Märchenstunde

Äh, das folgende Pamphlet ist wohl tatsächlich so was wie ein Märchen geworden. Etwas viel Text fürs Blog natürlich, aber das ist man bei mir ja gewohnt, so man noch dabei ist. Inspiration war der Geschichtenband »Der Bettler, der Glück bringt« von Hans Fallada.

Reiche Ernte

Auf einer Farm, irgendwo im Nirgendwo, da lebte ein Bauer mit seiner Frau. Seine beiden Kinder, Junge und Mädchen, waren schon erwachsen und hatten das elterliche Nest längst verlassen. »Was sollen wir hier auf dem Land schon anfangen?«, hatten die beiden sich selbst und schließlich ihre Eltern gefragt. Die Eltern wussten darauf keine rechte Antwort, zuckten mit den Schultern, und so zogen die Kinder schließlich in die große Stadt. Und das war auch gut so, befanden der Bauer und seine Frau, schließlich waren ihre Zöglinge junge, erwachsene Menschen, und was konnte aus jungen, erwachsenen Menschen hier auf dem Land schon werden, wenn sie selbst nicht Bauern sein wollten?
Für den Bauer aber war das alles nichts. Er lebte weiterhin mit seiner Frau auf der alten Farm, deren Land schon sein Vater und davor dessen Vater bewirtschaftet hatten. Hier arbeitete er von früh bis zum späten Abend, kümmerte sich um seine Felder, um das Vieh und um die Früchte an den Bäumen.

Und das machte er ausgesprochen gut, der Bauer, denn weit und breit konnte keiner so üppige Ernten vorzeigen wie er. Auf den Nachbarsfarmen munkelte so mancher, hier sei ja wohl Hexenwerk im Spiel, andere wieder meinten, es müsse einfach irgendwas im Wasser sein, das die Früchte so groß und das Vieh so kräftig werden ließ. Doch gelüftet hatte das Geheimnis bisher nie jemand.

Eines Tages kam der alte Bauer Lampe an der besagten Farm vorbei. Langsam und bedächtig fuhr er mit seinem Pferdekarren den Weg entlang und schaute dabei zu, wie auf dem reich bepflanzten Feld die Kartoffeln geerntet wurden.

»Ja schau an, Gustav! Was hast du da auch wieder große Kartoffeln?« Und wie zur Bestätigung pfiff er durch die gespitzten Lippen, als Bauer Gustav die riesigen Knollen in die Höhe hielt.

»Nicht wahr?«, sprach dieser und besah stolz die gerade aus dem Boden gezogenen Kartoffelknollen. »Die werden einen prächtigen Auflauf ergeben. Und von den Verkäufen werden wir auch ein Weilchen ganz gut leben können.«

Bauer Lampe nickte anerkennend, jedoch nicht ohne ein gehöriges Maß an Neid zu empfinden. »Das mag wohl alles sein. Wieder einmal werden deine Frau und du gut davon leben können, jawoll. Aber sag, Gustav ...«, sprach Lampe weiter und kratzte sich die verschwitzte Stirn, die in der viel zu heißen Oktobersonne briet wie ein Spiegelei in der Pfanne. »Wie machst du das nur?«

»Wie mache ich was?«, fragte Bauer Gustav und schaute Lampe, der noch immer auf seinem Wagen saß, verwundert an.

»Wie du wohl so große Feldfrüchte hinbekommst, möchte ich wissen. Und dein Vieh, das ist so kräftig, da möchte man ja fast ins noch herumtollende Schwein hineinbeißen.« Lampe war nicht ganz dumm und umso gerissener, und so versteckte er seine Frage hinter dem Scherz mit den Schweinen, denn wenn er erst das Geheimnis kannte, würde er noch viel größere Früchte und viel prächtigeres Vieh züchten als Bauer Gustav. Wusste doch jeder, dass der Gustav nicht ganz helle im Kopf war, da würde das schon gut gehen. Eines Tages, da würde er sich aber umgucken!

Und tatsächlich lachte Bauer Gustav laut auf. »Ach Lampe«, sagte er noch immer belustigt. »Nicht, dass ich dich eines Tages bei meinen Schweinen erwische und dich mit der Flinte aus dem Stall und vom Hof jagen muss.« Dann besann er sich und dachte über die eigentliche Frage nach. »Aber was es mit der guten Ernte auf sich hat ... tja, weißt du, mein Vater, der hatte selbst schon so viel Glück, wenn es nicht gerade dürre Jahre waren. Und als ich noch Kind war, da sagte er immer: Junge, mögen wir auch nicht gebildet sein, so ernten doch die dümmsten Bauern immer die dicksten Kartoffeln. Am Ende tat er aber einfach, was er am besten konnte, mein Vater, und genauso handhabe ich es eben auch.«

»So meinst du, es liegt tatsächlich an der Dummheit, dass du deine Kartoffeln kaum eigenhändig vom Feld tragen kannst?«, fragte Lampe darauf skeptisch, dem schließlich doch ein Licht aufging, denn wie schon erwähnt, wusste jeder im Dorf, dass der alte Gustav und seine Olle nicht so helle im Oberstübchen waren. Konnte es also tatsächlich sein, dass einzig schiere Dummheit das ganze Geheimnis um die sagenhaften Ernten des Bauern Gustav war?

