Runter kommen sie alle

Runter kommen sie alle(Cover: © RainerSturm / pixelio.de; www.pixelio.de) »Sag was du willst, Hamsterchen, aber das mit dem Urlaub war doch wirklich eine dufte Sache, was? Den ganzen Tag hier im Liegestuhl herumlümmeln, während die Sonne uns auf den Pelz brennt, und die Getränke gibt’s quasi auch noch umsonst obendrauf.«

Rüdiger Hagemann räkelte sich ebenso genüsslich wie unerhört auf seinem gepolsterten Untergrund und kippte sich den Rest seines Cappuccinos in den Schlund.

»Ach, Kruzifix aber auch! Wären nur die vermaledeiten Becher nicht so klein. Wahrscheinlich hoffen die, dass man die Inklusivgetränke nicht hektoliterweise in sich reinschüttet, aber den Pfennigfuchser hält doch so was nicht auf. Was meinst du, Schatz, willst du uns nicht noch schnell einen Kaffee für uns zwei Schnuckelchen holen? Oder besser noch, mir vielleicht noch mal einen Kakao?«

»Grmpf!«, grmpfte seine Frau in ihre Welt Kompakt, ohne ihren Gemahl auch nur eines Blickes zu würdigen.

»Wie war das? Na, wenn du gehst, pass dieses Mal beim Automaten auf, ja? Sobald der Kakao erst im Becher ist, warte nicht, bis das Ding noch heißes Wasser oben drauf gespuckt hat, sonst wird am Ende wieder so eine unsäglich dünne Suppe draus. Timing, Schatz, darauf kommt es an. Nicht nur beim Fußball, nicht wahr? So hat schon Opa Rolf immer gesagt, wenn er davon erzählte, wie er im Krieg dem bösen Russen mit dem Karabiner eins auf die Zwölf …«

»Rudi, verdammt! Hältst du jetzt endlich mal die Schnauze? Ich hätte nicht schlecht Lust, dir deinen ... deinen blöden Becher da quer in den Hals zu rammen.« Die ersten zusammenhängenden Sätze, die Gisela Hagemann, untermalt vom Geräusch einer rasch komprimierten Zeitung, seit ungefähr zwei Stunden von sich gab, deuteten nicht darauf hin, dass sie den derzeitigen Urlaubsstatus ihres Mannes teilte.

»Aber Mäuschen, was hast du denn?«, fragte Rüdiger die Frage der Fragen, wie sie nur eine entnervte Partnerin zu schätzen weiß, und unterbrach das Räkeln passend zur abdriftenden Artikulationsweise seiner Frau für einen Moment.

»Was ich habe? Was ich HABE? Ich habe keine Nummer vom Scheidungsanwalt parat, DAS habe ich, Rüdiger Hagemann!«

»Aber ... aber Hasipups!«

»EX! EX-Hasipups! Urlaub hast du mir versprochen, ausgedehnte Spaziergänge am Strand, Sonnenbäder und abends guten Wein auf der Terrasse. Stattdessen …«, Gisela deutete mit ausschweifender Handbewegung auf das recht belebte Umfeld, das größtenteils aus kommenden und gehenden Urlaubern zu bestehen schien. »… DAS hier!«, peitschte sie die Ellipse ans Ausrufezeichen.

»Also nun mach aber mal halblang. Die Spaziergänge, die kannst du doch gerne haben, mein Giräffchen. Daran soll es ja nun wirklich nicht scheitern. Und baden wir etwa gerade nicht in der Sonne, hm? Gut, das mit dem Wein … Nun ja, ich weiß allerdings gerade ehrlich nicht, was gegen Kakao spricht. Du kannst von mir aus auch einen Espresso haben, oder was der Automat dahinten sonst so hergibt, wenngleich der deinem derzeitigen Puls vielleicht etwas weniger zuträglich sein könnte. Außerdem …« Rüdiger, dessen Mund dem Hirn allzu oft ein paar Beinlängen voraus war, zog es vor, wenigstens diesen heiklen Satz aus Gründen der Diplomatie nicht zu beenden.

»Außerdem WAS, Rüdiger?«

Nun gut, sie hatte es ja nicht anders gewollt. »Außerdem«, begann Rüdiger erneut und fuhr nach ausgedehnter dramaturgischer Pause fort, »ist alles die Schuld dieser rumänischen Bordsteinschwalbe.«

»Rüdiger! Nenn die Frau noch ein einziges Mal so, und ich knall dir eine, dass hier überall die Scheiben aus dem Rahmen fallen. Im Übrigen ist die ganze Misere überhaupt nur deine Schuld. Deine ganz allein!«

»Jetzt wirst du aber unfair, Goldkäferchen.«

»Bist du jetzt schon so vergesslich, ja? Soll ich dir die ganze Geschichte noch mal aufbereiten?«, drohte Gisela.

