Von Sandmännern, Lametta und Erinnerungen

Ich habe kürzlich darüber nachgedacht, was wohl meine früheste Erinnerung sein mag. Ich erinnere mich an einen Morgen in meiner Kindheit: Meine Mutter weckt mich, und als ich partout nicht aufstehen will, schleppt sie mich aus dem Schlafzimmer hinüber ins Wohnzimmer. Klein und leicht bin ich. Das mit dem Nichtaufstehenwollen habe ich natürlich auch heute noch (Ich bin eine Eule.), aber damals, da war das noch viel schwerer. Wir hatten ja nichts in diesen rauen Jahren, schon gar keine Zentralheizung. Der gelbe Kachelofen schlief länger als ich, heißt, am Frühstückstisch war es bitterkalt. Ist es in meiner Erinnerung deswegen auch.

Und in meiner Erinnerung ist Nikolaustag. Meine Schwester und ich bekommen dasselbe Geschenk: einen Sandmann zum Aufziehen. Ich weiß nicht, warum ich so was geschenkt bekomme, meine aber, dass ich's mir gewünscht habe. Meine Schwester sicher nicht, die ist da noch zu klein. Später wird sie das gut draufhaben, das Äußern von Wünschen, aber in meiner Erinnerung ist das noch nicht so. Drum kriegt sie, was ihr Bruder bekommt, so heult sie wenigstens nicht.

Zufrieden, mich noch soweit erinnern zu können, schiebt sich eine andere Bildfolge dazwischen. Ich schleiche früh morgens aus dem Schlafzimmer. Vielleicht muss ich zur Toilette, vielleicht will ich auch einfach nur schleichen. So schleiche ich ins Wohnzimmer hinüber. Hier ist inzwischen der Weihnachtsbaum aufgebaut. Eine echte Tanne natürlich, in meiner Erinnerung sind die noch nicht künstlich bei uns, behangen mit jeder Menge Lametta, weil mein Vater meint, das gehört eben an den Baum. Und diese kleinen, bunten Laternen sind am Baum befestigt. In späteren Jahren sind die nicht mehr da, warum auch immer, denn ich meine, sie immer gemocht zu haben, diese kleinen, bunten Laternen.

Und dann fällt mir auf, dass der Baum in einer ganz anderen Wohnung steht als der aufziehbare Sandmann. In der, welche wir vorher bewohnten nämlich, und es wird klar, dass meine erste Erinnerung gar nicht die an den Sandmann ist, sondern eher die an den Baum. Doch selbst da bin ich mir nicht sicher. Vermutlich wurde ich am Nikolausmorgen auch nicht aus dem Bett getragen, sondern an einem ganz anderen. Alles vermischt sich zu einem Brei, den ich nun Vergangenheit nennen muss, weil so Vieles, das wirklich war, in Vergessenheit geraten ist. Und ich frage mich, wird das auch in zwanzig, dreißig Jahren mit dem Jetzt so sein? Werde ich darüber nachdenken, dass ich damals ja noch bloggte, werde ich den Zeitpunkt des Entstehens dieses Posts einer falschen Umgebung zuordnen und glauben, genau so muss es gewesen sein? Werde ich mich überhaupt erinnern?

Hat was Trauriges, doch irgendwie auch etwas Tröstliches.

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