Und als Lampe weiter nachdachte und nichts mehr sagte, da war dem Gustav die Stille doch ein wenig unbehaglich. »Sag doch, Lampe, warum kommst du nicht einfach heute Abend zum Essen zu uns ins Haus? Dann sollst du die Kartoffeln nicht nur ansehen, sondern auch ihren Geschmack genießen können.«

Bauer Lampe aber winkte ab, nahm die Zügel wieder in die Hand und sagte: »Da tritt mich doch glatt mein alter Gaul, fällt mir eben gerade ein, dass ich ausgerechnet heute Abend noch wichtige Geschäfte zu erledigen habe. Wie gern hätte ich deine Einladung angenommen, alter Freund. Vielleicht gibt es ein nächstes Mal?«

»Gewiss wird es das geben«, sagte Bauer Gustav, nickte und winkte dem davonfahrenden Lampe kurz nach, bevor er sich wieder seinen Knollen zuwandte und nicht weiter über das Gespräch nachdachte.

Lampe aber, der dachte natürlich an gar nichts anderes mehr. Ha, dem alten Gustav und seiner Schrulle würde er es schon zeigen. Endlich kannte er das Geheimnis um die wunderbaren Ernten, die er selbst nie hatte. Und jetzt würde er sich selbst einfach so dümmlich im Leben anstellen, wie es nur ging. Durch seine Klugheit würde er so dumm sein wie nie jemand vor ihm und so die größten Kartoffeln ernten, die diese Welt je gesehen hatte. Dem alten Gustav würde er es schon zeigen, jawoll!

Doch wie sollte er das am besten anstellen, so dumm zu werden wie Bauer Gustav? Und wie er darüber nachdachte und sein roter Schädel weiter in der Sonne briet und brutzelte, ging ihm abermals ein Licht auf. Er würde seine alten Freude Hinze und Gotthold zusammenrufen und in der Schenke mit ihnen beraten, wie am besten vorzugehen sei. Zwar würden dann auch diese beiden Halunken das Geheimnis um die reiche Ernte kennen, doch wenn mit dreifacher Klugheit umso größere Dummheit bewerkstelligt werden konnte, dann mussten die Feldfrüchte am Ende so groß werden, dass selbst Mutter Erde unter ihrer Last stöhnte und niemand je wieder über die Farm des dummen Gustav reden würde.

So trug es sich zu, dass Lampe, Hinze und Gotthold am späten Abend beim Starkbier in der Dorfschenke zusammensaßen und miteinander redeten. Hinze und Gotthold hörten wie gebannt zu, was der alte Lampe über Bauer Gustavs Geheimnis zu berichten hatte.
»Wusste ich doch längst, dass es irgendein Geheimnis geben muss«, sagte schließlich Hinze und schlug die Faust auf den Tisch, dass die Krüge schepperten.

»Und weder Hexerei ist im Spiel, noch ist es besonderes Wasser, das Früchte und Vieh so gut gedeihen lässt, sondern einfach plumpe Dummheit«, sprach dann Gotthold und schüttelte den Kopf. »Das ist so dumm, dass ich selbst niemals darauf gekommen wäre.«
»Wie aber, frage ich«, schloss Bauer Lampe an, »schaffen wir es nun, noch dümmer zu sein, um selbst die dicksten Kartoffeln zu ernten? Wie nur, wie soll jemand, der so klug ist wie wir, so dumm werden wie der alte Gustav?«

So dachten sie ausgiebig nach, alle drei, und schwiegen und leerten dabei die Humpen. Und als die schließlich leer waren, ließen sie die nächsten kommen und dann die nächsten.

Noch immer hatte keiner der drei ein Wort gesprochen, und allen schwirrte schon der Kopf vom Nachdenken und noch viel mehr vom Starkbier, und wie sich alles drehte und das Licht vor dem eigenen Auge flackerte, ging dem Lampe abermals ein Licht auf. »Ich denke, die Lösung, meine Freunde, steht direkt vor uns. Wir trinken uns einfach dumm und dusselig. Nichts macht dümmer als zu viel Alkohol. Gegen so viel Dummheit kommt auch kein Bauer Gustav an. Am Ende werden wir unsere Kartoffeln nur noch mit starken Bullen vom Feld ziehen können, und das Vieh wird so kräftig und prächtig sein wie sonst keines auf der weiten Welt.« Da lächelten sie alle drei, obwohl dem Lampe gar nicht nach Lachen zumute war, schließlich war er jetzt ganz allein auf die Lösung gekommen. Da hätte es die anderen beiden gar nicht gebraucht. Jetzt würden auch sie von dem Geheimnis zehren, diese Schmarotzer, und hatten doch nichts beigetragen.

So zogen die Monate gemächlich ins Land. Auf den Herbst folgte wie immer schon der Winter, und Bauer Gustav lebte gut vom Verkauf seiner Feldfrüchte. Seine liebe Frau und er hatten es warm im Haus, weil immer Geld für Brennholz da war, und immer waren sie satt, weil die letzte Ernte so üppig ausgefallen war und alles Benötigte ohne Probleme im Dorf beschafft werden konnte.