»Nun, also ... wenn du schon so fragst ... ja, ich insistiere deutlichst!«

»Na wenn du sogar insistierst«, grollte Gisela so kursiv wie möglich, »dann fangen wir doch da an, wo alles noch nach zwei Wochen Erholung unter Palmen aussah.«

 

 

»Und Gisela, Pantoffelkäferchen? Ist es denn jetzt so schlimm, das Fliegen?« fragte Rüdiger, sauber angegurtet auf Platz 34B im Airbus A-irgendwas sitzend und des wohl verdienten Inselurlaubs harrend, der da in Kürze kommen mochte.

»Herrgott Rüdiger, wie oft willst du mich das noch fragen? Wenn das deine Art ist, darauf hinzuweisen, welch grandioser Weltkenner du doch bist, dann antworte ich dir auch gern ein fünfzehntes Mal: Nein, es ist nicht schlimm, Schatz. Nicht, solange niemand den Weg zwischen mir und der Toilette blockiert.«

»Na also. Opa Rolf sagte seinerzeit stets, runter kommen sie alle, vor allem die, die seine Messerschmidt hinter sich hatten. Ich dagegen pflege doch eher zu sagen, wenn es zu schnell runter geht, kriegst du eh nichts mehr mit, und wenn es langsam geht, musst du dir nur dann Sorgen machen, wenn am Ende Katzenhaie um deine Füße schwimmen, obwohl du den Gurt noch nicht gelöst hast.«

Gisela Hagemann warf ihrem Mann einen Blick der Marke Fleischermesser zu. »Wenn du doch so freundlich wärst, dir deine Geschichten für die Firmenweihnachtsfeier oder Ähnliches aufzusparen, dann wäre ich dir sehr verbunden, Rudilein.«

»Aber gern doch, mein Sahnebällchen. Nichts für ungut.«

»Ahem … Entschuldigen Sie bitte, was möchten Sie trinken?«, mischte sich eine Stimme ein. Nach einigen Sekunden des Starrens meinte Rüdiger, hinter der Zweizentimeterschicht aus Lippenstift und Make-Up ein Gesicht zu erkennen.

»Ach guck an, Gisela, jetzt kriegt man hier sogar schon Getränke angeboten. Na das lob ich mir«, flötete er und deutete mit nacktem Zeigefinger auf die offenbar leicht irritierte Stewardess.

»Rüdiger, das müsstest du als Jetsetter von Welt doch aber wissen. Ich denke, du fliegst mehr, als du am Boden bist.«

»Mehr als ich pis...«

»Ja ja, den genauen Wortlaut erspar uns bitte.«

»Äh, das tue ich ja auch. Ich wollte dich nur darauf hinweisen, Tapseltigerchen.«

Gisela Hagemann, die eine Lüge erkannte, wenn sie so dick war wie der Hintern eines Brauereipferdes, strafte ihren Mann mit der Art scharfem Blick, der selbst knochentrockenes Brot zu schneiden vermochte.

»Ich schätze, ich sollte darauf bestehen, dass du mir künftig die Flugtickets zeigst, Rü-di-ger«, murmelte sie.

»Dürfte ich Sie höflich daran erinnern, dass ich Sie soeben nach Ihrem Getränkewunsch befragt habe? Unsere Zeit ist leider begrenzt und andere wollen auch noch«, merkte die Stewardess mit arsengesüßter Stimme an.

»Na Sie sind mir ja eine! Einfach dazwischenquatschen. Wo gibt‘s denn so was?«

»Rüdiger! Reiß dich gefälligst am Riemen!«, donnerte Gisela.

Rüdiger seufzte. »Sie hören ja meine Frau«, sagte er. »Ich nehme dann also … ähm … tja … ich würde sagen … hm … wir fliegen ja noch ein Weilchen, nicht wahr? Also wenn das so ist, dann geben Sie mir doch … beim Allmächtigen, das will gut überlegt sein …«

»Rüdiger jetzt komm zu Potte, verdammt und zugenäht!«

»Gut, geben Sie mir doch bitte zehn Bier.«

»Bitte WAS?«

»Ja, was sagt man dazu?« Rüdiger zuckte in einer Geste der Verwunderung mit den Schultern. »Ist die Dame denn taub? ZEHN BIER, hab ich gesagt. HÄTTE ICH GERNE. Himmel herrje, ein Service ist das hier!«

Fluggäste bis in Reihe zehn drehten sich kollektiv um, während die Gesichtsröte der Stewardess unter dem undurchdringlichen Schild aus hochwertigen Kosmetikprodukten verborgen blieb.

