Wahre Helden

Ich bin Batman. Quasi. Nur besser. Ich darf das sagen, denn die Gemeinsamkeiten sind frappierend: Ich arbeite meist im Dunkeln und mache die Welt ein kleines Stück besser, während kaum jemand da draußen von meinem Tun Notiz nimmt. Bis ich mittels Fortschritt seinen Job wegrationalisiere, denn ich bin Computerexperte, IT-Spezialist, Softwarekünstler*, Bitbumser**, Superheld, ausgestattet mit der Fähigkeit, mir krudeste Tastenkombinationen zu merken, speckige Mäuse mit mehr als sieben Tasten zu bedienen und an der Kaffeemaschine nach Tassen zu suchen. Das kann nicht jeder, drum Fachkräftemangel voraus. Und ich kann sogar Drucker! Ich und meine Zunft, wir sind Batman, ich sage es ja, nur besser.

Der echte Batman mag als Bruce Wayne erfolgreich sein, blendend aussehen, hat eine volle Garage, ein noch volleres Harem, ein unfassbar volles Konto und guten Stuhl. Ganz der Lebemann bei Tag, bei Nacht dagegen eine in Gadgets beinahe ersaufende menschliche Fledermaus, die ihre Unterhosen zuoberst trägt, die wahnsinnig coole Seilpistole, die ich als Kind so gern selbst besessen hätte, stets im Anschlag. Ich dagegen mag das Charisma einer heißen Pellkartoffel mit Quark haben, doch führt Batman etwa auch seinen eigenen Kugelschreiber mit sich? Oder ein Fünf-Kilo-Notebook, das ihn vermutlich nachhaltig zu einem wandelnden schiefen Turm von Pisa macht? Wabbelige Visitenkarten, gespickt mit Abkürzungen, die kein Mensch versteht? Ein Blackberry, auf dem man vergeblich den Touchscreen sucht? Na also, ich habe dem Kerl Einiges voraus.

Batman ist der dunkle Ritter, Beschützer der Schwachen, Hüter der Gerechtigkeit, bla bla bla. Das ist nichts, denn ich bin die Prostituierte für digitale Bedürfnisse jeglicher Art. Mein Bat-Signal muss nicht erst als Lichtkegel an den wolkigen Himmel geworfen und mit Musik von John Williams untermalt werden, meines landet direkt und so ungefragt wie ungewollt im Outlook-Kalender und piepst unmotiviert.

Dann eile ich hin zum Tatort, nicht wie Batman in geschmacklos geformten Fluggefährten mit fragwürdigen Flugeigenschaften, oh nein, wahre Helden fliegen Holzklasse, ohne sich hinterher zu beschweren. Am Ort des Geschehens wird zuverlässig jedes Übel beseitigt, das irgendein Superschurke hinterlassen hat, in der Regel der letzte IT-Fachmann, mein Vorgänger, dessen Steinzeitlösung in Sachen Usabilitiy nicht mehr up-to-date performt, Enterprise Application Integration von gestern, ohne SOA und SaaS ist eh kein Blumentopf zu gewinnen, Cloud-Features fehlen völlig, von Big Data ganz zu schweigen. Tja, wir sterben als Held oder leben so lange, bis wir selbst der Böse sind. Oder anders: Wir gehören dem einzigen Wirtschaftszweig an, der sich selbst am Leben erhält, indem er morgen die Fehler von heute ausbügelt.

Mein Batcave ist das Hotel, in Sachen Helligkeit und Gemütlichkeit dem Original durchaus ebenbürtig, nur die Fledermäuse fehlen. Schlürfe ich nicht Bauschaummilch aus schlecht gewarteten WMF-Vollautomaten und atme Herztodkaffee im Büro, dann sitze ich hier, freilich ohne Kaffee, weil der so viel kostet wie eine ganze Kaffeeplantage in Nicaragua samt Erntehelfern und mit deutschen Tagesspesen, die Dagobert Duck noch persönlich errechnet hat, schlicht nicht zu bezahlen ist. Wir wahren Helden haben eben ein härteres Los als überreiche Jet-Set-Fledermäuse mit Nylonfetisch, und es kommt noch schlimmer.

Denn mag ein Batman bei Tag ruhen, ich arbeite selbst nach Feierabend weiter und bekämpfe jegliches Unrecht dieser schönen neuen High-Tech-Welt. »Die Lampe am Drucker blinkt so komisch. Muss das so?« »Die Word-Dateien lagen gestern aber noch genau hier. Also ich hab die nicht gelöscht. Diesmal wirklich!« »Irgendeiner hat hier schon wieder alles umgestellt. Und das Internet ist auch ständig weg.« Die Taten mögen noch so perfide sein, die Schurken feige, denn nie weiß jemand, wer’s war, ich löse das Problem trotzdem. Und wenn ich noch so tief in den Staub unterm Schreibtisch eintauchen muss, nichts ist schöner als ein grünes Signallämpchen am stinkenden Uraltlaserdrucker mit krebserregendem Feinstaubausstoß, das mir sagt: Alles wieder gut … vorerst. Doch bekomme ich wie Batman einen eigenen Kinofilm als Dankeschön spendiert? Nein, viel besser, denn Zelluloid ist vergänglich, die Gewissheit aber, dass der Gerettete auch beim nächsten Mal wieder zum roten Telefon greifen wird, weil irgendjemand das Internet geklaut hat, die bleibt. Denn nie vergisst er: »Du machst doch was mit Computern. Kannste hier mal gucken?«

So ziehen wir weiter, ruhelos vor Koffein, hangeln uns von Keyboard zu Keyboard, den dunklen Bedrohungen Burnout und Bandscheibe stets einen Schritt voraus. Wo dem gewöhnlichen Probanden der Humor längst vergangen wäre, erfreut der unsrige sich seines Lebens mit dem Kopf in der Schlinge. Und wer sich fragt, wann vor lauter Arbeit Texte wie dieser entstehen, dem sei der Schlachtruf des IT-Helden ans Herz gelegt: Viva la Prokrastination!

 

* So bezeichnete sich tatsächlich ein schwäbischer Programmierer mir gegenüber vor ein paar Jahren selbst.
** So bezeichnete ein Headhunter wenige Jahre später Leute wie den aus *.

4 Gedanken zu “Wahre Helden

    1. PhanThomas

      Beitragsautor

      Dafür bin ich ja berüchtigt. Aber ich gebe zu, manchen Satz musste ich dann auch dreimal lesen. Mit zusammengekniffenen Augen. 😉

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Du möchtest einen Kommentar hinterlassen, weißt aber nicht, was du schreiben sollst? Dann nutze doch den KOMMENTAROMAT! Ein Klick auf einen der Buttons unten trägt automatisch die gewählte Reaktion in das Kommentarfeld ein. Du musst nur noch die Pflichtfelder ausfüllen und den Kommentar abschicken. :)