Lampe, Hinze und Gotthold aber hatten es nicht leicht. Sie trafen sich oft und soffen, soffen und soffen weiter, bis die Nasen rot, die Bäuche dick und die Köpfe immer leerer wurden. »Ich glaube, wir sind schon reichlich dumm«, sagte Lampe eines Abends, und die beiden anderen sahen ihn mit ihren glasigen Blicken an und nickten.

Der Winter war lang und kalt, und eines Nachts kam es, dass der alte Gotthold, betrunken wie ein Amtmann, auf dem Heimweg zu sehr taumelte, von der Brücke stürzte und schließlich im hohen Schnee liegen blieb. Am nächsten Morgen war er ganz blau gefroren und mausetot. Als Bauer Gustav von dem Unglück hörte, war er betrübt. Seine Frau und er schickten der Witwe einen Korb mit dem Nötigsten, mit dem sie erst einmal über die Runden kommen sollte. Auch Hinze war traurig, seinen Freund verloren zu haben und trank darum gleich noch mehr. Nur Lampe dachte: Recht so, muss ich das Geheimnis nur noch mit dem ollen Hinze teilen. So trauerte er nicht und freute sich nur auf die reiche Ernte im neuen Jahr.

Der Frühling kam, und die Felder wurden wieder bestellt, da geschah das nächste Unglück. Auf dem Feld wurde der alte Ackergaul Johann ganz unruhig, als der fette und ganz und gar betrunkene Hinze um ihn herumtaumelte, als führte er einen Tanz auf. Er schimpfte, weil der Alkohol immer nur das Schlechteste im Menschen zum Vorschein brachte, er zeterte und schlug den alten Gaul, bis es diesem genug war und er einmal kräftig austrat. Da war es um den Bauern Hinze auch schon geschehen. So tot lag er da wie seine Felder, auf denen längst nichts mehr wuchs, weil er sie in seiner Trunkenheit sträflich vernachlässigt hatte. Und wieder schickte Bauer Gustav einen Korb an die Witwe, und wieder dachte Lampe: Recht so, nun ist alles, wie es sein soll, und ich habe das Geheimnis für mich allein. Und so trank er weiter, trank und trank und versuchte, die Kartoffeln zu legen und das Vieh zu versorgen, während er sich auf die reiche Ernte im neuen Jahr freute.

Frühling und Sommer gingen dahin, schließlich kehrte wieder der Herbst ein. Es war ein gutes Jahr gewesen, und die Ernte auf Bauer Gustavs Farm fiel reicher aus denn je. Und weil sich Vieles wiederholt und man sich immer zweimal trifft im Leben, kam es, dass an einem schönen Tag im Oktober der Gustav wieder die Kartoffeln aus dem Boden zog, als der alte Lampe am Feld vorbeikam. Doch dieses Mal saß er auf keinem Wagen, sondern humpelte mit einer schäbigen Krücke herbei. Schlecht sah er aus, das sah Bauer Gustav sofort, aufgeschwemmt, schmutzig und um Jahre gealtert.

»Sag, alter Freund, was ist mit dir geschehen?«, fragte Gustav.

»Ach komm, du Lumpenhund, du!«, schimpfte Lampe da nur. »Dumm müsse man sein, um so große Kartoffeln zu ernten wie du, hast du mir erzählt. Und nach einem ganzen Jahr der Sauferei bin ich gewiss so dumm wie niemand sonst. Doch was macht meine Ernte? Gar nichts, denn nichts will mehr wachsen auf meinen Feldern. Das Vieh ist verendet oder ganz abgemagert, und nun hat mich auch noch meine Alte aus dem Haus gejagt und mir gesagt, ich soll bleiben, wo der Pfeffer wächst.«

Gustav wusste nicht, wo der Pfeffer wuchs, und er wusste auch nicht, was er dazu sagen sollte, doch er wollte etwas sagen, und als er den Mund aufmachte, winkte Lampe nur ab und spuckte Gift und Galle. »Halt mir bloß das Maul! Nie wieder will ich auf einen wie dich hören, du falscher Fuffziger. Ruiniert hast du mich, belogen und betrogen. Geh mir aus den Augen.«

So hatte der Lampe sich noch einmal Luft gemacht, bevor er davonzog und ihn im Dorf wie im Umland nie mehr jemand sah. Und wie er noch so von dannen ging, blickte Bauer Gustav seinem früheren Freund ganz verwundert nach. Was hatte er denn nur über die Dummheit gesagt oder falsch gemacht? Bestimmt ein Jahr war er dem Lampe schon nicht mehr begegnet, da war die Erinnerung nicht mehr taufrisch, und auch sonst hatte er doch nichts Unrechtes getan. Gearbeitet hatte er stattdessen, Tag ein, Tag aus, wie er es immer schon gemacht hatte, sorgsam seine Felder bestellt, gewissenhaft das Vieh versorgt, und so eben das getan, was er zwar einzig, dafür aber am besten konnte.

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