»Also zehn Bier schenken wir hier für gewöhnlich nicht aus«, sagte die Stewardess im Tonfall bemühter Freundlichkeit kurz vor der unvermeidlichen Kriegserklärung. »Ich kann Ihnen ein Bier anbieten. Und wenn Sie denn wünschen, gern noch was anderes. Ein Wasser vielleicht?«

»Wasser? Wasser??? Madame, wir fahren in den Urlaub! Sehe ich aus, als würde ich als treuer Steuerzahler während meiner freien Tage Wasser trinken? Ich sehe doch, wie winzig diese Probierpackungen von Bierflaschen sind, die Sie hier verteilen. Der Herr dort drüben hat gerade eins bekommen und ich hatte schon Angst, er könnte versehentlich die ganze Flasche einatmen. Was soll also ich mit so einer Kinderportion Bier? Donnerlittchen, nun machen Sie aber mal ‘nen Punkt!«

»Also wenn Sie sich betrinken wollen, kann ich Ihnen alternativ auch was Höherprozentiges anbieten. Einen Wein vielleicht?«

»Hier wird sich nicht betrunken!«, schimpfte eine gewisse Ehefrauenstimme dumpf aus dem Hintergrund der aktuellen Szenerie.

»Wein? Ja sind wir hier bei feine Leute? Vielleicht noch einen Hummerschwanz zum Knabbern, was? Aber gut, wenn Sie schon so fragen, dann geben Sie mir … hmm ... fünf davon.«

»Fünf WAS?«, blökte eine recht geforderte Stewardess, deren vormals streng gebundenes Haar plötzlich wie von Zauberhand reichlich gerauft wirkte.

»Junge Dame, Sie klingen schon wie meine Frau, und das ist gerade KEIN Kompliment.«

»Untersteh dich!«, ergänzte der Hintergrund.

»Fünf Weine, natürlich. Was soll denn diese alberne Frage? Wie soll ich sonst auf einen anständigen Urlaubspegel kommen? Das erklären Sie mir mal!«

»Also wenn Sie so weitermachen, dann bekommen Sie gar nichts.«

Rüdiger Hagemann erinnerte sich, eine Ehefrau anbei sitzen zu haben, und wandt sich selbiger, auf Artilleriefeuer hoffend, betont empört zu.

»Hast du das gehört, Butterböhnchen? Jetzt wird diese ... diese rumänische Bordsteinschwalbe auch noch frech.«

»Wie bitte?!«

In der Hinterreihe spuckte jemand Tomatensaft an den Sitz.

»Rüdiger!«

»Ja was denn? Das Gör hat sich Schminke dick wie Kevlar ins Gesicht gekleistert. Da käme nicht mal Opa Rolfs Hinterlader durch. Das sieht man so doch sonst nur bei rumänischen Bordsteinschwalben und russischen Hafennutten.«

»Na da kennt sich ja wohl einer aus«, stellte Gisela Hagemann nicht zur Gänze wertungsfrei fest.

»Herrgott, Duftsternchen, ich … lese eben viel.«

»So, das war es übrigens. Ich werde mich über Sie beschweren«, polterte die Stewardess und schubste das Getränkewägelchen weiter. »Sie sind das letzte Mal mit uns geflogen, das verspreche ich Ihnen.«

»Also das ist ja wohl …«, brummte Rüdiger und begann mit der Schnappatmung. »Augenblicklich werde ich mich beim Kapitän beschweren, oder wie sich Ihr Vorgesetzter hier oben auch immer nennen mag.«

»Da können Sie jetzt aber nicht hin, also bleiben Sie gefälligst sitzen.«

»Jetzt lass ich mir von einer wie Ihnen noch sagen, was ich zu tun habe? Na das wollen wir ja mal sehen!«, gab Rüdiger Hagemann rüde zur Antwort, löste mit lässigem Handgriff den Gurt und erhob sich wie ein erwachter Golem von seinem Platz. Ein Missverständnis sorgte dafür, dass eine nervlich inzwischen sehr angespannte Stewardess den Eindruck gewann, der Irre mit dem Wunsch nach literweise alkoholischem Gesöff komme direkt auf sie zu, während Rüdiger Hagemanns Blick tatsächlich auf den Gang gerichtet war. Beides resultierte schließlich darin, dass ein sehr massives Paar Handschellen, geführt von zarten, mit rot lackierten Nägeln bestückten Fingern, ungesehen mit Rüdigers Jochbein kollidierte, wobei die Handschellen den eindeutigen Sieg davontrugen: K.O. in der ersten Runde.

