihre Politik bestimmen sollen, sodass der einzelne Wähler sich nicht mehr wiedererkennt. Trotzdem mMn immer noch besser als direkte Demokratie in einem 80-Millionen-Staat mit sehr heterogener Gesellschaft. Was die für einen Output erzeugen würde, will ich mir garnicht vorstellen...

    PS: Sehr gefallen hat mir der Satz: "[...] und sich damit zum Gespött einer Gemeinde gemacht, in der sich selbst die Digital Natives schon längst rasieren." Verdeutlicht so richtig schön, wie lange das Problem ignoriert wurde.

    Antwort
    1. PhanThomas

      Beitragsautor

      Direkte Demokratie wäre Quatsch. Die Massen sind viel zu manipulierbar. Ich wünsche mit Volksvertreter mit mehr Idealismus und weniger Blick auf den winkenden Aufsichtsratsposten. Und mit mehr Bodenständigkeit natürlich.

  2. "Im Kommunismus werden Menschen von Menschen ausgebeutet. Im Kapitalismus ist es genau umgekehrt." was soll man da noch sagen - ganz genau! aber auch das kein neuland mehr, bloß, wo bleibt das ufer eigentlich?

    Antwort
    1. PhanThomas

      Beitragsautor

      Ach, vielleicht sind wir dafür schon zu abgesoffen. Dann sieht man höchstens den Grund, nicht aber das Ufer.

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