 

 

»Und du willst mir jetzt immer noch allen Ernstes weismachen, das arme Mädel, das schon genug damit gestraft ist, hundertmal nach den gewünschten Ergänzungen zum Tomatensaft fragen zu müssen, sei daran schuld, dass wir jetzt hier festsitzen? Du hast dich doch benommen, wie ein Neandertaler! Gott, Rüdiger Hage-EX(!)-Mann, hoffentlich war in diesem Flugzeug keiner, der uns kannte!«

»Pah«, zischte Rüdiger Hagemann trotzig wie ein Viertklässler im Büro des Direktors. »Konnte ich denn ahnen, dass diese Schickse unter ihrem Rock solche Waffen trägt?«

»Jetzt hör aber mal auf und schieb dir deinen Sexismus dahin, wo keine Sonne scheint! Es ist schlimm genug, dass wir hier notlanden mussten, damit die Sicherheitskräfte dich gewaltsam entfernen konnten.«

»Als wäre das nötig gewesen. Meine Nase sieht bestimmt aus wie eine faulige Kartoffel. Jedenfalls fühlt sie sich so an. Für solche Gerätschaften sollte man vorher einen Waffenschein vorweisen müssen, aber wem sag ich das ... Hmpf!«

»Ach, jetzt jammere auch noch! Mir hast du den Urlaub ruiniert, du Held! Wir sitzen auf diesem Flughafen hier fest, fernab unseres eigentlichen Urlaubsziels, ohne Tickets für einen Rückflug, ohne überhaupt irgendwas, nur mit der Gewissheit, dass wir nach unserer Rückkehr, wie auch immer uns die gelingen mag, eine ziemlich saftige Rechnung für den ungeplanten Zwischenhalt im Briefkasten vorfinden werden. Plus die angekündigte Anzeige wegen vermutlich allem, wofür man angezeigt werden kann. Rüdiger, du hast uns den Urlaub gehörig versaut. Drum sag ich es noch einmal: Halt endlich die Schnauze, sonst muss ich am Ende auf Unzurechnungsfähigkeit plädieren!«

»Jetzt werd du auch noch undankbar, mein Elfenpopöchen!«

Gerade, als Gisela Hagemann sich anschickte, im Affekt zu handeln, schaltete sich ein Herr in sorgsam gebügelter Uniform ein.

»Guten Tag die Herrschaften!«, sprach er in leicht gebrochenem Deutsch. »Dürfte ich Sie bitten, die Strandtücher, den Camping-Grill und das ganze andere Zeug wieder einzupacken, das Sie hier verteilt haben? Das ist ein Flughafen-Terminal und kein Badestrand, klar?«, sagte der Herr, der jegliche Freundlichkeit in seiner Stimme von vornherein vermissen ließ, dafür die Hand vorsichtshalber aber schon mal am Knüppel an seinem Gürtel platziert hatte.

»Bitte? Also was erlaubt der Kerl sich? Wir sind hier im Urlaub. Sehen Sie nicht, dass wir die Sonne bei einem ... einem Becher mit ... was da auch drin gewesen sein mag, genießen?«

»Rüdiger, bitte!«, tönte es dumpf aus einer Welt, die just abermals in den Hintergrund entschwunden war.

»Ich sage es genau noch ein einziges Mal: Packen Sie Ihr Zeug und verschwinden Sie!«, fasste der Beamte seine Bitte mit der Höflichkeit einer Abrissbirne im Schwung zusammen.

»Also das ist ja wohl … Hast du das gehört, meine Lotusblüte? Wo ist Ihr Vorgesetzter, hä? Ich werde mich sofort beschweren. Aus dem Weg, Sie!«

»Rüdi…«

2 Gedanken zu “Runter kommen sie alle

    1. PhanThomas

      Beitragsautor

      Die sind auch sozusagen, äh, aus einer Liste entliehen. Auf solche schrägen Namen wäre ich selbst auch nicht gekommen. 😉

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